Kein Ganztag - Eltern fürchten erzwungene Arbeitslosigkeit

Ganztagesplatz oder erzwungener sozialer Abstieg: (v.li.) Mike Romanski, Dirk Maquardt, Michaela Benke-Geisthoff, Anette Tibud und Anke Romanski.
Ganztagesplatz oder erzwungener sozialer Abstieg: (v.li.) Mike Romanski, Dirk Maquardt, Michaela Benke-Geisthoff, Anette Tibud und Anke Romanski.
Foto: Michael Dahlke / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Weil an einer Grundschule in Duisburg der Offene Ganztag nicht wie angekündigt ausgebaut wird, befürchten berufstätige Eltern sozialen Absturz.

Duisburg-Röttgersbach.. Sie sind das, was früher einmal als Mittelschicht bezeichnet wurde: 15 Ehepaare mit Kindern, allesamt berufstätige Väter und Mütter. Um ihren Kindern, wie sie sagen, ein gutes Leben zu ermöglichen.

Weil ihre Kinder vor dem Übergang vom Kindergarten zur Grundschule stehen und weil die Schule am Mattlerbusch gemeinsam mit dem Verein Rapunzel-Kinderhaus einen Ausbau der Ganztagsplätze ankündigte, meldeten sie ihre Kinder vor Monaten dort an.

Dann, am 16. Juni, erfuhren die Eltern, dass es keinen Ausbau der Ganztagesbetreuung am Mattlerbusch geben wird: „Die Schule und der OGS-Betreiber hatten bereits alles in die Wege geleitet“, sagt Mutter Michaela Benke-Geisthoff, „ein passender Raum wurde von der Schule zur Verfügung gestellt und ein Konzept wurde erstellt, eine Betreuungskraft wurde eingearbeitet.“

Eltern "total geschockt"

Dann habe die Stadt kurz vor den Sommerferien die Schule und den Verein informiert, dass es keine Erweiterung von 75 auf 100 Ganztagesplätze geben wird: „Wir habe es kurzfristig erfahren und sind total geschockt“, sagt Benke-Geisthoff, „zumal wir jetzt ja gar nicht mehr reagieren können.“

Nach derzeitigem Stand, sagen die Eltern übereinstimmend, muss nach den Sommerferien ein Elternteil in die erzwungene Arbeitslosigkeit gehen: „Selbst wenn es eine Betreuung bis 13 Uhr geben sollte, können viele von uns das mit Teilzeit gar nicht ausgleichen“, sagt Benke-Geisthoff, die Leiterin einer Kita ist: „Ich bin zu einer bestimmten Stundenzahl verpflichtet, für mich hieße dass, meine Karriere an den Nagel zu hängen und enorme finanzielle Einbußen für die Familie in Kauf zu nehmen.“

Sommerurlaub allesamt auf Eis gelegt

Bei Mike Romanski und seiner Ehefrau Anke stellt sich die Lage noch dramatischer dar. Sie müssen eine Immobilie abbezahlen.

Außerdem steckt Anke Romanski neben ihrer täglichen Arbeit in einer hochqualifizierten und teuren Ausbildung: „Wir zahlen eine Immobilie ab, außerdem die Ausbildung meiner Frau. Sie hat im Oktober Abschlussprüfung.“

Natürlich wüssten sie, sagen die Eltern, die an diesem Sonntagabend im Mattlerbusch zur Krisensitzung zusammen gekommen sind, dass es keinen Rechtsanspruch auf einen Ganztags-Schulplatz gibt: „Wenn man uns rechtzeitig informiert hätte“, sagt Vater Dirk Maquardt, „hätten wir uns nach Alternativen umschauen können. Aber jetzt geht gar nichts mehr.“

Die Möglichkeit, Betreuung durch Tagesmütter sicher zu stellen, sehen sie nicht: „Die müssten ja einen Fahrdienst bieten und die Kinder täglich von der Schule abholen. Das ist abwegig.“

Ihren Sommerurlaub haben sie wegen der misslichen Lage allesamt auf Eis gelegt. Statt dessen wollen die verzweifelten Eltern das Gespräch mit der lokalen Politik und dem OB Sören Link suchen: „Hoffentlich helfen die uns.“

Kein Rechtsanspruch

Die Stadt Duisburg betont in ihrer Stellungnahme zur Anfrage in Sachen OGS-Plätze am Mattlerbusch, dass es keinen Rechtsanspruch auf einen Platz in der schulischen Ganztagesbetreuung gibt: „Jede Schule erstellt aufgrund der örtlichen Gegebenheiten ihr eigenes Konzept zur Vergabe der Plätze und führt entsprechende Beschlüsse der Schulkonferenz herbei. Aus diesem Grund kann auch die Definition eines Härtefalls von Schule zu Schule unterschiedlich ausfallen“, schreibt eine Stadt-Sprecherin.

Grundsätzlich seien die Schulen bemüht, den pädagogischen und den familiären Bedarfen – etwa Vereinbarkeit von Familie und Beruf – so weit wie möglich zu entsprechen: „In diesem Kontext ermitteln die Schulen ihre Bedarfe und teilen diese der Schulverwaltung mit. Wir versuchen, allen Schulen möglichst frühzeitig entsprechende Rückmeldungen auf diese Bedarfsanfragen zu geben.“

Kontingent erstmals erschöpft

Diese Rückmeldungen seien abhängig von den Meldungen aller Schulen sowie dem zur Verfügung stehenden Gesamtkontingent von 5.300 Plätzen. Dieses Kontingent sei – in diesem Jahr erstmals – komplett ausgeschöpft.

Die Verteilung dieser Plätze auf die einzelnen Schulen erfolge nicht nach einer bestimmten Quote, sondern nach schulbezogenen Bedarfen, wie der Elternnachfrage, und räumlichen Möglichkeiten im Schulgebäude: „Diese Struktur ist im Laufe der Jahre gewachsen und nicht „von oben“ verordnet.“

Eine Prüfung, inwieweit am Mattlerbusch noch zusätzliche OGS-Plätze bereit gestellt werden können, stehe aus. Mit dem Träger an der Schule habe die Stadt aber die Einrichtung einer zusätzlichen Gruppe „Schule von acht bis eins“ vereinbart.

Die Betreuungszeiten könnten nach Bedarf auch über 13 Uhr hinaus erweitert werden: „Mit dieser Maßnahme dürfte den betroffenen Eltern zumindest im Hinblick auf verlässliche Betreuungszeiten geholfen sein.“