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Blick von draußen auf Marxloh

01.01.2013 | 15:00 Uhr
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Blick von draußen auf Marxloh
Redakteur Christian Balke hat „Allein unter Deutschen“ von Tuvia Tenenbom gelesen. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool

Duisburg-Marxloh.   Dem New-Yorker Autor Tuvia Tenenbom gefiel’s im Norden. Anfangs jedenfalls

Die Deutschen sind ewige Judenhasser? Die Marxloher Ditib-Moschee ein Hort des radikalen Antisemitismus?

So soll es zahlreichen Kritikern zu Folge im Buch des New Yorkers Tuvia Tenenbom stehen, das der Suhrkamp-Verlag vor Weihnachten auf den Markt brachte.

Auf der Titelseite strahlt ein Dutzend schmucker Bräute an der Pollmankreuzung. Gemeinsam mit dem Autor recken sie Schilder mit dem „Made in Marxloh“-Logo in die Höhe. Allein unter Deutschen. In Marxloh? Ausgerechnet.

Tenenbom ist ein New Yorker Intellektueller, Gründer des Jüdischen Theaters New York. Er schreibt regelmäßig für die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“.

Für das Buch unternahm der Mann, der einer deutsch-polnischen Familie jüdischer Konfession entstammt, auf Aufforderung eines Verlags eine viermonatige Deutschlandreise. Er trifft spannende Gesprächspartner. „Besoffene“ Linksautonome, „freundliche“ Rechtsradikale, Altkanzler Helmut Schmidt („Rabbi Helmut“), „Gutmensch“ Helge Schneider, . . .

Und: Adolf Sauerland.

Der lädt damals, im Jahre 2010, vor der verhängnisvollen Love-Parade, den Autor für eine Woche nach Duisburg ein. Tenenbom, hier gänzlich unsarkastisch, erliegt als Theatermann dem Charme der „Traumzeit“ im Landschaftspark Nord und nimmt das Angebot an.

Auch, weil er mehr über die Türken in Deutschland erfahren will.

Der Universalgelehrte Tenenbom, der neben einem Mathematik- und Informatikdiplom ein abgeschlossenes Theater-, Rabbiner- und Orientalistikstudium mit nach Marxloh brachte, fand in Mustafa Tazeoglu und Christine Blecks von der Agentur „Urban Rhizome“ neue Freunde. Freunde wollte er sich häufig aber gar nicht machen.

Tenenbom macht sich einen Spaß daraus, die Koran-Zitate vieler seiner Gesprächspartner als falsch zu entlarven. So macht er, der den Koran in arabisch studiert hat, Marxloher Muslimen klar, dass „Islam“ nicht „Friede“, sondern „Unterwerfung“ bedeutet, dass Frauen im Koran nirgendwo das Tragen des Voll-Schleiers, des „Hijab“, vorgeschrieben wird.

Das Echo auf so viel Wissen ist nicht immer freundlich: Tenenbom wird offen mit radikalislamischer Judenhetze beleidigt. Darauf fußt sein Ärger. Und auf Erfahrungen, die er im Umfeld der Ditib-Moschee gemacht hat. Gemeindemitglieder hätten Beziehungen zu den rechtsradikalen Grauen Wölfen, schreibt Tenenbom. Es sei eine Schande, dass gerade die örtliche Presse dies ignoriere und indirekt unterstützte. Daraufhin „verflucht“ er Marxloh, Land und Leute – um am Ende des Buches das Land und die Menschen seiner Liebe zu versichern . . .

Wer kein Gespür für bissigen Witz, schneidenden Sarkasmus und schonungslose Selbstironie hat, sollte das Buch besser nicht lesen. Allen anderen kann man es empfehlen. Völlig unaufgeregt.

Christian Balke

Kommentare
01.01.2013
16:48
Blick von draußen auf Marxloh
von kohleheinz | #11

Also ganz ehrlich, der Wandel in Marxloh während der letzten Jahrzehnte geht überwiegend auf eine verfehlte Wohnungspolitik und damit auf die Industrie zurück. Was aber in meinen Augen das Interssanste dort ist, ist das Zusammenwirken unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen, die alle das Ziel vor Augen haben ihre Situation zu verbessern. wenn ich, wie der Schriftsteller mir Alles zeigen lasse und dann ein durchweg negatives Fazit zu ziehen, ist das wie ein Schlag ins Gesicht für alle Marxloher, ja für alle Duisburger. Wenn, wie für einen Leserbriefschreiber, das "Nichtvorhandensein" von Bier in der Eckkneipe einen Werteverlust darstellt, dann möge er sich in seinem Stadtteil umsehen. Bei uns in Walsum sterben die Kneipen auch. Der Leerstand an Lokalen wird mehr. Wenn wir Glück haben, kommt ein sogenannter "Ausländer" und macht was daraus. (Z.B. Cafes) Dumme Folgen sind: Nutzung als Spielhölle, Wettbüro oder moslemisches Internat. Das ist schlimm und muß politisch gestoppt werden.

1 Antwort
Blick von draußen auf Marxloh
von sneiper | #11-1

Es geht hierbei nicht um den Werteverlust, sonder um Parallelgesellschaften.
Und ich denke, das ist in Marxloh schon Realität.
Wenn es hier um Werte geht, sollte man sich schon über seine eigenen Werte im Klaren sein.

01.01.2013
11:55
Blick von draußen auf Marxloh
von sneiper | #10

@ herkules 150

Finde ich sehr gut, dass sie einer der wenigen sind die die Stellung in Marxloh noch halten.
Nur, es wird doch noch gestattet sein, eine Meinung zu vertreten.
Die Entwicklung des Immobilienmarktes und des Einzelhandels in Marxloh wiedersprechen ihrer Darstellung der Dinge.
Deshalb interessiert mich die Frage: „Warum sind die Großen und auch die kleinen alteingesessenen Händler aus Marxloh geflüchtet?“
Zu Letzt, ein großer Brillenhersteller.
Und bei der Verschleierung der Realität, im Zusammenleben der einzelnen Nationalitäten, sind die Medien auf dem besten Weg ihre Objektivität und Ehrlichkeit zu verlieren.

Frohes Neues Jahr

31.12.2012
17:33
Blick von draußen auf Marxloh
von hercules150 | #9

zu 8
Wenn ich heute das Wort Marxloh ins Gespräch bringe, so wird gleich abgewunken und man fragt mich: "Wohnt`s du etwa noch dort?"

Und dann antworte ich: Natürlich, warum auch nicht. Denn die allermeisten Menschen sind was Marxloh anbetrifft voll gespickt mit Vorurteilen und fällt in Marxloh ein Sack Reis um dann schreibt die Presse einen riesigen Artikel darüber, fällt ein Sack im Süden um findet man keine Nachricht darüber. Positive Berichte aus ddem Norden erscheinen nur im Nordteil der Zeitung, Negative auf allen Seiten in allen Stadtteilen.
So kann man gutes Geld mit den Vorurteilen verdienen und diese auch gut verbreitern.
Natürlich gibt es auch manchmal Ärger in Marxloh, auch mal zwischen den Nationalitäten. Doch die MEISTEN leben friedlich und ohne sich gegenseitig zu provozieren in Marxloh, nurjuckt das Niemanden.

1 Antwort
Blick von draußen auf Marxloh
von Nix-wird-besser | #9-1

@ hercules150

Die meisten Menschen leben friedlich in Marxloh, das ist wohl richtig. Wie lange das noch so bleibt ... man darf gespannt sein. Hoffen wir das Beste. Die Kriminalität wächst ganz massiv. Die Lebensqualität sinkt, Jahr für Jahr. Viel ist an Grundversorgung nicht mehr übrig ... seit REWE weg ist geht es meines Erachtens noch schneller abwärts. Viel Positives fällt mir, ehrlich gesagt, und leider, tatsächlich nicht ein. Traurig aber wahr.

31.12.2012
13:33
Blick von draußen auf Marxloh
von sneiper | #8

Lieber Admin schönen Dank für den hinweis, aber ich habe es aus meiner Sicht beschrieben, also versuch ich es noch einmal mit einer anderen Formulierung.

Marxloh 2

Wenn ich heute das Wort Marxloh ins Gespräch bringe, so wird gleich abgewunken und man fragt mich: "Wohnt`s du etwa noch dort?"
Worte wie Brautkleidmeile, was nichts Schlechtes ist, aber in der Konzentration wie in Marxloh, verursacht das bei manchen Menschen schieres Unbehagen.
Das sogenannte Wunder von Marxloh kann ich nicht nachvollziehen, zu der Zeit hat man das Problem geschickt aus der Diskussion herausgehalten.
Und wenn ich dann lese in Marxloh ist alles Friede, Freundschaft, Eierkuchen, so möchte ich zum Schluss noch darauf hinweisen In welcher Richtung sich bei den letzten Kommunalwahlen die politische Meinung verschoben hat.
Servus kann ich da nur sagen!

1 Antwort
Blick von draußen auf Marxloh
von Moderation | #8-1

Danke, dass Sie den Hinweis richtig verstanden haben. Guten Rutsch und sichere Landung.

31.12.2012
12:50
Blick von draußen auf Marxloh
von sneiper | #7

[von Admin entfernt - Tatsachenbehauptung]

31.12.2012
12:47
Blick von draußen auf Marxloh
von sneiper | #6

Marxloh. 1
Marxloh einst ein wohlhabender Stadtteil, pulsierender Mittelpunkt der arbeitenden Bevölkerung. Vom Knopf bis zur Pelzjacke konnte man in Marxloh alles einkaufen, bis zu dem Tag an dem die Politik beschloss, den Hamborner Stadtteil systematisch verkommen zu lassen. Als Kinder und später auch noch als Jugendliche war Marxloh unser Nabel zur Welt, mit seinen Kinos, Eisdielen, Tanzlokalen, öffentlichen Verkehrsmittel und Geschäften, bot es uns alles was wir zur der Zeit brauchten und auch mochten. In der Weihnachtszeit hatte Marxloh für uns Kinder etwas ganz besonderes.

1 Antwort
Blick von draußen auf Marxloh
von Nix-wird-besser | #6-1

Ja, an diese Zeiten kann man sich noch erinnern ... lang lang ists her. Viel ist vom damaligen Marxloh nicht mehr übrig geblieben. Eigentlich gar nichts. Bis auf die Sparkasse vielleicht. Aber denkt man sich alle Brautmoden-Läden weg, sähe Marxloh vermutlich nicht viel besser aus als Laar (der größere Teil der Kaiser-Wilhelm-Str. Richtung Bruckhausen tendiert ja seit Jahren in diese Richtung). Guten Rutsch!

31.12.2012
12:42
Blick von draußen auf Marxloh
von sneiper | #5

Wenn ich an typisch Duisburg denke, so fällt mir spontan Marxloh ein.

„Hier müssten sie zu finden sein, es ist das ideale Revier: Fast jeder sechste in Duisburg ist Ausländer, im berüchtigten Stadtbezirk Marxloh ist es mehr als jeder Dritte - und ein Großteil von ihnen stammt aus der rückständigen Osttürkei. In der Ladenstraße von Marxloh drängen sich Telefon- und Dönerläden, im Eckrestaurant wird kein Bier ausgeschenkt - und auch kein anderer Alkohol. Man ist streng muslimisch.
Duisburg-Marxloh gilt neben Berlin-Neukölln als Musterbeispiel für Parallelgesellschaften in Deutschland. Mehr als ein Drittel der Menschen hier hat keinen deutschen Pass, die meisten von ihnen stammen aus der Türkei. Das alles klingt nach dem idealen Biotop für Menschen, die ihre Integration in die deutsche Gesellschaft verweigern - ganz nach dem Klischee: Wir bleiben unter uns, Deutsch brauchen wir nicht und das Geld kommt vom Amt. Jeder siebte in Duisburg lebt vom Amt, meist weil er arbeitslos ist, in Marx

31.12.2012
11:36
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #4

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1 Antwort
Blick von draußen auf Marxloh
von morio | #4-1

Ich nehme den Hoffnungsschimmer zurück.

31.12.2012
08:48
Tja..
von Komisch66 | #3

ein solches Buch zu verfassen, nachdem dieser Autor -wie ja schön auf dem Bucheinband zu sehen ist- so herzlich und offen empfangen wurde, kann man wohl getrost als "undankbar" bezeichnen.
Anstatt die Offenheit, Lebensfreude und vor allem die Gastfreundlichkeit zu würdigen, die dieser Mensch erfahren hat, werden Vorurteile geschürrt und Angste herbeigeschrieben. Da fragt man sich, ob es tatsächlich um die Realität des kosmopolitischen und weltoffenen Stadtteil Marxloh mit seinem auch durchaus orientalischen Flair ging oder um schlichte Verkaufszahlen, nachdem der Autor vom kommerziellen Erfolg eines Herrn Sarazin erfahren hat.
Schlimm ist nur, dass hier abgestempelt und pauschalisiert wird, denn wenn es eine Bevölkerungsgruppe garantiert NICHT verdient hat, dann sind es die Zuwanderer, die in Marxloh eine Heimat gefunden haben und die soviel für die Stadt Duisburg geleistet haben. Aber Positives -wie in Marxloh an jeder Ecke zu finden- verkauft sich eben schlechter...

1 Antwort
Blick von draußen auf Marxloh
von sneiper | #3-1

@ komisch66
Ich habe das Gefühl, dass ihnen die Realität verlorengegangen ist.
Es entspricht genau der Tatsache, wenn der Autor davon schreibt, dass die örtliche Presse die eigentlichen Vorfälle bewußt ignoriert und somit vieles Verschleiert wird.
Früher war der Ruhrpott als Dreckschleuder bekannt, heute hat Marxloh dem Ruhrpott den Rang abgenommen.


30.12.2012
23:07
Blick von draußen auf Marxloh
von hercules150 | #2

Fakt ist, nach eine Woche Duisburg kann man sich wohl kaum eine fundierte, globale Meinung über einen Stadtteil bilden und wer Dreck sucht wird Dreck finden, wer Schönes sucht wird auch sehr viel Schönes und Wunderbares finden.

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