Rechte Hooligans fordern Ultras und den MSV Duisburg heraus

Seit die Hooligans der Division Duisburg im Stadion Präsenz zeigen, sind die Ultras des MSV Duisburg nicht immer tonangebend. Das Archivbild zeigt die Fankurve der Zebras mit Ultras und ganz "normalen" Fans in Braunschweig im April 2012.
Seit die Hooligans der Division Duisburg im Stadion Präsenz zeigen, sind die Ultras des MSV Duisburg nicht immer tonangebend. Das Archivbild zeigt die Fankurve der Zebras mit Ultras und ganz "normalen" Fans in Braunschweig im April 2012.
Foto: dapd
Was wir bereits wissen
Die Staatsanwaltschaft Halle ermittelt wegen Volksverhetzung gegen mehrere Duisburger. Sie sollen der „Division Duisburg“ angehören. Die Hooligans setzen die Ultras des MSV zunehmend unter Druck. Wie die Polizei die Division einschätzt und warum der MSV Neonazi-Mode im Stadion akzeptiert.

Duisburg.. Wenn sich am Freitag vor dem Heimspiel des MSV Duisburg gegen Ingolstadt Fanprojekt und Fanclubs der Zebras mit einem Banner gegen Rassismus und Diskriminierung stark machen, wird das einer kleinen Gruppe auf den Rängen nicht gefallen. Gut möglich, dass darunter auch jene Brandstifter sind, die beim DFB-Pokalspiel in Halle antisemitische und rassistische Parolen anstimmten.

Die Polizei konnte sie identifizieren, die Staatsanwaltschaft Halle hat gegen mehrere Duisburger Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet. Einige der rechten Täter gehören nach Zeugenaussagen der „Division Duisburg“ und deren Umfeld an. Seit Anfang der Saison haben die Hooligans den Druck auf Duisburger Ultras im Block erhöht.

Diese „Verschiebungen im Fanblock“, die laut MSV-Sprecher Martin Haltermann auch der Verein beobachtet hat, passen ins Bild, das ein aktueller Bericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) zeichnet: Danach mischen sich rechtsextreme Fans in bundesweit 16 Spielstädten der ersten und zweiten Liga unter gewaltbereite Zuschauer – auch in Duisburg, so die Analyse. Tatsächlich ähneln die Spannungen unter den MSV-Fans im Ansatz den Zerwürfnissen in den Fanszenen anderer Vereine: In Dortmund berichten Szenekenner von engen Verflechtungen zwischen Autonomen Nationalisten, der Ultra-Gruppe „Desperados“ und Hooligans der „Northside“.

Ultras Das Bündnis soll die größte Ultra-Gruppierung, „The Unity“ systematisch einschüchtern. Unter den Ultras von Alemannia Aachen ist politisch motivierte Gewalt indes längst eskaliert: Die unter dem Einfluss von Neonazis stehende „Karlsbande“ will die als links geltenden Ultras (ACU) aus dem Stadion drängen. In Braunschweig tyrannisieren rechte Hooligans Eintracht-Fans und -Ultras.

Hooligans überfielen Konzert antifaschistischer Band im Djäzz

So weit ist es in Duisburg freilich noch nicht. Gleichwohl fällt die Offensive der Division in eine Zeit, in der auch die Duisburger Ultras – die „Proud Generation Duisburg“ (PGDU) und die etwas kleinere, eher links stehende „Kohorte“ – nicht immer an einem Strang ziehen. Und: Viele Fans, auch unter den meist jüngeren Ultras, haben Angst, gegen die Boxsportler der Division die Stimme zu erheben. Zumal diese bei MSV-Spielen angeblich auch mit Kampfsportlern aus der Region auftritt. Und auch die Hooligans der alteingesessenen Gruppe „Forever Duisburg“ haben sich in den schwelenden Konflikt anscheinend noch nicht eingemischt.

Dass mit der etwa 50 Mitglieder starken Division nicht zu spaßen ist, wollte die Gruppe auch im Februar 2012 deutlich machen: Etwa 20 Hooligans versuchten damals, in den Kulturclub Djäzz vorzudringen, in dem MSV-Anhänger mit St. Pauli-Fans bei einem Konzert der antifaschistischen Oi!-Punks „Stage Bottles“ feierten. Die Polizei meldete drei Verletzte. Zwei der Angreifer wurden wegen Landfriedensbruch und Körperverletzung festgenommen. Der Leitspruch der Division: „Taten statt Worte.“

Wie die Polizei die Division Duisburg einschätzt

Bei der Polizei hat sich der Blick auf die Division nach mehreren Krawallen 2008 verändert. Mitglieder der Gruppe sollen damals zum Beispiel die Gaststätte Melody in Oberhausen zerstört haben. Rudolf Koenen, der bei der Polizei Duisburg auch Großeinsätze bei MSV-Spielen leitet, schätzte die Gruppe trotz der Parolen in Halle so ein: „Das sind keine rechtsgerichteten politischen Aktivisten, sondern Krawallmacher. Denen geht es in erster Linie um die Prügelei. Der Fußball spielt dabei keine Rolle mehr. Zur Not schlägt man sich auch innerhalb des eigenen Fanblocks und provoziert mit rechten Parolen. “

Möglicherweise sei die bundesweit beobachtete Rückkehr der Hooligans sogar „eine Art Reaktion auf die Dominanz jener Ultras, die sich explizit als antirassistisch bezeichnen“, sagt Fanforscher Jonas Gabler. Der Politologe beobachtet die deutsche Fanszene seit Jahren und muss, wie er erklärt, mittlerweile sich selbst korrigieren: „Die Hooligans sind nicht weg, wie wir alle gedacht und geschrieben haben. Alte Hooligans sind immer noch da, und neue sind dazugekommen.“

Hooligans sind "meist körperlich überlegen"

Und: In den meisten Fanblöcken können die Schläger trotz der Ultras tun und lassen was sie wollen – und so Einfluss auf die Gesänge, Parolen und Fahnen nehmen. Gabler: „Sie sind körperlich meist überlegen, können dadurch auch ganz subtil drohen.“

In Duisburg registrierte die Polizei 2011 neun Gewalttäter, die bei Fußballspielen zugeschlagen haben und bei rechtsextremen Straftaten erwischt wurden. Von einer organisierten Zusammenarbeit zwischen Rechtsradikalen und Hooligans der Division Duisburgs könne aber keine Rede sein, so die Polizei.

Die Hooligans, ihre Nazi-Symbole und der „Nationale Widerstand Duisburg“

Ohnehin gibt es nach Einschätzung des Duisburger Staatsschutzes in der Stadt keine Neonaziszene mit Struktur: „Das ist ein loser Haufen Verwirrter“, meint Polizeisprecher Stefan Hausch. Seine Kollegen zählten 2011 insgesamt 70 rechtsmotivierte Straftaten im Stadtgebiet, „darunter fast ausnahmslos Propagandadelikte, fast keine Gewalttaten. Darunter fällt auch der 16-Jährige, der den Hitlergruß zeigt.“

Die Zahl der auffällig gewordenen „Rechtsmotivierten“ in Duisburg wollen die Staatsschützer aus taktischen Gründen nicht veröffentlichen, sie sei aber „wirklich nicht besorgniserregend“, versichert Hausch.

Die Division Duisburg will sich offenbar zwar als unpolitisch verstanden wissen, ihre Mitglieder aber scheuen vor der Teilnahme an Fußballturnieren rechtsradikaler Kameradschaften ebenso wenig zurück wie davor, auch im Stadion T-Shirts mit Neonazis-Symbolen zu tragen.

Das Netzwerk „Antifaschistischen Koordination Duisburg” warf der Gruppe in seinem Jahresbericht zur „extremen Rechten in Duisburg 2011“ obendrein die Mitgliedschaft eines aktiven Neonazis vor, der auch Aktivposten des „Nationalen Widerstands Duisburg“ ist.

Über Division schreiben die Antifaschisten weiter: „Auch im Stadion macht die Gruppe Internetberichten zufolge mehrfach durch rechte Parolen auf sich aufmerksam. So wurden beim Auswärtsspiel in Babelsberg am 30.7.2011, deren Fans als klar antifaschistisch bekannt sind, offen antiziganistische („Zick, Zack, Zigeunerpack“) und faschistische („Hasta la vista Antifascista“) Parolen von Mitgliedern der Division Duisburg gerufen“.

Demnach wären die Parolen von Halle eine Wiederholungstat.

Warum der MSV „Thor Steinar“-Shirts im Stadion nicht verbieten will

Für die Polizei bleiben die Hooligans dennoch „nur“ „Schläger mit rechtem Habitus“ und „ohne rechten Hintergrund“. Wie dem auch sei. Der MSV jedenfalls wird den Rechten im Stadion ihre Insignien nicht nehmen. Die Stadionordnung verbietet den Besuchern zwar das Mitführen von „rassistischem, fremdenfeindlichem und rechtsradikalem Propagandamaterial“. Zuschauern mit T-Shirts der Marke „Thor Steinar“ etwa, die nahezu ausschließlich von Neonazis getragen werden, will der Verein den Zutritt aber weiterhin nicht verwehren.

Related content Eine solche beziehungsweise ähnliche Kleiderordnung betrachten etwa Vereine wie Borussia Dortmund, Werder Bremen oder Schalke 04 als wirksames Mittel gegen Rechtsextreme im Stadion. Der MSV nicht: „Das Tragen bestimmter Modemarken“, so Sprecher Martin Haltermann, „ist nach unserer Beobachtung rückläufig. In Halle zum Beispiel trugen alle einfach weiße T-Shirts.“ T-Shirts mit Neonazi-Symbolik seien im MSV-Lager kaum zu sehen. Viele MSV-Fans sehen das anders.

"Ein gutes Dutzend Stadionverbote", darunter rechte Gewalttäter

Haltermann beruft sich auch auf einen Austausch mit dem Duisburger Staatsschutz Ende 2011: „Es hieß, dass bei unseren Fans keine rechten Tendenzen zu beobachten waren. Umso mehr haben uns die Vorfälle von Halle schockiert.“ Danach hätten sich zahlreiche Fans beim Verein über die Rechtsextremisten beschwert. Der Verein, verspricht Haltermann, „wird mit allen Mitteln gegen diese Leute vorgehen und zeigen, dass Rechtsradikale bei uns keinen Platz haben.“

Die Volksverhetzter von Halle werde der MSV mit Stadionverboten bestrafen: „Noch aber haben wir keines ausgesprochen“, sagt Haltermann, „wir wollen erst das Ergebnis der Ermittlungen abwarten.“ Aktuell schließe der Verein „ein knappes Dutzend“ Anhänger aus. Darunter auch rechtsradikale Straftäter? Haltermann: „Die sind definitiv dabei“.

Wie der MSV und seine Fans auf den Rechtsruck reagieren

Die Aktion vor dem Heimspiel gegen Ingolstadt ist ein weiterer Anlauf im Kampf gegen Rechts, den die Meidericher nach den Vorfällen in Halle gemeinsam mit den Fanclubs intensivieren wollen.

Am Wochenende besuchten MSV-Fans die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Dachau, am Dienstag diskutierten der Soziologe Jan Tölva und MSV-Arenasprecher Chris Schulze („Rainbow Zebras“) über Homophobie in den Stadien. Am 14. November bieten die Zebras um 19 Uhr in der Arena einen Diskussionsabend zum Thema Antiziganismus an, bei dem Sportjournalist Ronny Blaschke von seinen Beobachtungen berichtet.

Die Veranstaltungen organisieren der Verein und die Fans im Rahmen der „FARE Aktionswochen“. Diese „soll die öffentliche Wahrnehmung und das Bewusstsein für das Vorhandensein von Rassismus und Ausgrenzung im Fußball und der Gesellschaft schärfen und eine gemeinsame Front im Kampf gegen diesen zerstörerischen Einfluss auf Europas Sportart Nummer 1 schaffen.“

Für diesen Kampf rät Fanforscher Jonas Gabler Vereinen wie dem MSV, „sich öffentlich mit denen zu solidarisieren, die sich gegen rechts positionieren. Die Fans dürfen sich nicht allein gelassen fühlen, damit sie sich nicht zurückziehen und den Rechten das Feld überlassen.“ Der MSV arbeitet daran.