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600 Liebesbriefe aus Duisburg-Hamborn

14.06.2012 | 09:00 Uhr
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600 Liebesbriefe aus Duisburg-Hamborn
Das Damentrio Buchwald: Helga, Hermine und Gabriele. Foto: Gregor Herberhold

Duisburg-Hamborn/Rheinhausen.   Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, lernten sich die Hambornerin Hermine Grauer und der Bad Kreuznacher Kurt Buchwald kennen. Zwei Jahre lang schrieben sie sich Liebesbriefe, erst dann wurde geheiratet.

Es begann mit einem Traum: Im Januar 2011 erschien der gebürtigen Hambornerin Gabriele Buchwald ihr vor 39 Jahren verstorbener Vater im Schlaf und erzählte etwas von Briefen. Die heute 53-Jährige verstand zunächst nicht, was es damit auf sich hatte und fragte ihre Mutter, ob sie eine Ahnung habe. Tatsächlich: Mutter Hermine (geb. Grauer), die an der Gartenstraße und Am Bischofskamp aufgewachsen ist und heute in Rheinhausen lebt, konnte das Rätsel lösen. Im Keller waren zwei Stiefelkartons eingelagert – voll mit Liebesbriefen, die sich Hermine mit ihrem späteren Mann Kurt in den beiden ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte.

Gabriele war überwältigt, als sie die Umschläge öffnete und erleben durfte, wie sich ihre Eltern kennen und lieben gelernt haben: Ihre Mutter hatte Kurt in Bad Kreuznach bei einem Besuch getroffen. Anfangs machte sich die „emanzipierte, lebensfrohe Frau“ (Zitat Tochter Gabriele), nichts aus dem jungen Mann. Doch bald funkte es zwischen der früheren Hambornerin und dem Bad Kreuznacher – und eine intensive Brieffreundschaft entwickelte sich.

Fleissarbeit
Das Gesamtwerk hat 422 Seiten
Das Gesamtwerk hat 422 Seiten

In unendlicher Fleißarbeit und mit Hilfe ihrer Schwägerin Helga Buchwald, die das Lektorat übernahm, hat Gabriele Buchwald alle 600 Briefe chronologisch geordnet zu einem Gesamtwerk mit 422 Seiten zusammengefasst.

Die abgetippten Briefe sind durchnummeriert – so wie es ihre Eltern vorgegeben haben. Hermine und Kurt hatten ein System entwickelt, um sicher gehen zu können, dass alle Briefe ankommen, oder um zu erfahren, welche auf dem langen Weg zwischen Duisburg und Bad Kreuznach – aus welchen Gründen auch immer – verloren gegangen waren: Jedes Mal, wenn sich das Liebespaar getroffen hatte, begann der neue Brief-Reigen mit der Zahl Eins.

In teilweise herzergreifender Weise bekunden Hermine und Kurt ihre Liebe, aber sie wälzen auch Probleme.

So schreibt Hermine am 17. Januar 1946: „Über eine Woche habe ich nun nichts mehr von Dir gehört, mein Lieber, und das ist viel, besonders jetzt, nachdem Du mich in der ersten Zeit ein wenig mehr mit Post bedachtest. Warum schreibst Du mir nicht mehr? Hast Du keine Zeit, bist Du krank oder denkst Du etwa nicht mehr an mich? Siehst Du, so macht man sich seine dummen Gedanken.“

Am 26. Februar 1947 um 9.30 Uhr abends macht Hermine dann ein Geständnis: „Ich halte es nicht mehr länger aus und muss Dir die Wahrheit schreiben, ich kann einfach nicht mehr. Ich habe Dich betrogen, Kurt richtig gehend betrogen. Vor Weihnachten lernte sich einen jungen Mann kennen. [...] Er ist äußerst gewandt, lustig und unterhaltsam und versteht es, eine Frau total zu verwöhnen. Zuerst glaubte ich, Dir alles verschweigen zu können. Aber ich kann nicht mehr schweigen. Ich stehe vor dem inneren Zusammenbruch. Ich kann Dich nun nicht mehr bitten: Hab mich lieb. Dieses Recht habe ich nicht mehr.“

Noch an dem Tag, als Kurt diesen Brief erhielt, machte er sich auf nach Hamborn, sprach sich mit seiner Zukünftigen aus – und „das Thema ist nie wieder zur Sprache gekommen“, sagt die spätere Gattin. Noch im selben Jahr wurde im August geheiratet.

Schnell wurde den jungen Leuten klar, dass sie füreinander bestimmt waren. Über die Distanz von rund 250 Kilometern, „war es aber nicht leicht, eine Liebesbeziehung aufrecht zu erhalten“, sagt die Tochter des einstigen Hamborner Bauunternehmers Friedrich Grauer. Liest man sich in die Briefe ein, so findet man Eifersuchtsszenen, neben poetischen Versen, in denen man sich gegenseitige Zuneigung in immer neuer Weise bekundet. Und das über zwei Jahre hinweg.

Briefe sind auch Zeugnisse des Alltäglichen

Die Briefe enthalten aber mehr als das. Sie sind auch Zeugnisse der täglichen Ereignisse, der Entbehrungen in den ersten Nachkriegsjahren. Sie spiegeln die Zeitgeschichte. Unter anderem wird geschildert, wie schwierig es war, über die Runden zu kommen, etwa mit Lebensmittelzuteilungen. Oder: Mit welchen Schikanen man beim Reisen rechnen musste. Und wie kompliziert und langwierig der Briefverkehr war. So wurde etwa die Post nicht nur nicht tadellos transportiert, sie wurde mitunter auch von den Militärbehörden zensiert, sprich geöffnet. Selbst Telegramme ließen sich nur dann verschicken, wenn zweifelsfrei keine „versteckten Botschaften“ (Stichwort: Sabotage) enthalten waren.

„Durch diese Briefe habe ich meinen Vater eigentlich erst richtig kennen gelernt“, sagt Gabriele. „Er starb ja, als ich vierzehn war. Damals hatte ich Tanzen und Musik im Kopf, aber keine ernsthaften Gespräche mit ihm.“ Dazu sollte es auch nie mehr kommen. Der Bauingenieur, der in Essen arbeitete, verstarb plötzlich im Alter von gerade einmal 47 Jahren an Herzinfarkt – nur wenige Wochen nach seiner Silberhochzeit. „Tschüss mein Schatz, bis nachher“, waren seine letzten Worte, gesprochen am Telefon, erinnert sich Hermine. 15 Minuten später war Kurt Buchwald tot.

Den Eltern ein Denkmal setzen

„Durch das Lesen der Briefe habe ich wahnsinnigen Respekt vor meinen Eltern bekommen“, gesteht Gabriele, das zweitjüngste von fünf Kindern. Um ihrer Mutter, die am heutigen Tag ihren 89. Geburtstag mit einer Grillparty im eigenen Garten in Rheinhausen feiert, eine Freude zu machen, hat sie alle 600 Briefe abgetippt und mit Bildern zu einem Buch binden lassen. Das wird sie heute offiziell als Geschenk überreichen.

Dabei soll es aber nicht bleiben. Gabriele Buchwald hat noch einen Traum: „Vom Krieg gibt es viele Tagebücher und Briefe, nicht aber von den entbehrungsreichen ersten Nachkriegsjahren“, sagt sie. Deshalb hofft sie, einen Verlag zu finden, der den Briefwechsel ihrer Eltern veröffentlicht: „Ich möchte meinen Eltern ein Denkmal setzen.“

Gregor Herberhold

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