Städte sollen Fußgänger und Radler stärker berücksichtigen

Die „Spielstraße“ am Stadtheater sei „ein gutes Beispiel, wie Verkehrsteilnehmer miteinander funktionieren“, findet Planungsdezernent Carsten Tum.
Die „Spielstraße“ am Stadtheater sei „ein gutes Beispiel, wie Verkehrsteilnehmer miteinander funktionieren“, findet Planungsdezernent Carsten Tum.
Foto: Stephan Glagla / Funke Foto Serv
Was wir bereits wissen
Stadtplaner aus dem westlichen Ruhrgebiet diskutierten beim Politikforum der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte (AGFS) in Duisburg Mobilitätskonzepte der Zukunft.

Duisburg.. In der Stadt der Zukunft soll es so sein wie vor einen halben Jahrhundert. Da gehen Menschen zu Fuß und fahren mit dem Rad. Da fahren so wenige Autos, dass Kinder auf den Straßen spielen können. Die Voraussetzungen für eine Zeitreise skizzierte die „Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte“ (AGFS) bei ihrem Politikforum in der Kulturkirchen Liebfrauen.

Über Jahrzehnte folgte Stadtplanung dem Wunsch der Autofahrer, sich möglichst ungehindert von A nach B bewegen zu können. Einen Wandel in der kommunalen Verkehrspolitik will die Arbeitsgemeinschaft anstoßen, der auch Duisburg angehört. Sie drängt auf eine konsequente Förderung der „muskelbasierten Mobilität“.

Leben im Revier Um Autofahrer zu Fußgängern und Radfahrern zu machen, braucht es eine „bewegungseinladende Infrastruktur“, sagt AGFS-Vorstand Christine Fuchs vor Vertretern der Städte des westlichen Ruhrgebiets in der Kulturkirche Liebfrauen. Dem Argument der kommunalen Haushaltsnot, die Investitionen in die Umgestaltung verhindere, begegnet Fuchs mit einer volkswirtschaftlichen Gegenrechnung: „Fehlernährung und Bewegungsmangel sind Epidemien. Bewegung ist die beste Medizin.“ Will sagen: Die Ausgaben für Straßen, Wege und Plätze, die zur Bewegung einladen, werden bei den Gesundheitskosten eingespart.

Zweiräder haben Anteil von 25 Prozent in NRW-Städten

Dazu, so Fuchs, gelte es, die Stadt als Lebensraum und den Radverkehr als System zu verstehen: Mit entsprechenden Straßen, Service und Kommunikation. Schon heute seien die Zweiräder mit einem Anteil von bis zu 25 % in NRW-Städten „ein heimlicher Massenverkehr“. Die Planung von fünf Radschnellwegen in NRW sei immerhin ein hoffnungsvolles Zeichen, dass dieser Entwicklung Rechnung trage, ebenso ein Aktionsplan des Landes, der Ressort übergreifende Maßnahmen bis zum Jahr 2020 definiert.

Die AGFS will bei der Entwicklung zukunftsfähiger Mobilitätskonzepte mehr sein als eine Forum für die Städte und Qualitätsprädikat für den erleichterten Zugang zu Fördermitteln. Christine Fuchs: „Als Bindeglied zu den Ministerien setzen wir uns ein für die Vision, den Anteil der Nahmobilität per Rad und zu Fuß auf 60 Prozent zu steigern. Das ist möglich, einige Städte sind schon nah dran.“

Opernplatz als gutes Beispiel

Für die Revierstädte ist dieser Weg noch weit. Der Platz vor dem Opernhaus sei immerhin ein gutes Beispiel für ein Miteinander von Radfahrern, Fußgängern und Autos, findet Planungsdezernent Carsten Tum. Er werde den Forderungen widerstehen, die „Spielstraße“ abzuräumen: „Die Schilder bleiben.“

„Radschnellwege können das Pendlerpotenzial deutlich steigern"

Franz Linder, Inhaber eines Kölner Planungsbüros und einer Agentur für Kommunikation und Mobilität in Köln gilt als „kreativer Vordenker“ der AGFS. „Städte brauchen eine strategische Verkehrsplanung und eine Vision von urbaner Mobilität“, sagt er. Eine großes Steigerungspotenzial bei der Bewältigung der Wege innerhalb der Stadt habe dabei Fuß- und Radverkehr“, glaubt der überzeugte Fußgänger.

Obwohl junge Erwachsene weniger Pkw fahren, werde der Höhepunkt der Automotorisierung erst in der Mitte der 2020er Jahre erreicht, erklärte Linder auf dem Duisburger AGFS-Forum. „Der Lieferverkehr in den Städten wird weiter wachsen, Logistik ist ein Riesenthema. Nicht erstaunlich, wenn wir alle mehr Waren im Internet bestellen.“ Allerdings: Auch dabei könnte das Rad eine größere Rolle spielen. Linder verweist außerdem auf die enormen Zuwächse bei E-Bikes und Pedelecs. Im Vergleich zu den Zuwächsen bei den Verkaufszahlen der Fahrräder mit „eingebautem Rückenwind“ nehme sich die Steigerung bei E-Autos und Car-Sharing geradezu „homöopatisch“ aus.

Die Mobilität der Zukunft beschreibt Linder als „intermodal“: Mit Rad, zu Fuß, mit Bus und S-Bahn zum Arbeitsplatz und zurück. Schon heute sind 44 Prozent der Menschen so unterwegs, 40 % nutzen den Pkw. Linder: „Radschnellwege könnten dieses Pendlerpotenzial deutlich steigern.“

Umgestaltung stößt auf Widerstand

Bewegung für die Gesundheit sei zudem ein „Megatrend“ in einer zunehmend urbanisierten, alternden und „sitzenden“ Gesellschaft: „Dreißig Minuten Bewegung an fünf Tagen der Woche schieben den Alterungsprozess um 10 bis 15 Jahre hinaus.“ Die Stadt der Zukunft ist für den Kölner „keine Autostadt, sondern eine gesunde Stadt“. Der Versuch, Infrastruktur umzugestalten, stoße aber allzu oft auf den Widerstand der Bürger: Die freut eine Umgestaltung ihrer Straße nur, wenn Parkplätze nicht angetastet werden. Die ärgert zunehmender Lieferverkehr, obwohl sie selbst eifrig im Internet bestellen. „Der Verbraucher ist hybrid“, beschreibt das der Planer. Für Franz Linder kein Grund zur Resignation: „Es muss in kleinen Schritten vorangehen. Auf große Lösungen können wir nicht warten.“