Promi-Hacker wollten Ruhm und Geld

Was wir bereits wissen
Deniz A. und Christian M. stahlen unveröffentlichte Lieder von Lady Gaga und Justin Timberlake im Internet. Dafür bekamen sie jetzt Haftstrafen von 18 Monaten mit und ohne Bewährung.

Duisburg.. Sie sitzen nebeneinander auf der Anklagebank des Duisburger Amtsgerichtes. Trotzdem kennen sich der 18-jährige Deniz A. und Christian M. (23) kaum. In ihrer Welt, dem Internet, muss man sich nämlich nicht kennen, selbst wenn man gemeinsam einen Laden betreibt, der illegal Musik verkauft. Musik, die man direkt von den Laptops der Stars geholt hat. Lieder, die noch unveröffentlicht sind und deshalb besonders wertvoll. Ihre Welt ist virtuell und am Ende haben Deniz und Christian sie kaum noch verlassen. Bis die Polizei sie ins reale Leben zurückholt.

Christian M. kommt als erster über den Flur des Amtsgerichtes in Duisburg, trägt grauen Hut und schwarze Sonnenbrille und versucht cool auszusehen. Irgendwie. Was aber nicht so richtig klappen will. Was noch nie geklappt hat. Schon als Kind sei er gehänselt worden, wird der junge Mann später aussagen. So klein wie er immer war. „Zwerg“ haben sie ihn gerufen in der Schule. Und „Fischauge“ im Sportverein. Weil er doch so schielt.

"Ist alles ganz einfach"

Muss man sich da wundern, dass so ein Mensch im Internet verschwindet? Immer wieder, immer länger. Zunächst bei Online-Spielen, später in Hacker-Foren. Wo es egal ist, wie groß man ist und wie man aussieht. Wo man berühmt wird, wenn man auf fremde Computer vorstößt. „Ist alles ganz einfach“, sagt M. „Hat man schnell gelernt. Bei Google oder YouTube.“

„Cee“ heißt er im Netz und macht Jagd auf Lieder, die noch nicht veröffentlicht sind und auf den Rechnern der Plattenfirmen oder des Künstlers selbst schlummern. Bei Kesha, Lady Gaga, Kelly Clarkson oder Justin Timberlake. Er schickt infizierte E-Mails, übernimmt Postfächer, fischt Passwörter ab, kapert Rechner und lädt herunter, was er dort findet. „Ich brauchte täglich neue Musik.“

Vieles davon hat er auf einschlägigen Seiten wieder hoch ins Netz geladen. Um zu tauschen. Aber auch um anzugeben. Anfangs will er kein Geld dafür. „Fame“ ist die Währung, die ihn interessiert. Ruhm. „Es ging mir um Anerkennung.“

Leben in der virtuellen Welt

Auf einer dieser Internet-Seiten lernt er Anfang 2009 Deniz kennen. Auch der damals 16-jährige Duisburger lebt überwiegend in der virtuellen Welt. „DJ Stolen“ nennt er sich dort und prahlt mit so genannten „Shouts“ – Freundschaftsbekundungen großer Stars. Manche, glaubt die Staatsanwaltschaft, seien nicht ganz freiwillig abgegeben worden. Die Sängerin Kesha etwa soll erst für Deniz geschwärmt haben, als er durchblicken ließ, er habe freizügige Fotos auf ihrem Privatrechner gefunden.

Doch bei aller Sucht nach Ruhm ist Deniz auch an Geld interessiert. Zusammen mit Christian eröffnet er eine Art Online-Shop für noch nicht veröffentlichte Musik. Gut 15.000 Euro verdient das Duo, bevor die Fahnder zuschlagen.

Rund um die Uhr online

Zwölf bis 14 Stunden ist Deniz damals im Netz gewesen, „manchmal auch rund um die Uhr“. Er hat keine Freunde, keine sozialen Kontakte, kein echtes Leben. Nur noch seinen Computer. Ohne geht es nicht. Zweimal wird er rückfällig. Das letzte Mal eine Woche vor Prozessbeginn.

„Süchtig“ nennt ihn sein Anwalt Burkhard Benecken deshalb, und Richter Volker Schmidt-Hölsken will dieser Einschätzung in seinem Urteil nicht widersprechen. Vielleicht auch, weil Deniz einem der ermittelnden Kripobeamten während der Hausdurchsuchung vorkam, wie ein „Junkie, dem man kurz vor dem Schuss die Spritze weggenommen hat“. Christian M., so ist zu hören, soll es zeitweise nicht besser gegangen sein.

Deshalb, und weil sie geständig sind, gibt das Gericht beiden eine Chance. Zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt es Christian. Deniz bekommt die gleiche Strafe aber keine Bewährung. Hinter Gitter muss er aber nur, wenn er seine Computersucht in den nächsten sechs Monaten nicht behandeln lässt. Vorbei ist die Sache damit für beide allerdings nicht. Längst haben sich bei ihnen die vier größten Schallplattenfirmen der Welt gemeldet und Schadenersatzansprüche angemeldet. Es geht, so heißt es, um Millionen.