Schulzeit mit Schwedenspeisung

Neudorf..  „Unsere erste Lehrerin hieß Frau Schäfer und wohnte direkt gegenüber von der Mozartschule“, sagt Irmgard Kaskamanidis. „Die lüftete immer ihre Betten im Fenster, und wenn es nach Regen aussah, dann musste schnell jemand aus der Klasse rüber laufen und sie reinholen.“ Kaskamanidis organisiert seit vielen Jahren die Klassentreffen für die ehemaligen Neudorfer Knirpse, die im März 1947 zur Volkschule kamen und acht Jahre später, vor 60 Jahren, ihren Schulabschluss machten. Sie sitzen im Restaurant Wong-King und erinnern sich, während draußen langsam die Regattabahn in der Dämmerung verschwindet.

„Wisst ihr noch, die Schwedenspeisung?“, fragen sie da – und die eine oder andere schüttelt sich bei dem Gedanken. Die Haferschleimsuppe zog lange Fäden und war alles andere als appetitlich, aber nach dem Hungerwinter 1946/1947 hatten die Kinder jede Kalorie nötig. Und schluckten auch brav mit zugehaltener Nase den täglichen Löffel Lebertran gegen Vitaminmangel. Es gab Lebensmittelzuteilungen, die akribisch für jeden abgewogen wurden, dafür musste man extra noch mal zur Schule kommen.

„Hast du nicht für den Lehrer Tummes den Koks reingeschaufelt?“ fragt eine Klassenkameradin Ulrich Schwarz, der zum Klassentreffen aus Köln angereist ist. „Ich doch nicht, “ sagt der empört, „davor habe ich mich doch sogar zuhause gedrückt.“ Vom Koks mal abgesehen, löst Lehrer Tummes bei allen angenehme Erinnerungen aus. Er nutzte moderne Lehrmethoden, vermittelte im Unterricht auch lebenspraktische Dinge und half den Schulabgängern bei der Suche nach einer Lehrstelle. Und er brachte die dünnen, blassen Kinder an die frische Luft. „Wir sind mit ihm und seiner Frau ins Schullandheim nach Sevelen bei Issum gefahren, das war ein Riesenabenteuer, wir kannten ja keine Ferienreisen“, erzählt eine Mitschülerin. Eine Woche kostete für die über 60 Kinder „all inclusive“ sieben Mark pro Person. Dafür mussten alle mit anpacken. „Ich hatte direkt am ersten Tag Küchendienst, und der schwere Topf schwappte, so dass ich mich ordentlich verbrannt habe“, erzählt eine ehemalige Schülerin.

Musiklehrer war unbeliebt

Ungern denken alle an den Musiklehrer Teufert zurück, der seinen Geigenbogen häufig zweckentfremdete. Dem saßen die Ohrfeigen locker. Falsches Singen reichte schon aus, um den jähzornigen Pädagogen in Wut zu bringen. „Einmal hat er den Bogen so auf das Pult geknallt, dass der kaputt gegangen ist, da sind wir geschlossen raus und haben ihn stehenlassen“, sagen alle und grinsen dabei. Sie mussten oft umziehen: „Mozart, Bismarck, Gneisenau“, zählen sie ihre Schul-Stationen auf. „Nach der Konfirmation gingen wir alle auseinander, und es hat 33 Jahre gedauert, bis wir uns 1988 zum ersten Mal wiedergesehen haben“, sagt Irmgard Kaskamanidis.