Pfarrer Grimm hat als „Krisenkay“ ein offenes Ohr

Foto: Lars Heidrich/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Viele Jahre arbeitete Kay Grimm auf der Straße, später im Knast. Nun ist er in Hochfeld angekommen – und ist wieder in seinem Element.

Hochfeld..  Kay Grimm reißt im Pfarrbüro das Fenster auf. „Ich bin es gewohnt, an der frischen Luft zu sein. Ich halte mich ungern in geschlossenen Räumen auf.“ Seit einiger Zeit unterstützt der Pfarrer das Team an der Pauluskirche. Es ist eine Stelle nach seinem Geschmack.

Der gebürtige Hamburger begeisterte sich in den 1970er Jahren für die Jesus-People-Bewegung – und engagierte sich in freikirchlichen Gemeinden, weil dort die Gottesdienste mit Tanz und Gebeten lebendiger gestaltet wurden. Er entschied sich, Pfarrer zu werden, studierte Theologie. Die Freikirchen wollten allerdings, dass er eine Bibelschule besucht. Doch Grimm wollte sich wissenschaftlich mit dem Glauben auseinandersetzen. Er zog zum Studium nach Wuppertal und wandte sich der evangelischen Amtskirche zu.

Sein Studium finanzierte er als Zeitungsausträger und Versicherungsverkäufer für die Volksfürsorge. Von dem Geld reiste der heute 60-Jährige unter anderem nach Mexiko-Stadt und arbeitete dort in einem Projekt für Straßenkinder. Sein Vikariat absolvierte er später in der Auslandsgemeinde der evangelischen Kirche in Buenos Aires. Auch dort widmete er sich Straßenkindern, vorwiegend abends. „Die Straßenverkäufer kannten mich und passten auf, deshalb ist mir nie etwas passiert.“ Hoffnung konnte Grimm ihnen nicht machen, sie aber ernst nehmen und begleiten. „Das merken die Leute.“

Als er nach Deutschland zurückkehrte, stand für ihn fest: „Ein Job in einer Gemeinde ist mir viel zu langweilig.“ In Absprache mit der Landeskirche wurde für ihn ein Job als Straßenpfarrer geschaffen. „Mein Büro waren ein Handy und ein Notizbuch.“ Er mischte sich unter Drogenabhängige, vermittelte ihnen Therapien, hatte ein offenes Ohr für Zuhälter, Freier und Dealer. „Anfangs haben die mich beobachtet, wollten wissen, was ich für einer bin.“ Erst später offenbarte er, dass er Pfarrer ist. Da hatten sie schon Vertrauen zu ihm gefasst. Er begleitete die Klienten auch bei Schwierigkeiten, vermittelte beispielsweise einen Rechtsanwalt. Auf der Straße verpassten sie ihm seinen Spitznamen: „Krisenkay“. Um sich fortzubilden und in sämtlichen Lebenslagen helfen zu können, studierte er nebenbei Sozialarbeit.

Arbeit hinter Gittern

Nach zehn Jahren auf der Straße wechselte Grimm die Seite – in die Justizvollzugsanstalt Düsseldorf. „Da habe ich ein paar Leute wiedergetroffen.“ Unfrei habe er sich hinter Gittern nie gefühlt, er mochte die Aufgabe. Doch nach acht Jahren müssen Gefängnisseelsorger die Stelle wechseln, so sind die Regeln. Nach einem kurzen Intermezzo in der Forensik ist er nun in Hochfeld angekommen. Klar, dass der Pfarrer auch nach Hochfeld gezogen ist. Mit wachem Blick verfolgt er die Entwicklungen – sieht die Probleme der Rumänen und Bulgaren, weiß, dass die Kirche in Hochfeld einen schweren Stand hat. „Sie ist selten auf. Stattdessen pinkeln die Leute an die Wände.“

In einem Sonntagsgottesdienst sitzen im Schnitt nur 18 Personen. Nun muss Grimm den Spagat schaffen zwischen Beerdigungen, Gottesdiensten und der Hilfe für seine Stammklientel. Er arbeitet immer noch mit Vorliebe nachts, ist Ansprechpartner für die, denen sonst niemand zuhört. „Krisenkay“ ist wieder in seinem Element.