Trockener Alkoholiker drückt seine Erfahrungen in Kunst aus

Jürgen Markert ist Küster der Ev. Kirchengemeinde Walszum-Vierlinden. Hier steht der 60-Jährige vor dem Martin-Niemöller-Haus.
Jürgen Markert ist Küster der Ev. Kirchengemeinde Walszum-Vierlinden. Hier steht der 60-Jährige vor dem Martin-Niemöller-Haus.
Foto: Ute Gabriel/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Das Thema Alkoholsucht wird häufig tabuisiert. Der Duisburger Jürgen Markert geht offen damit um. Seit 30 Jahren ist er trockener Alkoholiker.

Duisburg.. Im Grunde genommen lebt Jürgen Markert (60) sein zweites Leben. Der „nasse“ Alkoholiker, der er einst war, ist nämlich schon lange Geschichte – seit 30 Jahren ist der gebürtige Walsumer trocken. Seit dieser Zeit lebt er das bessere Leben, eines, das er ganz ohne das fragwürdige Genussmittel genießen gelernt hat.

Vom Feierabendbier in die Sucht

Mit 14 greift Markert zum ersten Mal zur Flasche. „Zuerst war es hin und wieder auf Partys. Ganz genau so, wie es die meisten Menschen auch mal machen“, erinnert er sich. Bald rutscht er in die Sucht. „Dann wird das Feierabendbier zum Standard und es bleibt auch nicht bei einem. Irgendwann ist man dann kribbelig, wenn man nichts zu trinken hat“, sagt er.

Gearbeitet hat der ehemalige Bergmann trotzdem immer. „Alkoholiker sind nicht nur die, die auf der Straße sitzen und abgestürzt sind. Viele können es gut verbergen und gehen auch noch zur Arbeit. Ich war auch einer davon.“

Bis er 31 Jahre alt ist, trinkt er weiter. Irgendwie bringt er Arbeit, Ehe und Kinder unter einen Hut. Dann kommt der Tiefpunkt. Das Schlüsselerlebnis, ohne das er vielleicht nie vom Alkohol weggekommen wäre. „Ich bin mit besoffenem Kopp mit dem Fahrrad verunglückt. Als ich am nächsten Tag das Rad sah, war es, als würde ich endlich aufwachen und zur Vernunft kommen.“ Markert erblickt den Kindersitz auf dem Gepäckträger – er ist übel verbogen. „Plötzlich wurde mir klar, was ich alles anrichten könnte. Für meine Kinder und Frau wollte ich mein Leben ändern“, erinnert er sich an seinen Entschluss. Es folgt eine sechs monatige Therapie. Zur Flasche greift er nie wieder.

Die Malerei als Leidenschaft

„Gemalt habe ich immer gerne“, sagt Markert. „Als Kind schon und auch später immer mal wieder. Als ich in der Therapie dann einen Pinsel in der Hand hatte, fiel der Groschen.“ Markert entdeckt bei der Therapie seine Leidenschaft. Auch heute schwingt er gerne den Pinsel oder gestaltet Skulpturen. Auf vielen Ausstellungen in Duisburg hat er seine Werke präsentiert.

Ganz losgelassen hat der Alkohol ihn jedoch nie – wenn auch auf ganz andere Art und Weise: Über die Jahrzehnte hat er viele Selbsthilfegruppen ins Leben gerufen und geleitet. „Ich will anderen helfen, wie ich trocken zu bleiben“, erklärt Markert, der in der Evangelischen Gemeinde in Walsum-Vierlinden seit 26 Jahren als Küster arbeitet und dort derzeit zwei Selbsthilfegruppen betreut.

Den Teilnehmern will Markert das mit auf den Weg geben, was seine größte Erkenntnis ist: „Man muss sich selbst lieben. Ich meine nicht, dass man egoistisch sein soll, aber nur, wenn man sich selbst liebt, ist man umsichtig mit sich und kann auch anderen Liebe geben“, sagt er.