Flucht in die Elektronik
03.08.2010 | 19:14 Uhr 2010-08-03T19:14:00+0200
Alkoholiker haben es einfacher: Ihre Sucht lässt sich leicht kontrollieren, entweder man ist trocken oder nicht. Anders bei PC-Süchtigen: Ohne PC ist Leben heutzutage kaum vorstellbar. Was aber, wenn man süchtig ist?
Die Antwort versucht seit kurzem Maximilian Müller zu geben. Der Psychologie betreut die jetzt eingerichtet Ambulanz in der Fachklinik St. Camillus in Walsum. Immer häufiger hatten PC-Süchtige Hilfe gesucht, berichtet Müller: „Anfangs hatten wir sie gemeinsam mit den Glcüksspielern betreut. Aber das ging nicht.“ Zu unterschiedlich sind die Suchtverhalten.
Das betrifft auch die PC-Süchtigen insgesamt. Vor allem drei Gruppen sind kritisch, weiß Müller: „Das sind einmal die jugendlichen Gamer.“ Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis etwa 25 können in ihrer Sucht nach World of Warkraft und anderen Spielen kein Ende finden. Und weil die Mitspieler rund um den Globus zu finden sind, wird auch schon mal die ganze Nacht durchgespielt, wenn etwa die anderen in Asien oder Amerika am Rechner hocken.
Eine andere Gruppe sind die Menschen jenseits der 50, die im Internet nach Lösungen für bestimmte Probleme suchen, sich mit anderen Gleichgeseinnten unterhalten und dann hier auch schnell Lob bekommen, das im Alltag nicht zu bekommen ist.
Und die dritte Gruppe sind Frauen, berichtet Müller: „Das sind Frauen im mittleren Alter, die Interesse an erotischen Inhalten haben, sich dafür eine andere Identität zulegen , um ihren Phantasien nachzugehen. Da wird dann auch einer Frau prötzlich ein junges blondes Mädchen, das nicht mehr aufhören kann zu chatten.“
So unterschiedlich die Motive sind, so deutlich sind die Konsequenzen: „Der Alltag wird zunehmend vernachlässigt.“ Das führt dann wirklich in einigen Fällen zu schlimmen Verhaltensweisen: „Da wird dann in eine Flasche gepinkelt, nur um beim Spielen nicht unterbrochen zu werden.“
Früher war die Onlinesucht auch noch mit einem Finanzchaos verbunden. In Zeiten der Pauschalpreise ist das jedenfalls kein Thema mehr. Die Diagnose ist schwierig, weiß auch Müller: „Nicht jeder, der eine Woche durchspielt, ist süchtig.“ Deshalb steht am Anfang der Behandlung eine gründliche Anamnese, die Klärung, ob überhaupt ein Suchtverhalten vorliegt.
Trifft das zu, hilft ein Ampelmodell, Beruf und Sucht zu beherrschen. Rot sind alle problematischen Aktivitäten (Spiele, spezielle Chatrooms und berufsfremde Websites), Erlaubt und unbedenklich sind (Grün) sind hingegen beruflich bednigt Computernutzungen, genau beschriebene Email, Nutzungen und Bankgeschäfte. Vorischt ist hingegen bei länger andauernden Online-Aktivitäten geboten.
Ein Fragebogen mit 20 Punkten hilft, die Suchtfrage zu klären. Müller: „Wir helfen auch Eltern, wenn die sich Sorgen machen, ob ihr Kind gefährdet ist.“ Gerade Eltern ohne PC-Kenntnis könnten sonst zu leicht in Gefahr geraten, sich unnötigerweise Sorgen zu machen.
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