Nachtflug der Käferschwärme

Wer am Freitagabend zur „blauen Stunde“ das Haldenkunstwerk „Tiger & Turtle“ in Wanheim-Anger-hausen erklimmen wollte, der erlebte dort einen ungewöhnlichen Andrang. Nein, es waren keine Fernsicht-Fans auf zwei Beinen, die dort in der Zeit zwischen Sonnenuntergang und Einbruch der Dunkelheit die Heinrich-Hildebrand-Höhe bevölkerten. Es war ein gigantischer Käfer-Schwarm. Darunter Maikäfer, aber auch Hirschkäfer. Hunderte Exemplare schwirren dort derzeit in späten Stunden im Tiefflug um die Köpfe der menschlichen Besucher herum.

Lebenserwartung: ein Monat

„Entscheidend gesteuert wird das Verhalten dieser dämmerungsaktiven Insekten durch die Phasen des Vollmondes und Neumondes“, erklärt Dr. Randolph Kricke. Er ist Leiter der Unteren Landschaftsbehörde beim städtischen Amt für Umwelt und Grün und gleichzeitig auch der Artenschutzbeauftragte. „Alle Maikäfer schwärmen zur selben Zeit. Sie versuchen sich zu paaren und wollen möglichst viele Sexualpartner finden“, so Kricke. Das Spektakel dieser brummenden Fliegerstaffel dauere nur einige Tage. Die Lebenserwartung dieser Insekten liege auch nur bei knapp einem Monat, so Kricke.

„Nach der Paarung haben die Männchen ihre wichtigste Lebensaufgabe bereits erfüllt“, sagt der Artenschutzbeauftragte. Die Weibchen legen dann noch die Eier ab, aus denen der Nachwuchs später schlüpft. Bald darauf sterben auch sie. Haben diese Insekten wegen ihrer kurzer Lebenserwartung keinerlei Berührungsängste zu den Menschen, denen sie begegnen? Kricke antwortet: „Ich glaube, die landen eher unabsichtlich in den Haaren oder im Gesicht der Menschen. Maikäfer sind nämlich verdammt schlechte Flieger.“

Solche Massenansammlungen sind ein nur recht selten zu begutachtendes Naturspektakel, denn die Maikäfer hätten, so Kricke, eine vierjährige Entwicklungszeit. Soll heißen: Der Riesenschwarm, der in diesem Sommer summt und brummt, wurde bereits im Jahr 2011 gelegt.

Auch einige Hirschkäfer sind nun schon aktiv, sind ebenfalls in solch riesigen Gruppen anzutreffen. Erst kürzlich hatten Bürger in Beeckerwerth einen großen Schwarm entdeckt und diese Beobachtung bei Kricke gemeldet.

Bis zu fünf Zentimeter groß können die fliegenden Maikäfer werden, deren Bestände laut Kricke noch vor 20 Jahren radikal abgenommen und einen kritischen Minimalwert erreicht hatten. Dass sich die Situation nun wieder deutlich sichtbar verbessert hat, erklärt Kricke auch mit der Tatsache, dass heute weniger Pestizide in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen würden. „Es sind aber leider immer noch viel zu viele“, schiebt er gleich im nächsten Satz nach. Eine zu geringe Vielfalt gebe es deshalb nach wie vor bei vielen Arten – etwa bei den Schmetterlingen.

Und warum tanzen die Käfer in ihren wirren Formationsflügen bevorzugt um „Tiger & Turtle“ herum? „Ich denke, dass die Käfer von der Beleuchtung des Kunstwerks in den Abendstunden zusätzlich angezogen werden“, vermutet Artenschutzbeauftragter Kricke.