Opfer von Stalking schließen sich in Duisburg zusammen

Die sozialen Netzwerke und Kurzmitteilungsprogramme für Smartphones bieten Stalkern neue Möglichkeiten.
Die sozialen Netzwerke und Kurzmitteilungsprogramme für Smartphones bieten Stalkern neue Möglichkeiten.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Opfer von Stalking leiden lange unter den Nachstellungen. „Plötzlich ist nichts mehr, wie es war“, sagt eine Betroffene. Sie gründet nun eine Selbsthilfegruppe in Duisburg.

Duisburg.. Mit dem Laufpass, den ihm Marion Becker (Name geändert) gegeben hatte, kam der Ex-Freund nicht zurecht. Der Mann verfolgte und beschimpfte die 43-Jährige, stieß Todesdrohungen und ignorierte ihre Strafanzeigen, auch ein Annäherungsverbot. Stalking lautet der englische Begriff für diese Nachstellungen. Obwohl der Täter für diese und andere Straftagen im Januar zu 21 Monaten Haft verurteilt wurde, die er seither absitzt, wirken die Erlebnisse nach. Marion Becker gründet deshalb nun eine Selbsthilfegruppe, in der sich von Stalking Betroffene austauschen können.

Er habe seine Ex-Freundin „in eine Hölle gestoßen“, begründete der Richter im Januar sein Urteil gegen den Mann. Auf üble Beleidigungen in „sozialen“ Netzwerken folgten mehrfache Todesdrohungen per Handy-Textbotschaft. Eine einstweilige Anordnung mit dem Verbot, sich der mittlerweile völlig verängstigten Frau zu nähern, hatte der Mann ebenso ignoriert wie 28 Anzeigen, die sie mit Hilfe ihrer Anwältin Kathrin Scharmacher erstattet.

Stalker landete in U-Haft

„Es waren bis zu 50 Anrufe in drei Stunden, regelmäßig stand er vor meiner Haustür. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es war. Ich habe mich nicht mehr auf die Straße getraut, weil ich fürchtete, dass er hinter mir steht“, beschreibt die Meidericherin. Auch eine neue Telefonnummer änderte nichts. Das Martyrium endete erst, als der Mann in U-Haft genommen wurde, nachdem er auch ein Ordnungsgeld in Höhe von 5000 Euro nicht zahlte.

„Es geht mir besser“, sagt die 44-Jährige heute. Mit Hilfe der Opferschutz-Ambulanz verarbeitet sie die Erlebnisse, belastend bleibt der Gedanke, „dass er sich nach der Haftentlassung an mir rächen könnte.“ Bis zum März, so berichtet sie, habe es gedauert, bis ihre Psychotherapie bewilligt wurde. Die Kosten übernehmen viele Krankenkassen nur bei Körperverletzung, erfuhr sie. Nach umfänglichem Papierkrieg zahlt schließlich der Landschaftsverband Rheinland.

Duisburger Polizei unterstützte die Frau

Ausdrücklich lobt die Meidericherin die Duisburger Kriminalpolizei. „Es war ein Glück, dass sie mir sofort dazu rieten, einen Anwalt einzuschalten und eine einstweilige Anordnung zu erwirken.“ Auf viele wichtigen Informationen sei sie aber erst zufällig oder nach langer Recherche gestoßen.

Gründe genug, um den Entschluss zur Gründung einer Selbsthilfegruppe, bei deren Aufbau die Kontaktstelle des Paritätischen in Hochfeld hilft. „Es gab schon einmal eine Frau die eine Gruppe gründen wollte. Aber viele, die Unterstützung brauchen, finden dazu nicht die Kraft“, freut sich Beraterin Anja Hoppermann über die neue Initiative.

Anwältin: „Frauen fürchten um ihre körperliche Unversehrtheit“

„Viele besorgen sich ein komplett neues Leben“, beschreibt Kathrin Scharmacher die Folgen von Stalking für ihre Mandantinnen. Sie ist als Opferanwältin auf die Vertretung von Stalking-Opfern spezialisiert. „Sie sind oft in großer Angst um ihre körperliche Unversehrtheit“, ist die Erfahrung der Anwältin, „sind zermürbt und können sich oft nicht vorstellen, ein Verfahren durchzustehen“.

Eine Verurteilung zu Haftstrafen sei „eher selten“, sagt Kathrin Scharmacher, auch Ordnungsgelder fallen nach ihrem Empfinden „eher niedrig aus“. Betroffenen rät sie, frühzeitig juristischen Beistand zu suchen, um eine einstweilige Anordnung zu erwirken. Anzeigen gegen einen Täter sollten bestenfalls nicht auf mehrere Staatsanwälte verteilt werden. „Dann fallen massive Nachstellungen leichter auf.“

Polizei rät: Schon beim Versuch umgehend Anzeige erstatten

„Echtes Stalking ist total dramatisch“, sagt André Tiegs. Der Polizist ist im Kommissariat für Kriminalpräventiven Opferschutz (KPO) des Duisburger Polizeipräsidiums mit der Verfolgung der Straftaten betraut, die juristisch unter dem Begriff „Nachstellungen“ zusammengefasst werden.

Kommissariat berät und vermittelt

Im vergangenen Jahr erfasste die Duisburger Polizeistatistik 93 Ermittlungsverfahren „aus dem Bereich Stalking“, so Tiegs. „Aber es gibt sicher eine hohe Dunkelziffer.“ Schon beim Versuch einer Straftat, raten die Opferschützer den Betroffenen eine Strafanzeige zu erstatten. Falls gewünscht, bietet das Kriminalkommissariat 12 Beratung an oder vermittelt den Kontakt zu Beratungsstellen für Frauen und der Selbsthilfe-Kontaktstelle.

Das KK12 bearbeitet auch die Strafanzeigen, bringt damit eine Verfolgung der Taten durch die Ermittlungen der Polizei und der Staatsanwaltschaft in Gang und ermöglicht so, dass den Tätern Einhalt geboten wird. Oftmals stapeln sich bei Stalking-Fällen die Anzeigen. „Dass es zwanzig einzelne Aktenzeichen gibt, kommt oft vor“, sagt André Tiegs.

Auch er weist auf das Gewaltschutzgesetz hin, das die Möglichkeit bietet, Peinigern frühzeitig die Annäherung an ihre Opfer zu untersagen. Eine „Qualitätsoffensive“ der Staatsanwaltschaft im Jahr 2013 habe dazu beigetragen, zuletzt die Fallzahlen zu reduzieren, die den Tatbestand der Nachstellung (§238 StGB) erfüllen.

Tragen die sogenannten sozialen Netzwerke zu einem Anstieg der Stalking-Fallzahlen bei? Unzweifelhaft sei, das Facebook & Co. als weiteres Mittel genutzt werden, um Opfern nachzustellen. Über einen Zusammenhang mit der Zahl der Fälle gebe es aber „keine gesicherten Erkenntnisse“, sagt André Tiegs.

Staatsanwaltschaft: Gewaltschutz-Gesetz gibt juristische Handhabe

Stalking, Mobbing, Belästigung und damit oft verbundene Drohungen – das Strafgesetzbuch (StGB) fasst diese Delikte im Paragrafen 238 unter dem Begriff der „Nachstellung“ zusammen.

„Wer einem Menschen unbefugt nachstellt, seine räumliche Nähe sucht, unter Verwendung von Kommunikationsmitteln oder sonstigen Mitteln der Kommunikation oder über Dritte Kontakt zu ihm herzustellen versucht, ihn ... bedroht oder eine andere vergleichbare Handlung vornimmt und dadurch seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“, heißt es da.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem die Justiz einschreitet, um eine Nachstellung zu unterbinden? „Das Problem ist das Ausmaß“, erklärt Anna Christiana Weiler, Sprecherin der Duisburger Staatsanwaltschaft. Zu beurteilen sei, wann eine solche „schwerwiegende Beeinträchtigung der Lebensgestaltung“ eintrete. Weiler: „Das ist ein Wertungsbegriff.“ In den juristischen Kommentaren zum § 238 sei die Latte dafür hoch gelegt, erläutert die Staatsanwältin.

Als „schwerwiegend“ gelten danach die Aufgabe von Wohnung und Arbeitsplatz sowie Umzug in eine andere Stadt, nicht aber die Installation einer Videoüberwachung oder der Wechsel der Telefonnummer. „Umfang und Qualität der Nachstellung sind leider oft nur schwer einzuschätzen“, bedauert Anna Christiana Weiler, die Erfahrung zeige, dass die Voraussetzungen für eine „schwerwiegende Beeinträchtigung“ oftmals nicht erfüllt seien.

Eine Handhabe, die Nachstellung zu unterbinden, gebe der Justiz der Umstand, „dass oft auch andere Straftatbestände mit verwirklicht werden“, erklärt die Sprecherin. Die rechtliche Grundlage für ein Einschreiten ist dann das Anfang 2002 in Kraft getretene sogenannte „Gewaltschutzgesetz“ (§1331 BGB).

Vor allem zum Schutz der Opfer häuslicher Gewalt gedacht, gibt es Zivilgerichten auch die Möglichkeit, Nachstellungen per Eilanordnung zu untersagen und den Antragstellern so schnell und einfach zu Schutz zu verhelfen. Verstoßen Täter gegen die Anordnung, können sie mit Geldstrafen und auch Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr belegt werden.

Die Absicht, den Schutz der Opfer häuslicher Gewalttaten zu verbessern, war seinerzeit Anlass für das Gesetz, „wohl auch, dass Stalking damals Konjunktur hatte“, so Anna Christiana Weiler.