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Integrationsdebatte

Marxloh ist besser als sein Ruf

07.09.2010 | 19:11 Uhr
Marxloh ist besser als sein Ruf
Karl-August Schwarthans (Geschäftsführer der AWO - Integarations gGmbH)

Duisburg.In der aktuellen Integrationsdebatte wird der Duisburger Stadtteil Marxloh als Paradebeispiel für rechtsfreie Räume und Problembezirke genannt. Die Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus. Integration funktioniert dort besser als anderswo.

„Wenn ich die Nachrichten so verfolge, frage ich mich, ob ich im falschen Stadtteil arbeite.“ Das sagt einer, aus dessen Büro man auf das Pollmann-Eeck, Marxlohs „Epizentrum“, blicken kann. Das sagt Karl-August Schwarthans, der Geschäftsführer der AWO-Integrations gGmbH, und seit Jahrzehnten in die Arbeit mit Migranten involviert.

In die Integrationsdebatte rund um Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hatte sich auch Bundeskanzlerin Merkel eingeschaltet und Marxloh als Symbol-Stadtteil für rechtsfreie Räume und Problembezirke benannt. „Das spiegelt sich aber in keiner Statistik wider“, betont Schwarthans. So sei die Jugendgerichtshilfe 2009 in 1660 Anklagen tätig gewesen, davon waren 37 Prozent Menschen mit Zuwanderungs-Geschichte. Das Verhältnis wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass im Stadtteil über 60 % einen Migrationshintergrund haben.

Kommentar
Einladung an die Kanzlerin

Duisburg hat fast 50 Stadtteile. Aber der einzige, der seit Jahren kontinuierlich bundesweit durch die Medien getrieben wird, ist Marxloh. Bei der Einweihung der Moschee wurde sogar das „Wunder“ bemüht. Umso härter folgte erneut der Sturz in der öffentlichen Wahrnehmung – Problembezirk, Kriminalitäts-Schwerpunkt, Türken-Ghetto. Allein: All diese Vorwürfe entsprechen in keiner Weise den Fakten.

Die meisten Migranten leben in Bruckhausen, der Kriminalitäts-Schwerpunkt liegt in der Innenstadt und die Probleme können so groß nicht sein, wenn die EG-DU ihre Entwicklungsarbeit in naher Zukunft beendet sieht und ihre eigene Abwicklung plant.

Marxloh ist ein bunter Stadtteil, der sich enorm entwickelt hat. Skeptiker mögen einen Bummel durch den Stadtteil wagen, sich durch die kulinarischen Angebote schlemmen, die Brautkleider bestaunen, die hübsch restaurierten, denkmalgeschützten Fassaden betrachten, die vielen aktiven Vereine besuchen. Frau Merkel, wir laden Sie herzlich ein, ihre Vorurteile vor Ort abzubauen und Marxloh künftig als gutes Beispiel zu nennen – es muss ja nicht gleich wieder ein Wunder sein.

Schwarthans sieht das nüchtern: „Hier wohnen nicht die oberen Zehntausend, der Stadtteil ist von niedrigen und armen Lebensverhältnissen geprägt. Dreh- und Angelpunkt ist aber die gleichberechtigte Teilhabe. Wenn Menschen das Gefühl haben, immer vor der Tür zu bleiben, ohne Chancen, ohne Aussichten, dann bewegen wir uns in schwierigen Gewässern – egal, wo diese Menschen herkommen.“ Für den 57-jährigen Sozialarbeiter ist an Marxloh aber „nichts Dramatisches oder Gefährliches. Es fahren ja auch viele in New York durch Chinatown und erleben das als positiv“.

Laut Schwarthans fängt das Problem mit der Definition von Integration an. Für ihn ist es zunächst „die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben inklusive Bildungschancen, Arbeitsmarkt und politischer Beteiligung“. Das müsse verbindlich sein. In der Migrantenberatung der AWO gebe es nur wenige, die sich komplett verweigern würden. Die meisten seien an einer guten Schullaufbahn ihrer Kinder interessiert, deren Leistungen würden aber kaum anerkannt, „sie werden nicht mal wahrgenommen“, bedauert Schwarthans. Nur Negativ-Beispiele kursierten. Pauschalisierungen seien aber höchst ungerecht.

Nach seiner Beobachtung gehe es vor allem um die sozialen Milieus, in denen etwa Problemlösungs-Strukturen, Rollenverständnis von Mann und Frau etc. ähnlich seien – unabhängig von der Ethnie. Immerhin 95 Prozent aller Kinder besuchen Kindergärten, Defizite in der deutschen Sprache seien da auch bei deutschstämmigen Kindern aufzufangen. Also wieder ein Problem der Schicht und nicht der Ethnie. Das Schulsystem sei noch nicht geeignet, Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft gleichermaßen einen Aufstieg zu ermöglichen. Der demografische Wandel hin zu einer immer bunteren Gesellschaft zwinge hier aber zu schnellen Lösungen, fordert der Experte.

Die aktuelle Statistik der Polizei zur Kriminalität in Marxloh und anderen Stadtteilen gibt es hier .

Annette Kalscheur

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82 Millionen Euro soll Duisburg sparen. Das bedeutet viele Einschnitte im städtischen Leben. Welche der Sparmaßnahmen/Erhöhungen sollte Ihrer Meinung nach nicht umgesetzt werden? Die Zahl in den Klammern ist übrigens die Haushaltsentlastung, die sich die Stadt dadurch erhofft.

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