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Sozialdrama

Die Wut im leeren Bauch

26.08.2012 | 14:01 Uhr
Die Wut im leeren Bauch
Jahrelang, sagt Ludger, habe er mit dem Jobcenter keine Probleme gehabt. Bis er im Frühjahr diesen jahres eine Nachzahlung eingefordert habe.Archivbild: dapd

Duisburg-Hamborn.   Ohne Arbeit, ohne Essen, ohne Medikamente: Ludger K. wartet seit Ende Mai auf Geld vom Amt

„Starren sie ruhig auf meine Klamotten“, sagt Ludger K. (Name geändert und der Redaktion bekannt) beim Redaktionsbesuch und zupft nervös an seiner Adidas-Jacke und dem exklusiven Fußballtrikot darunter, „aber die ändern auch nichts an meiner Scheiß-Situation. Nur weil ich gerade ganz unten bin, muss man es mir ja nicht unbedingt auch noch ansehen.“

Unten war der 42-jährige nicht immer: Er ist gelernter Kranführer, arbeitete in der Stahlindustrie.

Lebensgefährtin leidet an Diabetes

Zwar war er in den Jahren seit dem Jahrtausendwechsel mehrfach auf Arbeitslosengeld und Hartz-IV angewiesen, aber Ludger arbeitete auch regelmäßig: „Eigentlich hatte ich mit Ämtern auch nie Probleme. Bis zum Frühjahr“, sagt der muskulöse Mann, der in Röttgersbach mit einer zuckerkranken Lebensgefährtin zusammenlebt.

Im vergangenen Jahr noch hatte Ludger Wechselschichten für einen Leih-Arbeitgeber gefahren: „Da habe ich gut verdient, fast 1900 Euro im Monat.“ Dann verlor er den Job, wurde wieder bei der Arbeitsagentur vorstellig: „Die Zahlungen gingen alle ordnungsgemäß ein, bis ich darauf aufmerksam gemacht habe, dass sie mir zu wenig Geld zahlen“, sagt Ludger und fügt hinzu, dass er dies heute bitter bereut, „darauf haben sie extrem gereizt und verärgert reagiert.“

Ludger sagt, er habe im Frühjahr dennoch relativ schnell eine Nachzahlung des Amtes erhalten: „Und dann ging plötzlich der Ärger los!“

Das Amt habe im April 2012 weitere Belege über seine finanzielle Gesamtsituation von ihm angefordert, plötzlich habe seine Sachbearbeiterin Jahre alte Kontoauszüge von ihm sehen wollen. Außerdem habe er sich nachträglich für eine Urlaubsreise erklären sollen: „Ich habe ja gesagt, dass ich 2011 gut verdient hatte..“ Also machte er Ende 2011 eine Urlaubsreise nach Südamerika, in die Heimatregion seiner Lebensgefährtin, wohin er auch gern auswandern würde: „Habe ich ordnungsgemäß angemeldet, die Reise. Darauf hatten wir schließlich gespart.“

Keinerlei Unterstützung von Verwandten und Freunden

Nach einer Überweisung Ende Mai, jedenfalls, stellte die Arbeitsagentur die Zahlungen an Ludger ein. Begründung: Er verweigere die Zusammenarbeit bei der Offenlegung seiner finanziellen Situation.

Seitdem, hat der Mann, der schwört, er habe keinerlei Unterstützung von Familie oder Freunden, kein Geld mehr. Keine Arbeit, keine Krankenversicherung: „Weil sämtliche Bewilligungsbescheide aufgehoben sind.“

Hunger habe er. Die Lebensgefährtin sei daheim mehrfach zusammengebrochen: „Diabetes. Ich weiß nicht, wie lange sie das noch schafft. Habe Angst, dass sie stirbt“

Arbeiten? „Will ich, kann ich, aber wie soll ich zur Arbeit kommen ohne Busfahrkarte?“

Letzte Nachricht von Ludger: Einen Job hat er gefunden. In Hochfeld. Zu essen hätten sie immer noch nichts. Aber Busfahrkarten, die bis Freitag reichen: „Danach weiß ich nicht weiter . . .“

Elf Konten und ein Hausverbot

„Herr K. hat in unserem Hause mittlerweile Hausverbot“, sagt eine Sprecherin des Jobcenters auf Nachfrage der Redaktion, „er ist uns gegenüber wiederholt sehr aggressiv aufgetreten.“

Mit den Nachforderungen, die Ludger K. gestellt hat, habe seine Situation nichts zu tun, sagt die Sprecherin: „Herr K. hat sich sehr lange geweigert, uns gegenüber seine finanzielle Situation zu erklären. Um Leistungen zu erhalten, muss er dies aber tun.“ Mittlerweile kooperiere er aber mit der Behörde: „Das tut er aber erst seit einigen Tagen.“ Luder K.’s Fall liege beim Sozialgericht. Der Richter und K.’s Anwältin seien informiert.

Vor zwei Jahren habe das Amt mit Ludger K. bereits schlechte Erfahrungen gemacht: „Damals hat er uns erst verspätet Vermögen von über 30.000 Euro gemeldet, das zu dem Zeitpunkt aber nicht mehr verfügbar war.“ Außerdem, sagt die Sprecherin weiter, habe das Amt bei Ludger K. 11 Konten entdeckt. Auch den Ursprung des Geldes für die Südamerika-Reise habe K. erst spät belegt: „Dann müssen wir natürlich reagieren.“

„Frechheit“, nennt K. die Aussagen der Sprecherin. Fakt sei, dass er kooperiere, das sei der einzig wesentliche Punkt: „Die 30.000 Euro, die gehörten meiner Lebensgefährtin aus einem Rentensparvertrag.“

Viele der genannten Konten seien außerdem längst gelöscht: „Ich bin geschieden und hatte früher natürlich andere Konten.“

Christian Balke



Kommentare
31.01.2013
12:29
Die Wut im leeren Bauch
von nolkyimPott | #9

Schön, dass Sie das Wort EXPORTWELTMEISTER benutzen. Unser Staat ist darauf
ausgelegt seine Bürger auszubeuten. Eigentlich müssten wir Steinreich sein. Jährlich einen Überschuss von 200 Milliarden zu erwirtschaften ist wahrlich toll. Nur kommt bei uns Bürgern nichts davon an. Das Geld geht weg. Schlicht und einfach ist es weg.
Die Europ. Zentralbank hat plus minus null, doch dort ist unser Überschuss doch
mit eingerechnet. Wir dummen Deutschen bezahlen die EU, oder besser gesagt den EURO. Nur uns dummen Bürgern nimmt man alles, wir strampeln uns ab die die Blöden und haben wenn wir mal nicht mehr können nichts mehr.....so siehts aus.
Unsere von uns gewählten Politiker sind NICHT für uns da. Die dienen ganz Anderen!

29.08.2012
11:26
Die Wut im leeren Bauch
von hercules150 | #8

zu 4 es ist schon mehr als traurig das es in einem Land wie Deutschland EXPORTWELTMEISTER überhaupt Tafeln nötig sind.

27.08.2012
18:26
Die Wut im leeren Bauch
von Ahmet5 | #7

Lieber Herr Balke,
Krtik muss sein (und damit meine ich nicht die Rechtschreibfehler). Zum Einen heißt es Jobcenter und nicht ArGe! Zum Anderen muss ich Ihnen sagen, dass es zwar sehr schön reißerisch geschrieben ist, man aber dem nicht fachkundingen Leser erklären sollte WARUM ein Datenabgleich erforderlich ist. Bei 11 Konten und einem Kapital von 30.000 Euro findet es wohl kaum ein arbeitender Mensch witzig, dass solche Leute auf deren Kosten leben. Wären alle Menschen ehrlich bräuchte man solche Kontrollen nicht.

Was ich besonders schön finden würde und Ihre Zeitung (nicht nur online) lesenswerter machen würde: Berichten Sie doch mal wie es ausgeht!

1 Antwort
Die Wut im leeren Bauch
von KritikierMH | #7-1

Ich hatte bisher beruflich nur mit der Mülheimer Tafel zu tun, dort läuft das ganze wesentlich weniger bürokratisch ab, als in Duisburg:

http://www.diakoniewerk-muelheim.de/tafel.html

27.08.2012
13:49
Die Wut im leeren Bauch
von memmo | #6

So ganz verstehe ich das nicht.
Wird die Zahlung eingestellt, gibt es normalerweise einen Bescheid darüber mit Begründung. Oder erfolgt das heute mündlich?
Seine Bescheide sind nach seiner Aussage aufgehoben. Einfach so oder gibt es darüber einen Bescheid?
Falls Ludger in Allem Recht haben sollte, wäre das natürlich der absolute Hammer.

27.08.2012
12:01
Die Wut im leeren Bauch
von Christian_Balke | #5

Liebe DerWesten-user,
zur Frage, warum Ludger nicht zur Tafel geht, um sich und seiner Lebensgefährtin Essen zu holen: Dazu braucht er, wie er sagt, einen Bewilligungsbescheid der Arge oder des Sozialamtes. Die wurden in seinem Fall aber sämtlichst aufgehoben und bislang nicht mehr erteilt.
Deswegen kriegt er nirgendwo etwas.
Grüße aus der Redaktion,
Christian Balke

1 Antwort
Die Wut im leeren Bauch
von KritikierMH | #5-1

Ich hatte bisher beruflich nur mit der Mülheimer Tafel zu tun, dort läuft das ganze wesentlich weniger bürokratisch ab, als in Duisburg:

http://www.diakoniewerk-muelheim.de/tafel.html

m

27.08.2012
09:40
Die Wut im leeren Bauch
von KritikierMH | #4

Immer sehr seltsame Geschichten und Schuld sind immer die Anderen. Hungern braucht in Deutschland übrigens niemand, dafür gibts die Tafeln!

1 Antwort
Die Wut im leeren Bauch
von Legal | #4-1

Das traurige ist, das die Tafeln mittlerweile eine feste Größe in unserem Land geworden ist. Minimal-Löhne, H4 und Aufstocker, alles von unserer Elite gewollt und eingeführt. Sie scheinen zu den oberen 10 000 zugehören, insofern brauchen Sie sich niemals an der Tafel anstellen und können auf die ärmsten hacken. Vielleicht haben Sie auch nur einen guten und Krisenfesten Job. In dem Fall sollten Sie sich allerdings schon mal an den Gedanken gewöhnen, selber an der Tafel um Nahrungsmittel zu bitten.

Divide et impera

27.08.2012
06:02
Die Wut im leeren Bauch
von silverstone | #3

A) Der arbeitende Teil unserer Gesellschaft interessiert das Elend der Anderen nicht.
B) Die teilweisen kriminellen Missststände der ARGEN in Duisburg, sind alle denen bekannt die mit der Behörde zu tuen haben.

Wer sich selbst zu helfen weiß kommt durch.Der Rest bleibt gewollt auf der Strecke.

Und Ihr habt SIE alle gewählt in Deutschland!

Selber schuld!!!


Man kann nur sagen,wer nichts hat,dem kann auch nichts genommen werden! Traurig das ich so eine Meinung bekommen habe!!!


Zu arbeiten ohne Bildungsabschluss ist selbstbetrug!

1 Antwort
Die Wut im leeren Bauch
von Legal | #3-1

Leider muss ich Ihnen in vielen Punkten Recht geben. Das Volk lässt sich zu leicht manipulieren und aufhetzen, natürlich nicht auf die wahren Verursacher sondern auf die ärmsten unserer Gesellschaft. Die haben keine Lobby und keine Kraft sich zu wehren.

Wir haben nichts aus unserer Geschichte gelernt !

26.08.2012
23:00
Die Wut im leeren Bauch
von uetti | #2

Und die Erde ist eine Scheibe ....

26.08.2012
18:27
Die Wut im leeren Bauch
von hercules150 | #1

Bürger/innen die in Duisburg von der Arge abhänging werden, mag man nicht und unterstellt ihnen immer die Unwahrheiten zu sagen. Seit Jahren schon als ob das so gewollt ist und den betroffenen Menschen den letzten Rest von Würde zu nehmen.
Und um Ausreden ist das Amt auch nie verlegen, passt zu den restlichen Ämter in Duisburg.

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