Neumühl – Kohle war gestern

Foto: WAZ FotoPool

Neumühl in einer Stunde? Kein Problem für Jutta Gewand, Mitglied des WAZ-Leserbeirats, und wohlvorbereitet für unsere Stadtteil-Erkundung.

Sie deutet auf „mein“ Fahrrad vor ihrer Haustür, los geht’s – und drei Pedaltritte später sind wir im Wald.

Wald? Mitten im Duisburger Norden? Aber ja, und zwar ziemlich ausgedehnt auf früherem Zechengelände am Nordfriedhof. Hinterm Wald kommen Lauben, Hecken, Beete, akkurat geschnittener Rasen. Kleingartenverein „Gut Grün Bergbau“, daneben mähen und jäten die Kollegen von „Blüh auf Bergbau“.

„Ganz Neumühl besteht aus Zechenhäusern“, sagt Jutta Gewand, biegt mit mir in die Borussiastraße ein, und vor uns liegt ein Traum von Siedlung! Ein Allee von alten Bäumen übertrifft jeden Sonnenschirm, liebevoll, aber behutsame renovierte Zechenhäuschen säumen die Straße. Viele junge Familien seien in den letzten Jahren in die einstige Kumpel-Kolonie eingezogen, berichtet Jutta Gewand. Dass Geld, Fleiß und vor allem Geschmack investiert wurden, ist nicht zu übersehen.

Related content Ebenso unübersehbar ist ein paar Straßen weiter eine Großsiedlung, die Jutta Gewand als „städtebauliche Fehlplanung“ bezeichnet, und das aus mehreren Gründen. Zum einen sprengen die Hochhäuser an der Otto-Hahn- und Rügenstraße die Siedlungsdimension des alten Neumühl, zum anderen wohnen dort vorwiegend Migranten mit osteuropäischen Wurzeln so geballt, dass Integration schwer fällt. Gewand: „Das ist einfach schief gelaufen.“

In einer Großsiedlung wird allerdings seit einiger Zeit gegengesteuert, wurden einzelne Hochhäuser abgerissen, die Bauten insgesamt vom rührigen Eigentümer innen und außen aufgemöbelt. Ob’s hilft, bleibt abzuwarten.

Eine Ecke weiter machen wir Halt vor einer imposanten Kirche, die mir Jutta Gewand als „Schmidthorster Dom“ vorstellt. Pater Tobias, der Marathon laufende Prämonstratenser aus der Hamborner Abtei, ist dort als Pastor tätig. Vom Kirchenportal kann er den „Stielmus-Park“ überblicken, in Kriegs- und Nachkriegszeiten, wie der Name sagt, äußerst pragmatisch genutzt, im letzten Jahr gründlich auf Vordermann gebracht und eine willkommene Ruheinsel unweit einer überraschend quirligen Fußgängerzone.

Fast mediterran geht’s dort zu, vor allem an Markttagen und wenn die Sonne strahlt. Kneipen, Klausen und Cafés haben Stühle und Tische herausgestellt, die Kellner haben gut zu tun. „Der Markt hat was“, sagt Jutta Gewand. Viele Bauern aus der Region kommen mit ihren Waren, polnische Händler ergänzen das gängige Angebot. Dreimal wöchentlich werden die Stände aufgebaut.

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Der ortsansässige Handel lässt laut Jutta Gewand kaum zu wünschen übrig. Vom Discounter über den russischen Lebensmittelhändler bis zur Bekleidungs-Institution Kierdorf reicht das Angebot: „Im Grunde genommen komme ich hier gut klar.“

Spezial Sagt’s, lächelt und bringt mich zum Abschluss auf Tempo: Schnurgerade durchs Grün fahren wir auf der sogenannten „Hornbach-Gerade“ auf einer alten, zum Rad- und Fußweg umgebauten Bahntrasse vorbei an hohen Bäumen und üppigen Brombeeren. So schön kann Neumühl sein, freut sich die 53-jährige gelernte Erzieherin, die seit 1962 in Neumühl lebt.

Zu kritisieren hat die zweifache Mutter nicht viel: vielleicht die schlechte Busverbindung ins benachbarte Oberhausen-Buschhausen. Oder der regelmäßige Stau am Recyclinghof – aber der wird eh verlagert. Mein Tipp nach einer Stunde Neumühl: Der Stadtteil überrascht an vielen Stellen und ist unbedingt einen Ausflug wert.