Amputierte lernen an der Duisburger BGU neu gehen und leben

Der Orthopädiemechaniker kann die Prothese so anpassen, dass sie zum Körper des Patienten passt. Aber er kann nicht den Kopf des Patienten an die Prothese anpassen. Dafür ist Uwe Kappertz (rechts) da. Auch Patient Ediz Karul (links) hat er Zuversicht eingeflößt.Fotos:Michael Dahlke
Der Orthopädiemechaniker kann die Prothese so anpassen, dass sie zum Körper des Patienten passt. Aber er kann nicht den Kopf des Patienten an die Prothese anpassen. Dafür ist Uwe Kappertz (rechts) da. Auch Patient Ediz Karul (links) hat er Zuversicht eingeflößt.Fotos:Michael Dahlke
Was wir bereits wissen
Ein Pilotprojekt an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Duisburg hilft amputierten Patienten zurück ins Leben. Die Helfer tragen selbst eine Prothese. Das macht sie glaubwürdig.

Duisburg.. Eine Amputation bedeutet nicht nur einen tiefen Einschnitt in den Körper des Patienten, sondern auch in sein Leben. Damit mit der Wunde auch die Psyche heilt, hat die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Buchholz (BGU) ein Pilotprojekt eingeführt, in dem Amputationsverletzte zu Helfern werden: Selbst mit Prothesen wieder mitten im Leben stehend, helfen sie Patienten, ihren persönlichen Weg dorthin zu finden.

„10. Oktober 2013.“ Der Tag, an dem sich das Leben von Ediz Karul veränderte. Ein Arbeitsunfall. Am Morgen hatte Karul das Firmengelände auf beiden Beinen betreten. Als er es wieder verließ, war das eine Bein schwer verletzt, das andere schwerer. Im Krankenhaus stellten ihn die Ärzte vor die Wahl: „Entweder wir nehmen es weg, und Sie haben ein normales Leben. Oder wir lassen es dran, und Sie haben Qualen.“ Karul entschied sich gegen das Bein. Für das Leben.

Zuerst: Angst vor einem Leben auf Krücken, im Rollstuhl, als Krüppel

„Subjektiv ist das Leben erstmal vorbei“, sagt Uwe Kappertz über die Zeit nach der Amputation. Er ist sogenannter Peer-Unterstützer für untere Extremitäten: der Mann, den der Stationsarzt anruft, wenn ein Fuß abgenommen werden musste, ein Unterschenkel, ein Bein. Kappertz weiß, wovon er spricht, was die frisch Amputierten durchmachen. „Ich hab’ die ganze Geschichte ja selbst durchlaufen.“ Mit 15 verlor er bei einem Motorradunfall den linken Unterschenkel. Heute hilft er denen, die eine Gließmaße verloren haben, dabei, nicht die Lebensfreude zu verlieren. Beziehungsweise: sie wiederzufinden. Ein langer Weg, an dessen Anfang für viele Horrorvisionen stehen von einem Leben im auf Krücken, im Rollstuhl, als Krüppel. Horrorvisionen, hervorgerufen durch Angst und Unwissenheit.

Kappertz kontert sie. Sobald der Patient nach der Operation stabil ist, spricht er mit ihm. 30 bis 40 Amputierte pro Jahr betreut er auf diese Weise, schätzt er. Zeigt Perspektiven auf, beantwortet Fragen. Nur über eins spricht er bewusst nicht: dass er selbst unterschenkelamputiert ist. Im Gespräch mit den Verletzten wird diese Tatsache zum Trumpf, den er gezielt ausspielt. Oft erntet er dann ungläubiges Staunen: Das kann doch nicht sein, dass dieser Mann, der ein ganz normales Leben führt, amputiert ist? Auch Karul staunte. „Dass er eine Prothese trägt, hat man gar nicht gesehen.“ Der Aha-Effekt macht Kappertz glaubwürdig und den Patienten Mut. „Dann ist man im Gespräch. Dann ist man das lebende Beispiel für das, was noch geht.“

Später: Zuversicht – durch Vorbilder wie beinamputierte Extremsportler

Aus der Angst vor dem, was alles nicht mehr gehen könnte, macht Kappertz die Frage: „Was geht für mich wieder?“ Einen anderen Job bei seinem Arbeitgeber hat Karul sicher, da stellte er sich vor allem die Frage: Würde er wieder beim Krafttraining pumpen können, wieder joggen? „Ich bin leidenschaftlicher Sportler.“ Sport mit Prothese belastet die Gelenke stärker; „die Haltung, die Statik, die nötige Körperspannung ist eine andere“, erklärt Kappertz. Die Gespräche mit ihm haben Karul Zuversicht eingeflößt, „ich hab’ recherchiert: Was ist möglich?“ Er fand einen beinamputierten Leichtathleten, der bei den Paralympics an den Start geht, einen Kletterer, der mit Unterschenkelprothesen steile Felswände erklimmt. Vorbilder, die ihm Mut machen. „Ich glaube nicht, dass ich wieder joggen kann, aber Fahrradfahren geht, Schwimmen sowieso.“ Sowieso. Er sagt das beiläufig daher, ohne darüber nachzudenken. Umso stärker unterstreicht es die Selbstverständlichkeit, mit der der beinamputierte Mann über Sport spricht. Keine Frage, dass er sich auch ans Krafttraining wieder heranarbeitet.

Hoffnung, Vorbilder, der Blick auf die Möglichkeiten statt auf die Einschränkungen entfesseln Selbstheilungskräfte, ist Kappertz überzeugt. Karul jedenfalls ist wieder auf die Beine gekommen: Der Mann, der nach der Operation Hilfe brauchte beim Duschen, Haare waschen, Anziehen, sagt heute: „Ich kann wieder alles machen. Nur Teller kann ich noch nicht tragen“; die Hände sind schließlich voll mit den Gehhilfen. Noch.

Noch diesen Monat wird er sie loswerden: wieder ein Stück Unabhängigkeit mehr. Anfang des Jahres ist Ediz Karul Vater geworden, jetzt freut er sich auf die Freiheit von den Krücken: „Dann kann ich mit dem Kinderwagen spazierengehen.“ Jeder Schritt führt ihn ein Stück weiter in die Zukunft.