Das ganze Leben in 43 Umzugskartons

15 Jahre lang hat Sieglinde Grundmann mit ihrem Mann Urlaub in Österreich gemacht, jetzt ziehen die beiden hin.
15 Jahre lang hat Sieglinde Grundmann mit ihrem Mann Urlaub in Österreich gemacht, jetzt ziehen die beiden hin.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Sieglinde und Rainer Grundmann wandern aus. Vermissen werden sie „Currywurst und Mett, Trödelmärkte und den MSV“.

Huckingen..  Ihr ganzes Leben haben Sieglinde und Rainer Grundmann in den letzten Wochen eingepackt, Stück für Stück ist es in Umzugskartons verschwunden. Jetzt wartet das Leben der Huckinger in Keller und Garage auf den großen Tag: Am 27. Juli schließt das Ehepaar die Haustür zum letzten Mal hinter sich ab. Dann steigen sie in den Wagen und fahren los. Es wird eine lange Fahrt: Nach 66 beziehungsweise 71 Jahren in Deutschland wandern sie aus nach Österreich.

Knapp 700 Kilometer trennten die Grundmanns bisher von ihrer Tochter und den drei Enkeln, fünf Kilometer sind es nach dem Umzug noch. „Sie hat als Kind schon gesagt: ,Mama, wenn ich groß bin, ziehe ich nach Österreich’“, erinnert sich Sieglinde Grundmann. Vor über 20 Jahren heiratete die Tochter ins Nachbarland ein und erfüllte sich ihren Kindheitstraum. Nun ziehen die Eltern hinterher.

Das Haus ist verkauft, der Mietvertrag für die neue Wohnung unterschrieben, 43 Umzugskartons sind gepackt. „Ich habe alle Schränke leer.“ Auch die erste Freundschaft mit dem Nachbarn ist schon geschlossen. Etwas, das die Grundmanns in Deutschland zuletzt vermisst haben: „Wir haben hier niemanden mehr“, bedauert Sieglinde Grundmann, von der einst großen Clique sind nur noch drei Freunde übrig. Trotzdem ist „ein bisschen Wehmut dabei“, gibt ihr Mann zu: „Ich als Duisburger fühle mich hier sauwohl, ich würde nie wegziehen, wenn die Kinder nicht wären.“

In Österreich gibt es kein ,Sie’ als Anrede

Vermissen werden sie die alte Heimat schon: Auf „Currywurst und Mett, Trödelmärkte und den MSV“ müssen sie im neuen Land verzichten. Umstellen müssen sie sich auch sprachlich: Den österreichischen Dialekt hat Sieglinde Grundmann zwar drauf, aber Vorarlbergisch: „Das kann man nicht lernen, da versteh’ ich kein Wort“ -- auch nicht, wenn der Enkel darin loslegt. Und, eine feinere Änderung: „Da gibt es kein ,Sie’.“ Rainer Grundmann ergänzt: „Und keine WAZ.“ Für das Ehepaar ein spürbarer Verlust: 1959 abonnierten schon Rainer Grundmanns Eltern die Zeitung; 45 Jahre lang lag sie bei den beiden selbst täglich im Briefkasten.

Dafür locken neben der Familie andere Vorzüge, die Duisburg den Grundmanns nicht bieten kann: „Die schöne Landschaft“ nennt Rainer Grundmann, und seine Frau ergänzt: „Und das ruhige Leben.“ Die Österreicher seien „nicht so hektisch“, dafür freundlicher. Bei weniger Hektik werden die Grundmanns ihre Zeit in Österreich umso mehr genießen können. Auch wenn ihre neue Heimatstadt Nüziders „ein kleines Dorf“ von gerade einmal 5000 Einwohnern ist: Bregenz und Innsbruck sind nur 40 Kilometer entfernt, „in die Schweiz fahren wir 20 Minuten, und es ist nicht weit nach Italien.“ Kurz gesagt: „Wir ziehen dahin, wo andere Urlaub machen.“