Obermeiderich - zwischen Industrie und Idylle

Mächtige, prächtige Bäume prägen viele Straßen in Obermeiderich. Foto: Gerd Wallhorn
Mächtige, prächtige Bäume prägen viele Straßen in Obermeiderich. Foto: Gerd Wallhorn
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
„Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau“: Was Herbert Grönemeyer über Bochum sang, trifft ein Stück weit auch auf Obermeiderich zu.

Duisburg.. Chemiewerk, Schlachthof, Gewerbegebiet mit Auto-Schwerpunkt, Bahntrassen, Rhein-Herne-Kanal – und Wohngebiete, wo die Industrie Platz gelassen hat. Aber: Richtig schön sein kann es auch in Obermeiderich.

Beispielsweise am Kanalufer, liebevoll bespöttelt als „Riviera des Nordens“. Von der Koopmannstraße aus führt mich Hermann Bertram durch ein unerwartetes Gehölz runter ans Wasser, wo gerade die „Duisburg“ der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung an uns vorbeirauscht.

Per Rad oder zu Fuß geht es immer am Kanal lang bis nach Oberhausen-Lirich, aber wir werfen nur einen Blick auf den Pechhafen der Rütgerswerke und kehren um zur Bügelstraße, die den Bahn-Haltepunkt Meiderich-Ost unterquert. „Ich bin hier immer ganz zufrieden gewesen“, sagt Bertram, der gebürtige Obermeidericher und langjährige Bezirksvorsteher. Mit dem Einkaufen, gibt er zu, ist es nicht weit her im Stadtteil: Discounter gibt’s, Apotheken, Blumengeschäft – aber früher war mehr los. Früher „brummte“ aber auch die Industrie, zog Menschen an, sorgte dafür, dass keine Wohnungen leer standen. Related content

Wir kommen zur Varziner Straße, zur Hauptverwaltung der Rütgers-Werke, die über eine „schöne Kegelbahn“ verfügt, wie Bertram weiß. So menschlich kann Wirtschaft sein. Wie schon die Koopmannstraße wird auch die Varziner von mächtigen Bäumen gesäumt – und manch andere Straße auch im Viertel. Nur Schritte von der Rütgers-Zentrale entfernt erinnern großzügige Villen mit großzügig geschwungen Giebeln an alte Zeiten, als die Chefs noch direkt neben „ihrem“ Werk wohnten.

Jenseits der Emmericher Straße – auch sie ist nicht ohne stolze Baumbegleitung vor den mal zwei-, mal dreigeschossigen, mal alten, mal nicht mehr ganz neuen Wohnhäusern, sticht der Turm des Schlachthofes ins Auge. Seit über 100 Jahren wird in Obermeiderich fürs Fleisch in der Pfanne gesorgt, noch in jüngster Zeit wurde der Betrieb auf den aktuellen technischen und hygienischen Stand gebracht. Rund 250 000 Schweine werden jährlich verarbeitet.

Über die Straße Am Welschenhof kehren wir zurück ins Wohngebiet, und Bertram berichtet von politischen Kämpfen, um ein historisches Stück Stadtteil zu sichern. 1989 war es soweit: Das vier Jahre zuvor stillgelegte Meidericher Hüttenwerk wird zum 200 Hektar großen Landschaftspark: „Das ist nach dem Kölner Dom das am zweitmeisten angefahrene Ausflugsziel“, sagt Bertram stolz. Industrielles Erbe anderer Art beschäftige in den letzten Jahren die Anwohner Am Welschenhof, wo wegen Altlasten der Boden der Gärten ausgetauscht werden musste.

Zwei Siedlungen höchst unterschiedlicher Art gehören auch zu Obermeiderich: Ratingsee und Hagenshof. Letztere ist eine typische Hochhaus-Ballung, wie sie in den 60er und 70er Jahren entstanden. „Jede Stadt hat einen Hagenshof“, sagt Bertram. Problematische Bewohner habe es gegeben, heute sei es aber ruhig dort. Dennoch gebe es Überlegungen, die Obergeschosse abzureißen.

Eine schon vom äußeren Anschein friedliche Idylle ist dagegen die Siedlung Ratingsee, wo schon Straßennamen wie Roggenkamp oder Weizenkamp innerstädtische Beschaulichkeit vermitteln, trotz der Lage zwischen der lebhaften Emmericher Straße und dem Rangierbahnhof Ruhrort. Kleine Flachdach-Reihenhäuser bilden den Altbestand aus den späten 20er Jahren, später ergänzt durch neuere Häuser, immer gruppiert um grüne Innenbereiche mit großzügigen Gärten. Und auch an dieser Stelle fallen sie auf, die großen Bäume an den Straßen.Spezial

Zwei Siedlungen im gleichen Stil und aus der selben Zeit – aufmerksame Stadtteilreport-Leser werden es wissen – finden sich auch in Wanheimerort (Dickelsbach-Siedlung) und in Neuenkamp nahe dem Parallelhafen (Diergardt-Siedlung).