Sehnsucht nach wurmstichigen Äpfeln

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Im Zeitalter der lauten Comedy-Spaßmacher bleibt ein intelligenter Provokateur wie Nils Heinrich ein Segen. 2010 in Duisburg mit dem Kabarett-Preis des „Schwarzen Schafs“ ausgezeichnet, glänzte er in den vergangenen Jahren auf deutschen Bühnen mit Programmen wie „Als ich ein FDJler war“ und „Unkuschelbar“. Der aus Sachsen-Anhalt stammende und in Berlin lebende Nils Heinrich stellte jetzt seine neue Show „Ach, komm“ im Grammatikoff vor. Das sichtlich erheiterte Publikum genoss einen kabarettistischen Abend der satirischen Sonderklasse, bei dem sich das genaue Hinhören unbedingt lohnte.

Der 1971 geborene Nils Heinrich, der übrigens jeden Dienstag um 10.50 Uhr bei WDR 2 zu hören ist, erzählte wunderbare Geschichten aus seinem Berliner Alltag, der für einen intelligenten und humorbegabten Menschen wie ihn einiges zu bieten hat. Nach Duisburg kam der reisende Kabarettist trotz des Bahnstreiks mit der Bahn: „Es gibt auch Züge, die fahren, es weiß nur keiner.“ Und diese sind auch noch angenehm leer: „Die Arschlöcher, die sonst immer in ihr Handy brüllen, ich bin im Zug, die sind jetzt eben nicht im Zug.“ Als Ostdeutscher schaue er immer wieder nach Dresden, wo die Pegida-Demonstration längst eine Tourismus-Attraktion geworden sei. Wobei alle die, die dort gerne von der „Lügenpresse“ sprechen, immerhin noch die Bild-Zeitung lesen und damit kein Problem haben. Für viele sei der ideale Zuwanderer „blond und blauäugig, spricht Deutsch mit Dialekt und kann alle Tatort-Kommissare den passenden Städten zuordnen“. Der sehr unterhaltsame Entertainer, der noch in keinem Moment langweilte, präsentierte sich dann auch noch als vorlesender Schriftsteller und als singender Gitarrist.

Berlin sei inzwischen die „letzte Groß-Disco vor Warschau“ geworden, und die dort in den angesagten Wohngebieten der von normalen Mietern kaum noch bezahlbaren Stadt lebenden Gentrifizierungs-Gewinner haben in ihren Lofts die Zeitschrift „Landlust“ abonniert und sehnen sich esoterisch nach heiler Natur und wurmstichigen Äpfeln.

Und auch zur aktuellen Abhöraffäre hat Heinrich eine Botschaft: „Ich telefoniere nur noch mit vollem Mund, damit mich der BND nicht mehr versteht.“ Viel Beifall für einen geistreichen und wortwitzigen Kabarettisten.