Pianist und Duisburger Publikum beweisen Kondition

Für den Weltklasse-Pianisten Igor Levit ist die Gesamt-Aufführung der sechs Partiten von Johann Sebastian Bach an einem Abend auch „eine Dimension und Erfahrung, die für mich neu ist“.
Für den Weltklasse-Pianisten Igor Levit ist die Gesamt-Aufführung der sechs Partiten von Johann Sebastian Bach an einem Abend auch „eine Dimension und Erfahrung, die für mich neu ist“.
Foto: Felix Broede
Was wir bereits wissen
Igor Levit spielte im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr innerhalb von dreieinhalb Stunden die sechs Partiten von Bach und zeigte Weltklasseniveau.

Duisburg.. Dieser Bach-Marathon in der Gebläsehalle des Landschaftsparks wird wahrscheinlich allen Besuchern als das längste Klavier-Konzert in Erinnerung bleiben. Im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr spielte Igor Levit innerhalb von dreieinhalb Stunden die sechs Partiten von Johann Sebastian Bach.

Vor dem Konzert richtet der russische Pianist in perfektem Deutsch ein paar Worte an das Publikum. Er berichtet, dass ihn Festival-Intendant Franz-Xaver Ohnesorg während der CD-Aufnahmen zu den Partiten darauf angesprochen habe, ob er diese Werke an einem Abend aufführen wolle. Er habe mit dieser Musik „gelebt und gestritten“, eine Gesamt-Aufführung sei für ihn aber auch „eine Dimension und Erfahrung, die für mich neu ist“.

Himmlischer Beginn

Geradezu himmlisch ist der Beginn mit der B-Dur-Partita. Das eröffnende Präludium leuchtet mit der Klarheit der Goldberg-Variationen. Levit lässt die Musik ruhig strömen und gestaltet die einzelnen Sätze auch im Hinblick auf ihre Wirkung im Gesamtverlauf, so dass jede Partita fast schon den Charakter einer barocken Klaviersonate bekommt.

Die folgende c-Moll-Partita ist ein harter Kontrast, die Sinfonia klingt düster. Der ruhige Atem und die großen Bögen, in denen Levit denkt, verleihen Bachs Musik eine philosophische Tiefe, in welche sich der Hörer ruhig fallen lassen kann. Das finale Capriccio ist wie eine glückliche Heimkehr nach einem langen und schmerzlichen Weg und nach seinem Verklingen brandet der erste Jubelsturm auf.

Levit spielt je zwei Partiten in einem Programmblock, dazwischen gibt es zwei Pausen, in denen das Publikum das Gehörte verarbeiten kann. Im weiteren Verlauf des Abends stellt man sich als Hörer aber die Frage, wie viel Bach an einem Abend bei insgesamt 40 Einzelsätzen verkraftbar ist. Das schmälert nicht Igor Levits Leistung, der gleichbleibendes Weltklasse-Niveau zeigt, sondern die Aufnahmefähigkeit der Zuhörer.

Publikum wird wachgerüttelt

Besonders in der Partita Nr. 4 mit ihrer fast zwölfminütigen Allemande sind Ermüdungserscheinungen im Publikum zu bemerken. Hatte Levit in der dritten Partita einige Sätze sehr dicht aufeinander folgen lassen, um die Einheit des Zyklus zu betonen, fragt man sich nun, ob Levit immer noch die Allemande spielt oder vielleicht schon bis zur Aria oder Sarabande vorgestoßen ist?

Zum Beginn des dritten Programmblocks wirkt die Partita Nr. 5 in G-Dur noch einmal wie ein Vitaminschub, der die Zuhörer wach rüttelt und für die finale e-Moll-Partita fit macht. Nach dem Schlussakkord der letzten Gigue erhebt sich das Publikum geschlossen zu stehendem Beifall und Jubel. Ein denkwürdiger Klavierabend, bei dem Pianist und Publikum außergewöhnliche Kondition beweisen.