Denunziert und ermordet

Ein Stolperstein für Friedrich Henkel wurde auf dem  Bissingheimer Dorfplatz verlegt.
Ein Stolperstein für Friedrich Henkel wurde auf dem Bissingheimer Dorfplatz verlegt.
Foto: WAZ FotoPool

Bissingheim..  Er sagte stets offen seine Meinung. Das wurde Friedrich Henkel im Dritten Reich zum Verhängnis. Der Bissingheimer Sozialdemokrat starb am 30. Januar 1945 im KZ Sonnenburg. Zum Gedenken an den ehemaligen Genossen weihte der SPD-Ortsverein Bissingheim gestern einen Stolperstein auf dem Dorfplatz ein.

„Meine Mutter und ich hatten ständig Angst um meinen Vater. Er verachtete die Nazis zutiefst und machte aus seiner Haltung keinen Hehl“, erzählt Tochter Inge Mischel. Die Familie war 1923 von Essen nach Bissingheim gezogen, lebte dort in einem kleinen Häuschen an der Berglehne 27. Fritz Henkel, der bei der Bahn arbeitete, engagierte sich von Anfang an in dem 1922 gegründeten SPD-Ortsverein. Er war überzeugter Sozialdemokrat und äußerte sich im Gespräch mit Nachbarn und Arbeitskollegen unverblümt zur Schreckensherrschaft des Naziregimes.

Wie Aussätzige behandelt

Im Juli 1943 wurde er von Arbeitskollegen im damaligen Reichsbahnbetriebswerk in Wedau bei der Gestapo denunziert. Man verurteilte ihn wegen angeblich staatsfeindlicher Äußerungen. „Vor seinem Haftantritt hat er meine Mutter und mich noch beruhigt. Wir sollten uns keine Sorgen machen, er sei bald wieder da“, erinnert sich Inge Mischel.

Es kam anders. Friedrich Henkel wurde wegen „Wehrkraftzersetzung“ verurteilt. Es durchlitt ein Martyrium in verschiedenen Haftanstalten und schließlich im KZ.

Auch für die Familie in Bissingheim begann eine schlimme Zeit. Sie musste nicht nur mit der Sorge um Ehemann und Vater leben, sondern wurde zudem ausgegrenzt. „Wir wurden wie Aussätzige behandelt. Immer, wenn ich mit dem Zug in die Stadt fuhr, musste ich allein sitzen. Meine früheren Freundinnen setzten sich von mir weg“, erinnert sich die Tochter.

Im Oktober 1945 erreichte die Henkels schließlich die offizielle Nachricht der Stadt Berlin, dass Friedrich Henkel kurz vor Kriegsende, am 30. Januar 1945, von der SS erschossen worden war. Die grausamen Details über das Massaker im KZ Sonnenburg, bei dem 750 Menschen ermordet wurden, schilderte der erschütternde Brief eines überlebenden Mitgefangenen, der im Dezember 1945 in Bissingheim eintraf.

Die Arbeitskollegen, die Friedrich Henkel seinerzeit denunziert haben, sind bekannt, wurden aber nie zur Rechenschaft gezogen. Die Familie zog aus Bissingheim fort, Tochter Inge Mischel lebt seit langem in der Nähe von Hannover.

Die SPD-Bissingheim hat den Stolperstein zum 90. Bestehen des Ortsvereins gespendet. „Wir haben ihn bewusst nicht vor dem ehemaligen Wohnhaus der Henkels an der Berglehne verlegt. Dort ist der Gehweg so schmal, dass Autos über den Gedenkstein gefahren wären“, erklärt der Ortsvereinsvorsitzende Dieter Lieske.