NRW-Wissenschaftler untersuchen die "Generation 9/11"

In den USA, hier bei der Gedenkfeier am 10. Jahrestag der Terroranschläge in New York, geht die Forschung schon lange davon aus, dass es eine "Generation 9/11" gibt. Dass der 11. September auch in Deutschland eine Generation geprägt hat, wollen Forscher der Uni Duisburg-Essen jetzt nachweisen.
In den USA, hier bei der Gedenkfeier am 10. Jahrestag der Terroranschläge in New York, geht die Forschung schon lange davon aus, dass es eine "Generation 9/11" gibt. Dass der 11. September auch in Deutschland eine Generation geprägt hat, wollen Forscher der Uni Duisburg-Essen jetzt nachweisen.
Foto: Reuters
Jeder weiß, wo er am 11. September 2001 war. Eine Altersgruppe ist von den Terroranschlägen jedoch wohl besonders geprägt, nämlich die heute 30- bis 40-Jährigen. Das vermuten Forscher der Uni Duisburg-Essen. Sie haben eine Studie gestartet, in der die "Generation 9/11" ihr Lebensgefühl in Worte fasst.

Essen.. Der 11. September 2001 hat die große Weltpolitik verändert. Soziologen der Universität-Duisburg Essen befassen sich nun mit der Frage, was der Terroranschlag im Kleinen für jeden Einzelnen bewirkt hat. Sie wollen nachweisen, dass es die "Generation 9/11" nicht nur in den USA gibt: die Altersgruppe der heute 30- bis 40-Jährigen, die von den Anschlägen nachhaltig geprägt wurde. Bislang konnten sich deutsche Teilnehmer in einem eigens eingerichteten Internetforum äußern.

Dr. Daniela Schiek hat die Studie gemeinsam mit Professor Carsten Ullrich initiiert. Sie selbst ist 33 Jahre alt, würde also nach der Einteilung der Forscher zur "Generation 9/11" dazuzählen. Im Interview beschreibt sie das Lebensgefühl ihrer Altersgruppe.

Wie haben Sie den 11. September erlebt?

Dr. Daniela Schiek: Ich war in der U-Bahn in Berlin, dort habe ich damals studiert. Ich habe also unterwegs von der Terroranschlägen erfahren und es einfach nicht verstanden. Ich habe aber nicht gedacht, das könnte ein Action-Film sein. Und da ich es einfach nicht verstehen konnte, habe ich es auch erstmal ignoriert.

Mein damaliger Mitbewohner hatte aber schon Angst und wollte nicht mehr rausgehen, er dachte, in Berlin würden die nächsten Anschläge passieren. In den nächsten Tagen haben wir oft darüber diskutiert – ich habe mich also viel damit beschäftigt, aber erst nach und nach.

Jetzt versuchen Sie zu erforschen, wie die Terroranschläge andere Menschen geprägt haben. Wie ist diese Idee entstanden?

Schiek: Gerade zum zehnten Jahrestag war der 11. September ja wieder sehr präsent. Da ist es uns aufgefallen, dass viel über die politischen Folgen gesprochen und berichtet wird, zum Beispiel über sicherheitspolitische Aspekte. Aber es geht wenig darum, was dieser Tag in den Köpfen verändert hat, wie sich der Alltag für den Einzelnen geändert hat. Offenbar gehen viele davon aus, dass Deutschland zu weit weg ist und kaum jemand sich betroffen fühlt.

"Die Art der Gewalt am 11. September hat eine ganze Generation erschüttert"

Tatsächliche fühlt sich eine ganze Generation davon betroffen, sagen Sie.

Schiek: Wir können uns kaum vorstellen, dass eine Altersgruppe, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie kollektive Gewalt erfahren hatte, die Ereignisse vom 11. September unbeeindruckt wahrgenommen hat. Unser Ziel ist also, ein Grundmuster zu finden, in dem sich die Altersgruppe der heute 30- bis 40-Jährigen wiederfindet.

Wie gehen Sie vor, um dieses Muster zu finden?

Schiek: Das Internetforum war eine Pilotstudie. Damit wollten wir herausfinden, ob es sich lohnt, weiter zu forschen. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass der 11. September einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat – speziell bei denen, die zwischen 1971 und 1981 geboren wurden.

Aber nicht nur die heute 30- bis 40-Jährigen erinnern sich doch an 9/11. Wieso untersuchen Sie gerade diese Altersgruppe?

Schiek: Diese Generation ist zu jung, um den Kalten Krieg oder den RAF-Terrorismus bewusst miterlebt zu haben, aber alt genug, um im Jahr 2001 schon ein gefestigtes Weltbild zu haben. Dieser Vorher-Nachher-Effekt interessiert uns. Denn bis zum 11. September fehlte ihnen die Erfahrung kollektiver Gewalt.

Eines scheint allen gemeinsam zu sein: die Art der Gewalt hat sie besonders erschüttert – dass ein ziviles Transportmittel zur Bombe wird und wiederum einen zivilen Ort zum Anschlagsziel hat.

"Auch Nichtbetroffenheit ist im Fall 9/11 eine Form von Betroffenheit"

Welche emotionalen Folgen hat diese Erfahrung für den Alltag der Studien-Teilnehmer?

Schiek: Wenn man es pathetisch sagen will, sind sie verunsichert dadurch, wozu Menschen fähig sind. Zuvor kannten sie Schilderungen einer anderen Generation, in denen man sich im Krieg in einen Bunker gerettet hat. Aber den Terrorismus des 11. September können sie nicht einordnen.

Dadurch sind viele Orte für sie symbolisch aufgeladen. Jemand hat zum Beispiel geschildert, dass er unruhig wird, wenn in einer U-Bahn Rauch entsteht. Ansonsten bleibt die Angst oft diffus.

Wie gehen Sie nun weiter vor, um diese diffusen Eindrücke genauer zu erforschen?

Schiek: Momentan bereiten wir die bisherigen Ergebnisse auf – davon hängt auch ab, wie wir weitermachen. Wahrscheinlich werden wir Interviews führen, vielleicht auch Gruppendiskussionen. Das wird aber offline stattfinden.

Könnten Sie dann nicht feststellen, dass es die „Generation 9/11“ vielleicht doch nicht gibt? Im Forum haben sich ja vielleicht nur diejenigen angemeldet, die das Thema besonders beschäftigt …

Schiek: Weil es sich um ein Internetforum handelt, ja. Allerdings lässt sich generell nicht gut statistisch messen, wie viele bei einer Generation „mitmachen“. Beispielsweise gehen wir davon aus, dass es auf die Frage nach der Betroffenheit nicht nur die Antworten „ja“ und „nein“ gibt. Auch jemand, der angibt, er fühle sich vom 11. September nicht betroffen, hält die Ereignisse vielleicht mühevoll auf Distanz und beschäftigt sich so doch auch stark mit ihnen. In diesem Fall ist also auch Nichtbetroffenheit eine Form der Betroffenheit.

"Das Überleben von 9/11 hat eine Wunde hinterlassen"

Stichwort Betroffenheit: Die meisten Menschen haben den 11. September nicht direkt, sondern vor dem Fernseher erlebt. Warum hat das einen anderen Effekt als Omas Erzählungen aus dem Krieg?

Schiek: Weil die Menschen dennoch das Gefühl haben, dass sie es selbst erlebt haben – und nicht nur aus einer Überlieferung kennen. Sie waren live dabei, als die Flugzeuge in die Türme geflogen sind, als die Türme eingestürzt sind. Durch diese soziale Erfahrung hinterlassen viele herausragende Ereignisse der Geschichte ihre Spuren bei den Menschen.

Auch entsteht ein wenig das Gefühl, den 11. September nicht nur erlebt, sondern auch überlebt zu haben – und diese eigene Wunde ist für den Einzelnen viel authentischer als die Kriegsmale der Älteren.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass alle paar Wochen eine neue „Generation“ benannt, gewissermaßen erfunden wird. Warum könnte sich gerade die „Generation 9/11“ etablieren?

Schiek: Die eindeutigen Fälle, wie die 68er-Generation, sind eher die Ausnahme. Auch wenn etwa eine Rentenreform eine bestimmte Altersgruppe direkt betrifft, ist es keine Kunst zu sagen, dass sie dadurch geprägt wird. Soziologisch betrachtet hat eine Generation ein kollektives Bewusstsein einer bestimmten Zeit. Das äußert sich in ähnlichen Erzählmustern oder Bildern, die viele Menschen einer Altersgruppe wie eine Schablone mit einem bestimmten Ereignis assoziieren.

Gab es an Ihrer Studie auch Kritik?

Schiek: Es gab Versuche, die Diskussion genau in eine andere Richtung zu lenken – und damit auch Kritik an unserer Fragestellung. Letztlich ging es darum, dass wir nicht den Tathergang selbst diskutieren lassen wollten. Für uns stehen die emotionalen Reaktionen im Mittelpunkt.

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE