Postkarten gegen Todesurteile

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Der Todesschütze zielt auf den Verurteilten und drückt ab. Die Kugel fliegt in Zeitlupe, dann flattert eine große Menge Unterschriftenzettel in ihren Weg. Das Geschoss zerfetzt sie und verliert dabei ganz allmählich an Durchschlagskraft, bis es knapp vor dem Todeskandidaten wirkungslos zu Boden fällt.

Der kurze Werbespot zeigt, was Amnesty International seit über 50 Jahren tut. Wie viele Briefe, Karten und Protestnoten man schreiben muss, um politischen Gefangenen in aller Welt zu ihren Rechten zu verhelfen, das wissen Brigitte Maike und Stephanie Aholt von der Duisburger Amnesty-Gruppe am besten. Sie informierten am Montagabend gemeinsam mit der Hochschulreferentin Melanie Wacker in der VHS über die Menschenrechtsorganisation.

Bei Amnesty stemmen sich weltweit über drei Millionen Mitglieder gegen Folter, Todesstrafe und unmenschliche Haftbedingungen. Ausgerechnet ein Trinkspruch auf die Freiheit, für den zwei Studenten in einem Lokal in Lissabon 1960 verhaftet wurden, soll dem Londoner Journalisten Peter Benenson den Anstoß für seinen Artikel über „Die vergessenen Gefangenen“ im Observer gegeben haben, mit dem alles begann. Schon zwei Monate nach der internationalen Gründung gab es im Juli 1961 die erste deutsche Amnesty-Gruppe, unter anderen mit Carola Stern und Gerd Ruge. Die Duisburger Gruppe existiert ununterbrochen seit März 1968. Sie hat nur eine Handvoll Mitglieder, aber die haben einen langen Atem. „Nachdem Amnesty 1977 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, kamen viele junge Leute zu unseren Treffen, aber spontane Begeisterung ist nicht genug“, sagte Stephanie Aholt, die über 40 Jahre dabei ist. Fallarbeit, Eilaktionen, Briefe gegen das Vergessen, Spendenwerbung und Info-Stände, dahinter steckt viel Durchhaltevermögen und Zähigkeit.

Die Aktivistinnen wissen, dass ca. 35 Prozent der sogenannten Eilaktionen, bei denen innerhalb von 48 Stunden ein großes Netzwerk mobilisiert wird, Erfolg zeigen. Kraft für ihren Kampf beziehen sie aus den Dankesschreiben von ehemaligen Gefangenen, auch wenn deren Fälle schon viele Jahre zurückliegen. Wie die jordanische Journalistin Zikrayat Mahmoud Harb, die in Kuwait wegen Kollaboration inhaftiert war und der malawische Neurochirurg George Mtafu, der vor der Rückkehr in seine Heimat in Duisburg praktiziert hatte. Beide schilderten in Briefen, wie groß der Trost war, wenn man als Häftling erfuhr: „Amnesty setzt sich für dich ein“. Aber der persönliche Kontakt zu Menschen, für die sich die Gruppe engagiert hat, ist eher die Ausnahme. Die meisten Fälle bleiben Namen auf einer Liste, über deren Schicksal man wenig erfährt. „Leider ist es fast die Regel, dass Menschenrechtsverletzungen straffrei bleiben“, weiß Aholt. Auch dagegen geht Amnesty in einer Kampagne vor.