Planungslücke im Sicherheitskonzept zur Loveparade
06.09.2010 | 19:20 Uhr 2010-09-06T19:20:00+0200
Duisburg.In den Sicherheitskonzepten zur Loveparade ist der Karl-Lehr-Tunnel anscheinend nicht berücksichtigt worden. Polizei und Veranstalter hätten jeweils nur bis zu den Eingängen geplant – das ergibt zumindest eine „Plausibilitätsanalyse“.
Der als Parallelkanal-Gegner bekanntgewordene Duisburger Steuerberater Dr. Richard Wittsiepe hat auf seiner Homepage eine sogenannte Plausibilitätsanalyse des Loveparade-Abschlussberichts der Stadt Duisburg veröffentlicht. In einer solchen Analyse werde die Schlüssigkeit von Unterlagen und Konzepten untersucht und beurteilt, indem die schriftlichen Ausarbeitungen, deren Anlagen und sonstigen Schriftstücke abgeglichen werden.
Wittsiepe entdeckte bei seiner Plausibilitätsanalyse Missverständnisse zwischen Stadt, Polizei, Feuerwehr und Veranstalter. Diese Missverständnisse beginnen laut Wittsiepe schon bei der Definition der Zu- und Abwege des Geländes. Mal seien nur die Rampen gemeint, mal auch der Karl-Lehr-Tunnel sowie die Strecke vom Hauptbahnhof zum Festivalgelände.
Planungslücke im Tunnel
Durch diese unterschiedlichen Definitionen ist laut Wittsiepes Untersuchungen eine Planungslücke im Sicherheitskonzept für den gesamten Tunnelbereich entstanden. Das Sicherheitskonzept der Polizei ende vor den Einlassstellen zum Tunnel, weil dort dort das Veranstaltungsgelände beginne. In dem von der Stadt Duisburg genehmigten Lopavent-Konzept gehört der Tunnelbereich jedoch nicht zum Veranstaltungsgelände und fällt somit in den Zuständigkeitsbereich der Stadt. Damit ergebe sich ein Planungslücke für den gesamten Tunnel. Es habe bloß so genannte Späh-Ordner im Tunnel gegeben, die per Funk über die Situation informieren sollten.
Nicht nur die Polizei ging von einer Zuständigkeit lediglich bis zum Karl-Lehr-Tunnel aus, sondern auch der Sicherheitsgutachter Professor Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen. Sowohl er als auch die Polizei forderten die Installation von Lautsprechern entlang der Zu- und Abwege, damit bei erhöhtem Besucheraufkommen sowohl Informationen über die Wartezeit weitergegeben werden können als auch über Fluchtwege informiert werden könne. Eine solche Anlage wurde jedoch nicht errichtet. In der Begründung heißt es: „ Die Installation einer Lautsprecheranlage stellte sich als zu aufwendig und technisch nicht realsierbar heraus.“
Schreckenberg verwies in seinem Gutachten ebenfalls ausdrücklich darauf, dass es im Falle eines Personenstaus im oder vor dem Tunnel Ausweichflächen für die Besucher der Loveparade geben müsse. Diese Flächen habe es laut Dr. Richard Wittsiepe zumindest im Tunnel nicht gegeben.

17:45
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08:47
Die Frage ob es eine Planungslücke oder ein Planungsfehler war ist in der Zwischenzeit beantwortet. Das werde ich rechtzeitig vor der RTL II Sendung am 7.November als update auf meiner Seite einarbeiten.
Die entscheidenden Hinweise kamen aus dem universitären Bereich des Arbeitsschutzes, die sich ja auch mit Arbeitssicherheit und Fragen von Versammlungen, Personenströmen etc. wissenschaftlich beschäftigen und daraus werden ja auch die Sicherheitsvorschriften abgeleitet. Nachlesen kann man das alles in gängigen Handbüchern, die wohl in jedem grösseren Betrieb als CD Rom oder Loseblatt Sammlung stehen. Freundlicherweise hat ein Univ.Prof. das für mich alles aufbereitet. Und danach ist die Sache schon mehr als klar.
00:19
hallo und guten abend!
...nochmals: rund 40 verantwortliche mitarbeiter der
stadt duisburg bekamen am 22.03.2010 zu hören, daß das gelände nicht im ansatz für eine derartige veran-
staltung geeignet sei, vor allem wegen dem tunnel als
einzigem ein- und ausgang (Ich sagte denen klipp und
klar: Das geht gar nicht!, zitat klaus schäfer).
...und nun zur schließung der planungslücke:
21.07.2010
Loveparade am 24.07.2010
Sondernutzungserlaubnis für den Ein- und Ausgangs-
bereich des Loveparade-Geländes auf der Karl-Lehr-
Straße
Sehr geehrter Herr Sxxxx,
am 20.07.2010 haben Sie eine Sondernutzung
beantragt. Sie erhalten die jederzeitig widerrufliche
Erlaubnis, die öffentliche Verkehrsfläche am
24.07.2010 für die Einrichtung eines Sicherheits-
bereiches und sonstiger Aufbauten im Rahmen des
gemeinsam mit der Stadt Duisburg erarbeiteten
Sicherheitskonzeptes im Zusammenhang mit der
Loveparade 2010 in Anspruch zu nehmen.
(...weiterer, hochinteressanter text!)
i.A. (...des oberbürgermeisters der stadt duisburg?)
Nxxxxxx
tja...!
mfg
17:43
@ chequers
Gruesse an alle aus Allenstein (Ostpreussen)
Bei meiner Analyse nehme ich die Unterlagen so wie sie sind, ohne Aenderung oder eigene Interpretation denn so wurden sie verwendet, im Abschlussbericht der Stadt aber auch von den Beteiligten. Wenn jetzt der Plan in Anlage 51 falsch gezeichnet wurde ist das ein Planungsfehler, denn dieser Plan ist so in die Planung der Veranstaltung eingeflossen.
Ich darf behaupten dass ich mir die Unterlagen im Zusammenhang sehr genau angesehen habe und in mir kommt mehr als nur der Verdacht auf, wie Sie es auch vermuten, dass eine fundierte Analyse der Tunnelsituation auch deshalb vermieden wurde weil man sich das negative Ergebnis denken konnte. Das ist keine Kunst.
Ebenfalls war es naiv zu glauben Sicherheit koste kein Geld und es reichen Eigenleistungen. Die eingesparte durchgaengige Lautsprecheranlage war sicherheitsrelevant und haette die Chance geboten das Unglueck zu verhindern. Hier wurde an der Sicherheit zu Lasten der Teilnehmer gespart.
Wer das alles zu verantworten hat wird man sehen, aber die Stadt haette bei einer etwas sorgfaeltigen Analyse die Veranstaltung absagen muessen. Soviel kann man durchaus bereits jetzt feststellen. Damit ist auch die Kernaussage des Abschlussberichts, man habe keine Anzeichen fuer Sichereitsprobleme gehabt, nicht haltbar und damit auch die Frage positiv zu beantworten dass die verantwortlichen Mitarbeiter, zumindest einige, eben nicht pflichtgemaess gehandelt haben.
Diese Schlussfolgerung liegt nach Durchsicht des Abschlussberichts wesentlich naeher als das verkuendete Ergebnis und trifft damit auch den OB, selbst wenn er nicht direkt in die Planung involviert war.
Da er aber die Veranstaltung wollte, was ja belegt ist, hat er natuerlich auf die Planung Einfluss genommen und ist damit direkt verantwortlich.
Bezueglich des Abschlussberichts zeigt sich, dass hier zwar gut recherchiert wurde, die Anwaelte im Endeffekt nicht aber das Ergebnis praesentiert haben das ihre eigenen Ermittlung nahe legen. Das wurde dann entsprechend honoriert und wird sich in weiteren Auftraegen durch die Stadt Duisburg in den naechsten Jahren finanziell bezahlt machen. Das ist zwar jetzt eine Behauptung die ich nicht belegen kann aber ich lasse mich zu dieser Prognose eimal hinreissen. Das muss erlaubt sein.
22:42
So ist es: http://blog.beck.de/2010/07/28/love-parade-wie-wurde-die-katastrophe-verursacht-ein-zwischenfazit-mit-updates#comment-26028
01:04
Dann haben offensichtlich Polizei, Feuerwehr und Veranstalter einen großen Fehler gemacht.
Hier http://www.dthg.de/service/mvstaettv/dokumente/__mvstaettv_2005_ms_a4.pdf geht es auf Seite 12 zwar um Rettungswege, aber die 1,20 Meter pro 600 Personen sollten doch zu denken geben. Für die 90.000 55.000 Personen alleine, die von 17 bis 18 Uhr das Gelände betreten oder verlassen wollten, hätte man an Retungswegen 290 Meter gebraucht. Selbst wenn im Normalfall alles zehnmal so gut oder nachsichtig geht, hätte man die Breite der Rampe ohne Not und künstlich und unnötig nochmals auf ca. die Hälfte der dann nötigen 29 Meter reduziert.
Hallo! So unterschiedlich sind die Situationen (Notfall und normaler Zu- und Abgang) dann doch nicht, als dass der Unterschied diese Diskrepanz eines Faktors 20 begründet. Das hätte Polizei UND Feuerwehr UND Veranstalter einfach auffallen müssen.
02:15
@ #82 vaikl
Vielen Dank für den Hinweis auf die Passagierschiffe.
Unter getrennten Zu- und Ausgängen verstehe ich aber nicht nur eine ausreichende Beschilderung, sondern physikalisch getrennte Wege.
@ #83 Stefano
Prof. Schreckenberg ist wie ein Fähnchen im Wind, deshalb sind seine Aussagen generell mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Gerade in den ersten Tagen nach dem Unglück hat er viel gesagt und sich dabei auch widersprochen. Anfangs sagte er, dass er das Konzept für gut hält, zwei Tage später, dass durch den Tunnel nur 20.000 pro Stunde passen und dass er davor gewarnt hat. Anfangs hat er behauptet, die Toten wären von einer Treppe ohne Geländer gefallen. Später gestand er ein, dass er das Gelände gar nicht kennt, weil er es nie besichtigt hatte.
Was die Polizeifahrzeuge auf der Rampe betrifft, so war die Aussage vom Innenministerium, dass das mit der Feuerwehr so abgesprochen war. Die Fahrzeuge waren im Plan nicht eingezeichnet, da es sich um bewegliche Gegenstände handelt.
Die RA-Kanzlei redet die Stadt da so raus, dass sie keine Bedenken hatte, weil der Veranstalter das alles so plausibel erklärt hat (Videoüberwachung, jederzeitiger Funkkontakt zwischen den Ordnungskräften, Pusher zum Zerstreuen von Pulks). Lopavent behauptete immer, sie hätten soviel Erfahrung mit der Ausrichtung der LP, aber dass sich mit der Einzäung des Geländes viele Dinge ändern, das ging nicht in deren Köpfe.
@ #84 Phantaphier
Nach Aussage von Lopavent, war die kleine, westliche Rampe nur als Ausgang gedacht und sollte erst zu einem späteren Zeitpunkt, an dem man mit mehr Heimgehwilligen rechnete, geöffnet werden.
Quelle kann ich dazu keine benennen. Ich habe das irgendwo gelesen, weiß aber nicht mehr wo.
Ich habe mir die Entfluchtungs- und Personenstromanalyse nochmal genau angesehen und habe auf der vorletzten Seite (66) Szenarien mit höherer Personenzahl entdeckt. Zuvor hatte ich bei den Grafiken zum Weltjugendtag aufgehört zu lesen, weil ich dachte, dass nichts relevantes mehr kommt.
Aber dort gibt es ähnliche Tabellen mit Zu- und Abstrom, wie im Bewegungsmodell von Lopavent. Es werden auch Maßnahmen empfohlen, aber eine Simulation gibt es dazu nicht.
Ich nehme auch an, dass man das Ergebnis nicht sehen wollte.
18:59
Gibt es eigentlich irgendwo einen Anhaltspunkt dafür, warum die zweite Rampe ungenutzt gelassen wurde?
Man hätte sie doch eigentlich gut dafür nutzen können, dass über sie die Besucher wieder gehen. Oder man hätte sie wenigstens auch in beide Richtungen nutzen können. Dann wäre wenigstens die Gesamtkapazität größer gewesen.
War es so geplant wie es war, oder war es ein Durchführungsfehler, dass die zweite Rampe nicht genutzt wurde?
War es also im Vorfeld nicht klar, dass es schwierig würde die Besucher über die Rampe zu schleusen? Wenn dem so wäre, könnte man auch verstehen, warum die Rampe noch mit Polizeifahrzeugen und anderen Zusatzhindernissen zugemüllt war. Man hatte einfach keine Ahnung. Da war niemand mit Erfahrung, keiner mit einem Gefühl für solche Zahlen. Bei der Polizei nicht, beim Veranstalter nicht und bei der Stadt nicht.
Denn mit Bezug auf #81: man hat doch angenommen, dass in einer Stunde 90.000 kommen und 55.000 gehen wollen. Das hätte man dann doch simulieren können (wurde wohl nicht gemacht, ich ja nicht der Notfall für den simuliert wurde). Denn mit diesen beiden Zahlen hätte man die Eingangsdaten doch gehabt. Dass die, die kommen wissen, dass sie die Rampe rauf und die die gehen, wissen, dass sie die Rampe runter müssen, ist meiner Meinung nach klar. Also behaupte ich mal: hätte man den ganz normalen Betrieb simuliert, mit den Zahlen, die man angenommen hat, wäre zumindest aufgefallen, dass man die Rampe nicht noch als Parkplatz missbrauchen sollte. Wenigstens das.
Vermutlich hat man das nicht gemacht, weil man vor dem Ergebnis Angst hatte und dann hätte absagen müssen.
21:23
Ich danke meinen Vorschreibern für Ihre weiteren Analysen - dadurch sind mir weitere Details klar geworden.
Was mir gerade noch so durch den Kopf ging ist folgende Frage:
Der Tunnel galt als Rettungsweg 15. In dieser Funktion durften keine Hindernisse den Rettungsweg durch Bauzäune oder Fahrzeuge behindern.
RETTUNGSWEG heißt, dass über diesen Weg Besucher im Notfall vom Veranstaltungsgelände über den Tunnel geleitet werden sollten. Was aber, wenn dieser Tunnel ALS RETTUNGSWEG bereits mit tausenden Besuchern gefüllt ist.
Die Frage dahinter: Kann ein planmäßiger (einziger) Zu- und Abgang überhaupt auch gleichzeitig als Rettungsweg definiert werden ?
Wenn Prof. Schreckenberg in einem Interview erwähnt, man habe an alle möglichen Szenarien gedacht - nur eben nicht an herabstürzende Personen; - wie geht das mit den Aussagen der Satdt bzw. Anwaltskanzlei zusammen, die explizit ausführen, dass es keinerlei Szenarien für eine Massenpanik gab ?
20:15
@#77 (Was Sie meinen, sind Entfluchtungs-Szenarien,... ): Nein, was ich meine sind die von Schreckenberg im Experiment gemessenen Werte. Diese passen zu sonst verfügbarer Literatur, sind sogar etwas höher als die meisten anderen. Klar, wenn alle quasi im Labor entspannt durch so eine Engstelle gehen, gibt es keine Störeinflüsse, die zu Verzögerungen führen. Aber selbst die höheren Werte, die ich gefunden habe, erlauben nicht, dass man 145.000 Menschen in einer Stunde durch eine 15 Meter breite Öffnung bringt (noch dazu gegenläufig).
@#79 (Auch die Stau-Situation am Rampenkopf und eine steigende Zahl von Besuchern, die das Gelände wieder verlassen wollten, könnte ein Grund gewesen sein.): Wenn das ein Grund war, liegt dennoch Unvermögen vor, da einem erfahrenen Veranstaltungsmanager klar sein muss, dass ein Stau auf freier Fläche (Rampe oben) weniger gefährlich ist als in ummauertem Areal (Rampe unten). Zudem wurde schon vor der Veranstaltung damit gerechnet, dass von 17 bis 18 Uhr 55.000 Besucher gehen wollen.
@#80 (Lopavent behauptet, dass es zu keiner Stauung kommen würde.): Wie ich oben geschrieben habe, ist das Gegenteil richtig, wenn die Besucherprognose der Lopavent richtig ist. Durch den nur 15 Meter breiten Eingang im unteren Bereich der Rampe MUSSTE, wenn man die Zahlen der Besucherprognose zu Grunde legt, alleine zwischen 17 und 18 Uhr ein Stau von rund 50.000 Menschen entstehen (manche innerhalb, manche außerhalb). Die außerhalb mussten irgendwo stehen; entweder auf der Rampe oder an den Einlässen. An den Einlässen wäre weniger schlimm gewesen, aber ein Stau von Feierwütigen in dieser Größe wäre so oder so nicht ungefährlich gewesen.
@#80 (In diesem Zusammenhang stelle ich mir allerdings auch die Frage, warum die Fa. TraffGo HT in ihrer Entfluchtungs- und Personenstromanalyse (Anlage 49) grundsätzlich davon ausgeht, dass es keine sich kreuzenden Personenströme gibt,...): Bei einer Entfluchtung kann es keine kreuzenden Ströme geben, sonst würde ein Teil der Leute ja in das Gebäude hinein statt heraus laufen und dann wäre es keine Entfluchtung mehr. Damit das auch so kommt, wie es sich bei einer Entfluchtung gehört, muss man natürlich alle Besucher informieren, quasi es brennt, alle raus. Wenn man keine Möglichkeit zur Durchsage hat, wissen manche nicht, dass die von drinnen gerade am Entfluchten sind und laufen weiter hinein.
@#80 (Kein Wort darüber, dass während der Veranstaltung ein ständiges Kommen und Gehen stattfindet!): Was keine Überraschung war, sondern vorher eindeutig bekannt, wie die Besucherstromprognose der Lopavent eindeutig zeigt.