Walsum
Wanderhirten ziehen im Protestzug nach Brüssel
22.08.2010 | 17:46 Uhr 2010-08-22T17:46:00+0200
Duisburg.Mit einem Protestzug von Berlin nach Brüssel wollen Wanderschäfer EU-Auflagen bekämpfen, die ihrer Ansicht nach die Existenz des Berufes bedrohen. Bundesweit gibt es nur 29 Auszubildende im ersten Lehrjahr. Vor zwei Jahren waren es noch 60.
Mit einem Hirtenzug von Berlin nach Brüssel wollen Wanderschäfer auf ihr Elend aufmerksam machen: Wenig nachvollziehbare Vorschriften der Eurokraten und dazu noch ein mickriges Einkommen.
Ihre Sorge: Am Ende gebe es keine Wanderhirten in Europa mehr. Samstag machte der Hirtenzug Station in Duisburg (Bilder gibt’s hier in unserer Fotostrecke). Das Walsumer Steinkohlekraftwerk auf der einen, die Rheinauen mit einer grasenden Schafsherde auf der anderen Seite, dazwischen ein Podium. Häufig sind schwarze Hüte und Westen sowie lange, hölzerne Wanderstäbe zu sehen. Die anwesenden Schäfer wollen erkannt werden, suchen den Kontakt zu Bürgern und Politikern. Sie fordern unter anderem einen Bürokratieabbau. Insbesondere bei der Kennzeichnungspflicht ihrer Tiere. Auch beim Erarbeiten von Zukunftsperspektiven für den Beruf brauchen sie Hilfe. „Von einem Geselleneinkommen kann niemand eine Familie ernähren,“ sagt Günther Czerkus vom Schafzüchterverband VDL, „daher müssen wir in der jetzigen Situation vielen Jugendlichen abraten, Schäfer zu werden.“ Bundesweit gibt es nur 29 Auszubildende im ersten Lehrjahr. Vor zwei Jahren waren es noch 60.
Existenz sichern
Die Existenz des Berufs müsse gesichert werden, sagt Czerkus, denn „Schäfer leisten wichtige gesellschaftliche Aufgaben. Schafe sind für den Deichschutz und die Landschaftspflege unverzichtbar.“
Unterstützung kommt aus der Politik: Die Bundestagsabgeordneten Johannes Pflug (SPD), Bärbel Höhn und Friedrich Ostendorf, selbst Landwirt, (beide Grüne) sind gekommen. „Ich bin stolz, dass diese Veranstaltung in meinem Wahlkreis stattfindet“, sagt Johannes Pflug, „denn Duisburg bedeutet nicht nur Thyssen Krupp und Stahlindustrie.“
Zuversichtlich, dass den Schäfern geholfen werden kann, ist die frühere NRW-Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn: „Man kann viel über Förderungen machen. Das Geld ist da, es muss nur besser verteilt werden.“
Ermessensspielräume bei Vorschriften
Aufmerksamkeit bräuchten die Schäfer aber nicht nur des Geldes wegen, erklärt Wolfgang Scholle, ein Sprecher der Berufsschäfer. „Auch auf lokaler Ebene von Politik und Verwaltung können Kenntnisse über den Arbeitsalltag der Schäfer schon viel helfen.“ Denn oft gebe es Ermessensspielräume für die Anwendungen von Vorschriften. „Bis zu den Landräten bekommen wir auch Unterstützung jeder politischen Couleur, aber jetzt müssen wir höher.“
Ds Interesse in der Bevölkerung war groß. Viele hundert Menschen sind bei prächtigem Wetter in die Rheinaue gekommen und suchten das Gespräch mit den Schäfern, konnten aber auch zusehen, wie Schafe geschoren werden und ließen sich gegrillte Lammbratwurst (natürlich bio!) schmecken. Dazu gab’s Informationen von Züchtern, Vereinen und Organisationen.
„Wir sind auf einem guten Weg“, resümiert Günther Czerkus, „aber das war bestimmt nicht die letzte Aktion“. Am 17. September wird der Hirtenzug in Brüssel ankommen, bevor es dann wieder zurück nach Deutschland geht.
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