Stationen des Leids

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Wanheimerort..  Zum ersten ökumenischen Kreuzweg durch ihr Viertel trafen sich nun evangelische und katholische Christen in Wanheimerort. „Unsere ökumenischen Passionsandachten kamen immer gut an, dieses Jahr wollten wir etwas Neues machen“, sagt Jürgen Muthmann von der evangelischen Gemeinde. Die Idee zum Kreuzweg stammte von Pastor Henryk Rak von St. Petrus Canisius, der auch für Kreuz und Leuchter sorgte. Gut 40 Menschen machten sich nach einer Eröffnungsandacht gemeinsam auf den einstündigen Weg und besuchten drei Stellen, an denen in Wanheimerort Leid geschehen ist. „Auch dafür steht Jesu Leiden und Sterben“, sagt der Pfarrer, „wir haben die Kreuzwegstationen in unserem Stadtteil verortet.“

Die erste Station lag in der Erlenstraße 127a. Dort wurde im Februar 1933 nur drei Tage nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die junge KPD-Kassiererin Wilhelmine Struth durch das Fenster ihrer Wohnung erschossen. Die neuen Machthaber gingen sehr zügig an die Beseitigung potenzieller Träger des Widerstandes.

In der Eschenstraße gedachten alle der Inhaberin eines Friseursalons. Sie und ihr Bruder wurden vor 15 Jahren von ihrem Ehemann vor dem Laden erschossen. Danach tötete er sich selbst. Die Friseurin aus Afghanistan war im Viertel sehr beliebt und viele Menschen erinnern sich noch an die Tat, durch die drei Kinder zu Waisen wurden. „Bleibet hier und wachet mit mir“, sangen die Kreuzwegteilnehmer auf der Straße und einige Kinder, die dort gespielt hatten, kamen dazu und sangen mit.

„Wir hatten einige Aufmerksamkeit im Viertel, obwohl das Wetter eher schlecht war“, sagt Muthmann, dem auch daran gelegen war, den Glauben der Gemeindemitglieder im Stadtteil sichtbar zu machen. Die letzte Station war das Haus Nummer 15 in der Schmiedestraße, wo im Februar 1933 Heinrich Bachler verhaftet wurde. Der gebürtige Ostpreuße war KPD-Mitglied und starb 1944 an den unmenschlichen Haftbedingungen im Konzentrationslager. Unter den Andächtigen war auch seine Schwiegertochter, die über das Engagement ihres Mannes Bruno Bachler erzählte, der im KZ-Buchenwald inhaftiert war. Er half nach dem Krieg beim Aufbau des Bundes der Antifaschisten und starb 2011.

Der erste ökumenische Kreuzweg endete mit einer gemeinsamen Andacht in der Kirche St.Michael. Es soll nicht der letzte gewesen sein. „Leidensstationen gibt es in Wanheimerort mehr als genug“, sagt der Pfarrer nachdenklich.