Meiderich macht in Übersee Schule

Radikales Umdenken im Ruhrgebiet: Der Autor glaubt, die USA könnten vom Landschaftspark und seiner Geschichte lernen.
Radikales Umdenken im Ruhrgebiet: Der Autor glaubt, die USA könnten vom Landschaftspark und seiner Geschichte lernen.
Foto: Connecticut Post
Was wir bereits wissen
Hugh Bailey, Redakteur der US-Zeitung Connecticut Post, war für eine preisgekrönte Reportage im Landschaftspark unterwegs. Duisburg als Vorbild

Duisburg..  Unsere Leserin Helga Gogoll aus Hamborn bekam die Zeitung von einer Freundin aus Connecticut zugeschickt und brachte sie in die Redaktion: „Toll, dass die Amerikaner unserem Landschaftspark gleich drei Seiten in einer Zeitung widmen!“

„Wiedergeborene Ruinen“, titelt die Connecticut Post in ihrer Ausgabe vom 30. November 2014, „Radikales Umdenken in Deutschlands siechendem Ruhrtal.“

Redakteur Hugh Bailey war im Herbst im Grenzland zwischen Duisburg-Meiderich, Oberhausen und Essen unterwegs. Mit dem klaren Schwerpunkt auf dem Landschaftspark-Nord in Meiderich recherchierte er eine Reportagen-Serie über die Industriekultur und die Emscherpark-Erneuerung. Wer seine Artikel liest, der spürt, dass Bailey in Meiderich viel von dem gesehen hat, was er sich für seine Heimat an der US-Ostküste wünschen würde.

Der Staat Connecticut an der Ostküste der USA liegt etwa 100 Kilometer nordöstlich von New-York-City im Herzen der Neu-England-Staaten. Sehnsuchtsziel war der drittkleinste Staat der USA, dessen Yale-Universität weltberühmt ist, mit seiner reichen Landwirtschaft und der florierenden Schwerindustrie in der 1950’er und 1960’er Jahren auch für Auswanderer aus Deutschland. Auch einige Duisburger wanderten in Städte wie Hartfort, New Haven, oder Bridgeport aus.

Ruhrgebiet als ,deutsches Amerika’

Heute hat des ganze Bundesstaat knapp 3,5 Millionen Einwohner und eine Arbeitslosigkeit von 6,9 Prozent – in beiden Kategorien deutlich weniger als das Ruhrgebiet. Die größte Stadt des Staates, Bridgeport mit rund 145 000 Einwohnern, ist ansonsten mit Duisburg durchaus zu vergleichen.

Auch dort sorgte bis in die 1980’er Jahre die Schwerindustrie für tausende Arbeitsplätze, auch dort brach Industrie größtenteils weg: Die Firma Remington, die in Bridgeport eine der größten Munitionsfabriken der USA betrieb, machte schon 1970 dicht, Werften wurden geschlossen. Zurückgeblieben in dem kleinen Neu-England-Staat sind Industriebrachen, die vor sich hin rotten. Bis irgendwann ein neuer privater Investor kommt – oder eben nicht.

Für den US-Journalisten Bailey war besonders beeindruckend zu sehen: „Das Ruhrgebiet ist in der Art, wie es besiedelt wurde, eigentlich amerikanisch und nicht europäisch.“

Für den US-Journalisten gibt es in den ganzen USA, gemessen am hochgelobten Landschaftspark, nur wenige Beispiele gelungener Industriekultur: „Eines davon“, schreibt er, „ist ganz sicher die High Line, die auf einer alten Hochbahntrasse durch Manhattan führt.“

„Vom Verfall zu einem Beispiel für die Welt“, betitel der amerikanische Reporter seine Doppelseite über den Landschaftspark-Nord.

Während man in den USA stets auf die regulierende Kraft des Marktes allein setze, schreibt Reporter Hugh Bailey, habe man sich in Duisburg und im gesamten Ruhrgebiet bewusst auf einen langfristigen Strukturwandel geeinigt.

„Sie sagen dort: Wir sind nicht Detroit.“

„Bei uns (in den USA) rotten solche Brachen entweder ewig vor sich hin, oder es wird schnell, kurzfristig, privates Geld investiert, dessen Wirkung dann auch schnell verpuffen kann“, schreibt der Mann, der für seine dreiteilige Serie ein Recherche-Stipendium in Höhe von 75 000 US-Dollar erhielt, „im Landschaftspark haben sich öffentliche Hand und private Wirtschaft auf eine gemeinsame Finanzierung mit langfristiger Perspektive entschieden.“

Dies erst eröffnet, laut Bailey, die Chance zu einem echten Wandel der Region. Als vorbildlich lobt der US-Autor die Funktion der Bauausstellung Emscherpark in den 1990’er Jahren.

Während in den USA ehemalige Industriegebiete – etwa Braunkohlereviere – nur dann Geld vom Staat erhalten, wenn sie auf ökonomisches Wachstum ausgerichtete Konzepte vorlegten, würden im Ruhrgebiet zwei Prozesse parallel verlaufen: „Die Industriekultur Ruhr und mit ihr der Landschaftspark Duisburg-Nord als ihr Zentrum, ist unabhängig von ökonomischen Einflüssen zu einem Beispiel für die Welt geworden“, schreibt Bailey.

Seiner Meinung nach werde dies mittelfristig erheblich auch zum wirtschaftlichen Wachstum der Region beitragen. Ein System wie das amerikanische nehme billigend den Verfall oder den Abriss von Industriekultur in Kauf. Bailey bringt es auf den Punkt: „Sie sagen dort: Wir sind nicht Detroit.“