Sören Link zieht Zwischenbilanz nach einem Jahr als Oberbürgermeister

Am 1. Juli 2012 wurde Sören Link zum Oberbürgermeister gewählt, am 4. Juli trat er sein Amt an. Das Foto zeigt den OB bei seiner Vereidigung zu Beginn der Ratssitzung am 4. Juli.
Am 1. Juli 2012 wurde Sören Link zum Oberbürgermeister gewählt, am 4. Juli trat er sein Amt an. Das Foto zeigt den OB bei seiner Vereidigung zu Beginn der Ratssitzung am 4. Juli.
Foto: WAZFotoPool
Was wir bereits wissen
Sören Link (SPD) ist seit einem Jahr „Erster Bürger der Stadt Duisburg“. Im Gespräch mit der Redaktion zieht der 37-jährige Rathauschef Bilanz und gesteht: „Ich habe die Dimension der Baustellen zunächst unterschätzt“.

Duisburg.. Herr Link, Sie sind 194 cm groß, richtig? Bekanntlich wächst man mit seinen Aufgaben. Um wie viel Zentimeter sind gewachsen?

Sören Link: Gefühlt eine ganze Menge. Das letzte Jahr war das spannendste in meinem Leben. Ich bin mal gespannt wie groß ich 2018 bin.

Was verbuchen Sie als Ihre Erfolge?

Link: Die Zeichen, die ich setzen wollte, bin ich sofort angegangen. Stichwort Büchereiausweis. Das war eines meiner kleineren Wahlversprechen, das für mich aber eine zentrale Bedeutung hatte. Wir hatten vorher 100 Erstklässler, die einen Büchereiausweis hatten, jetzt sind es 1000. Wir haben die „48 Stunden Dreck weg“-Aktion belebt und dafür 20 neue Leute beim Ordnungsamt eingestellt. Ich möchte, dass die Bürger in einer sauberen und sicheren Stadt leben. Und ich habe mit mehr Bürgerbeteiligung ernst gemacht. Ich habe die Bürgersprechstunden im Rathaus fortgesetzt, ich habe sie in die Bezirke getragen. Wir haben den Bürgerhaushalt eingeführt. Ich gebe zu, dass wir da wir noch mehr machen müssen. Und wir werden in diesem Jahr mit der OB-Wanderung beginnen. Ich werde alle Bezirke mit der Verwaltungsspitze erkunden und mich informieren.

Sie sind mit den Anspruch angetreten, die Verwaltung bürgernäher zu machen. Aber es gibt die Kritik, dass sich nicht viel geändert hat.

Link: Wir haben mit dem Charette-Verfahren für den Bahnhofsvorplatz das größte dieser Art in der Bundesrepublik durchgeführt. Ich meine, dass wir vieles auf den Weg gebracht haben, was das Verhältnis zwischen Stadt, Politik, Institutionen und Bürgern bereichert und entspannen wird. Es ist zugleich aber wichtig, den Bürgern offen und schonungslos die Probleme zu nennen und zu sagen, wo wir stehen.

Ist das der erhoffte Neuanfang?

Link: Neuanfang suggeriert, man steht bei Null. So funktioniert Politik aber nicht. Wir haben einen gewählten Rat, der hat sich durch meine Wahl nicht geändert. Wir haben Beschlüsse und Verfahren, die laufen. Da hat ein Oberbürgermeister nur begrenzten Einfluss. Stichwort Grundstücksverkauf Wambachsee. Ich habe mich da sehr um einen Kompromiss bemüht. Er hat aber leider nicht alle überzeugen können. Die Bürger sind mündig und haben oft gute Anregungen. Aber sie haben auch nicht immer Recht.

Auch der Streit um das Factory Outlet schwelt weiter.

Link: Man muss zur Kenntnis nehmen, dass es rechtliche Rahmen gibt. Die Planungen werden fortgesetzt, bis sie rechtlich so oder so geklärt sind. Wenn herauskommt, es geht nicht, dann akzeptieren wir das. Ich gehe aber davon aus, dass das FOC möglich ist und auch die Probleme mit Grillo, mit dem Sicherheitskonzept und den Abstandsfragen lösbar sind.


In der Zuwanderungsproblematik wurden Sie durch die TV-Talkshows gereicht und haben
sich mit Bundesinnenminister Friedrich angelegt.

Link: Es gibt viele Städte, die davon betroffen sind. Es gibt aber wenige, die darüber so offen reden wie wir. Wir jammern aber nicht. Wir fordern Hilfe an, vom Bund, vom Land, von Europa. Wir tun aber selber auch etwas. Wir haben eine Million Euro selbst zur Verfügung gestellt, um die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Es gibt u.a. jetzt eine Impfaktion für 400 Kinder. Aber die Kosten für den Unterhalt können wir nicht stemmen. Worauf ich stolz bin: In vielen Städten wäre das Thema Anlass für die Stärkung des rechtes Randes gewesen. In Duisburg nicht.

Buchstäbliche Baustelle ist die Mercatorhalle, wann wird sie geöffnet?

Link: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Immer wenn wir etwas sagen wollten, kam die nächste Hiobsbotschaft. Wir sind dabei, auch mit externer Hilfe das Schadensausmaß festzustellen. Dann kann man seriöse Aussagen machen. Wir wollen zudem beteiligte Firmen gerichtlich oder außergerichtlich dazu bewegen, sich an den Kosten zu beteiligen. Wenn das abgeschlossen ist, werden wir rathausintern die Prozesse, die vorgeschaltet waren, überprüfen, um zu sehen, ob wir optimieren müssen.

Für die Küppersmühle scheint eine Lösung in Sicht?

Link: Ja. Ich bin froh, dass das gelungen ist. Wir haben eine Einigung, die man vertreten kann. Sie ist schmerzhaft, auch teuer. Aber es ist wichtig, einen Schlussstrich zu ziehen. Alles andere wäre teurer. Die Gebag als städtische Wohnungsbautochter kann sich dann wieder um die Sachen kümmern, für die sie da ist. Mit der Küppersmühle haben wir ein Kleinod, das nun von dem Makel des Desasters befreit wird. Der Erweiterungsbau kommt sicher nicht oben drauf. Was das Ehepaar Ströher jetzt plant, wird dem Ambiente dort sehr gerecht.

Und der MSV?

Link: Der MSV hat jetzt seine Hausaufgaben gemacht. Es hilft nicht, in der dritten Liga zu landen, mit einem dubiosen Finanzkonzept, das den Tod nur um ein Jahr verschiebt. Wichtig ist jetzt ein solides Finanzkonzept. Ich glaube, die Krise führt möglicherweise dazu, dass mehr Menschen hinter dem MSV stehen und ins Stadion gehen.

Auch der OB wartet auf den Loveparade-Prozess

Der Jahrestag der Loveparade-Katastrophe rückt näher. Wie wichtig ist Ihnen die juristische Klärung der Schuld, der Verantwortung?

Link: Für mich das wichtigste Ereignis gleich am Anfang meiner Amtszeit war die Rede bei der Loveparade-Gedenkfeier. Mir war es ein Herzensanliegen, etwas gerade zu rücken, was der Stadt, den Menschen nicht gut getan hat. Für viele Angehörige war wichtig, dass ich sage, wir entschuldigen uns. Wir sind nun an vielen Stellen weiter, etwa bei der Gedenkstätte. Wann und gegen wen Anklage nun erhoben wird, darüber will ich nicht spekulieren. Für mich ist die juristische Aufarbeitung sehr wichtig und für die Angehörigen ist sie unverzichtbar.

Viele Stadtmitarbeiter waren von der Aussage Sauerlands, er habe nichts „unterschrieben“, bitter enttäuscht. Der Druck im Rathaus war enorm, hat sich das gelegt?

Link: So einen Satz würden Sie von mir nicht hören. Ein Chef muss vor seinen Mitarbeitern stehen. Die Mitarbeiter sind teilweise noch verunsichert, wie sie bei Beachtung von Recht und Gesetz Ermessensspielräume ausüben können. Ich möchte sie ermuntern, konstruktiv für die Bürger zu arbeiten, sie ihnen sagen, wenn etwas nicht geht, ihnen aber auch Lösungen anbieten. Da ist viel kaputt gemacht worden. Wir standen immer im Ruf, eine hervorragende Stadtverwaltung zu sein. Da werden wir auch wieder hinkommen.

Jede Personalentscheidung hatte Gründe

Die Probleme sind größer geworden. Dabei wollten Sie doch die Imagewende und mit den Pfunden der Stadt wuchern?

Link: Die Stadt hat Potenziale und muss sich nicht verstecken. Wir müssen auf jeden Fall auch an der Kommunikation nach innen etwas tun, damit die Duisburger erst mal merken, in welch toller Stadt sie leben. Was die Menschen brauchen, ist der Glaube daran, dass sie hier eine Perspektive, eine Zukunft haben.

Jeder Weg ist richtig, wenn man das Ziel nicht kennt. Muss Duisburg nicht vorher wissen, was es ist, braucht es nicht ein Leitbild?

Link: Das ist richtig. Deshalb ist mir ja auch das Thema Mercatorhaus so wichtig. Da geht es nicht darum, irgendein altes Haus wieder aufzubauen, sondern ich möchte damit etwas transportieren: Duisburg hat eine lange Vergangenheit. Mit Mercator und seinem Haus möchte ich deutlich machen, dass Duisburg für Toleranz, für Bildungsbewusstsein, für eine offene, internationale Stadt steht. Wir sind keine Retortenstadt. Wir wollen das Selbstbewusstsein heben.

Sie sind sicher, dass das Mercatorhaus gebaut wird?

Link: Ja. Das wird gelingen. Aber wir werden es nicht als Stadt machen, es wird aus der Bürgerschaft kommen müssen. Unsere Aufgabe wird es sein, das Mercatorquartier umzuplanen. Wir werden etwas entwickeln, das sich völlig von der ursprünglichen Planung abhebt. Wir werden Geschichte lebendig machen. Wir holen Duisburger Tradition zurück ins Leben. Ich gehe davon aus dass die Planung für das Mercatorhaus dieses Jahr abgeschlossen wird.

Personell hat sich seit Ihrem Amtsantritt einiges getan. Museumschef Stecker musste gehen, auch Stadtwerke-Boss Janning. Neue Posten wurden geschaffen, auch hochdotierte. Holt sich die SPD die Macht in der Stadt zurück?

Link: Es gibt für jede Entscheidung eine unterschiedliche Begründung. Das kann man nicht lapidar mit SPD-OB beantworten. Sondern ich halte es für meine personelle Verantwortung, dass ich dort, wo es notwendig ist, personelle Konsequenzen ziehe. Das hat mit der Frage der Parteizugehörigkeit nichts tun.

Selbst der Wechsel von Stadtdirektor Greulich zu den Wirtschaftsbetrieben war kein Sündenfall?

Link: Die Frage der beiden zusätzlichen Vorstände der Wirtschaftsbetriebe kann man, das gestehe ich gerne zu, auch anders sehen. Aber es gab gute Gründe. Wir haben einen der größten Entsorgungsbetriebe im Land, kein anderer hatte nur einen Vorstand. Wie die Personalien sich zusammensetzen, ist Aufgabe der Politik gewesen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Entscheidungen schlecht waren, ganz im Gegenteil.

Es gibt den bissigen Satz: SPD-Parteichef Jäger denkt, SPD-Fraktionschef Mettler lenkt und Link rennt.

Link: Erst mal Anerkennung für diese Poesie. Aber ich weiß, dass es anders ist. Die Menschen, die mich kennen, wissen, dass das Bild, das da versucht wird aufzubauen, absolut falsch ist. Ich bin sicher, dass die Ergebnisse am Ende eine andere Sprache sprechen.