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Trauermarsch

Luftballons für die Loveparade-Opfer

31.07.2010 | 22:15 Uhr
Luftballons für die Loveparade-Opfer
Am Ort der Katastrophe. Trauernde am Tunnel der Karl-Lehr-Straße in Duisburg, wo bei der Loveparade am 24. Juli 21 Menschen ums Leben kamen. (Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPool)

Duisburg.Beim Trauermarsch für die Loveparade-Opfer zogen am Samstag 2500 Menschen durch Duisburg. Viele Teilnehmer wurden mit den schrecklichen Bilder vor einer Woche konfrontiert - und sie fühlen noch immer den Schock und die Angst, die sie erlebt hatten.

21 schwarze Luftballons symbolisieren die Opfer der Loveparade. (Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPool)

Schwarz, überall schwarz. Hatten sich die WDR-Moderatoren während der Liveübertragung der Loveparade nicht noch gewundert, warum so viele in diesem Jahr schwarz tragen. Auch am Samstag-Mittag, auf dem Bahnhofsvorplatz in Duisburg, haben viele Frauen schwarze Tops und Kleider an, Männer schwarze T-Shirts und Hemden, manche sind sogar im Anzug gekommen. Es sind alte und junge Menschen, die sich hier versammelt haben, um gleich im Trauermarsch der Loveparade-Opfer zu gedenken. Auch Kinder sind darunter und Teenager, die nicht so ganz wissen, wie sie sich verhalten sollen. Sie albern ein bisschen herum, spielen mit den Luftballons in ihren Händen. 21 schwarze und 511 weiße sind es, sie stehen für die Toten und Verletzten.

„Ich hatte tausend Schutzengel“, sagt Anna Stepniak. Eigentlich war es jedoch eine ganz und gar irdische Gestalt, die ihr das Leben gerettet hat am vergangenen Samstag im Tunnel, der für 21 Menschen zur Todesfalle wurde. Kurz bevor sie hineinlief lernte sie einen jungen Mann kennen. Die beiden unterhielten sich, lachten, freuten sich auf das Event. Und dann gerieten auch sie in das Gedränge. „Er hat mich festgehalten und Platz für mich gemacht“, erzählt die 21-Jährige. So sei sie erst gar nicht in Panik geraten. Erst später sei der Schock gekommen, „als ich gemerkt habe, was da alles passiert ist“. Und jetzt, beim Marsch, zu dem 2500 Trauernde sich versammelt haben, sehe sie, wie viele Menschen es betrifft.

„Ich hätte tot sein können“

Trauer - und Traumata: Rund 2500 Menschen haben am Samstagnachmittag in Duisburg mit einem Trauermarsch der 21 Todesopfer der Loveparade gedacht. (Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPool)

So wie Markus Rother. Er scheint immer noch fassungslos darüber, „dass wir nur 200 Meter daneben gestanden haben und die schönste Zeit unseres Lebens hatten“. Er war auf dem Gelände, tanzte, trank, feierte die Floats, als ihn seine Eltern per SMS über die Katastrophe informierten. „Als wir einen Ordner danach gefragt haben, wusste er gar nichts“, sagt der 31-Jährige. Er und seine Freunde wollten trotzdem nur noch eines: raus. „Ich hatte Angst, dass es gleich alle erfahren und dann Panik ausbricht“, erinnert er sich. Nachdem sie endlich das Gelände verlassen hatten, hätte er einige Polizeibeamte wüst beschimpft. „Wir dachten, die seien schuld – und der Alkohol hat alles noch verstärkt.“ Jetzt, kurz vor Beginn des Trauermarsches, entschuldigt er sich bei den Beamten vor Ort.

Eine Frau sitzt am Rand, in der Hand einen weißen Ballon. „Ich hätte die 22ste sein können“ steht darauf. Viele hier fühlen so. Sie müssen nicht unbedingt dabei gewesen sein, als es keine Luft mehr zum Atmen gab, als alle schubsten und schoben. Sie hätten aber.

Ein junger blonder Mann in leuchtendgelber Warnweste macht eine kurze Durchsage. Der Trauermarsch kann beginnen. Über die Friedrich-Wilhelm- und Düsseldorfer Straße in die Tiergartenstraße und von dort direkt in den Böninger Park. Wer da zitternd von einem Blatt Papier die Begrüßung vorliest, ist Dennis Beetz, 25 Jahre alt. Im Internet hat er von der Idee eines Trauermarsches erfahren, hat sich sofort angeschlossen und gemeinsam mit ein paar anderen, ebenso jungen Menschen die Organisation in die Hand genommen. „Um gemeinsam ein Zeichen zu setzen“, sagt er. „Wir sind vorher eine große Partyfamilie gewesen, jetzt sind wir eine Trauergemeinschaft.“ Dass so viele gekommen sind, findet er überwältigend. Nur über seine eigenen Erlebnisse an diesem schrecklichen Tag will er nicht sprechen.

Schweigeminute - dann steigen Luftballons in den Himmel

Symbolisches Loslassen: Beim Trauermarsch werden 500 weiße und 21 schwarze Luftballons in den Himmel gelassen. (Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPool)

Der Marsch ist wirklich perfekt organisiert. Ruhig schreitet die Menge die Straße entlang, gemäßigten Schrittes und zumeist schweigend. Es ist überhaupt sehr still in der Duisburger City. Viele schauen aus Geschäften und Fenstern, manche schließen sich spontan an. Damit kein Gedränge entsteht, gibt es nach einigen hundert Trauernden kleine Abstände, immer markiert durch weiße Transparente, auf denen in englischer Sprache die Namen der Länder stehen, aus denen die Opfer stammen. Spain. Netherlands. Bosnia. Italy. Germany. China. Australia. Vorneweg läuft eine Gruppe in schwarzen T-Shirts mit dem Loveparade-Logo. „Warum?“ steht darauf, und darunter „21 Tote, über 500 Verletzte. Wir trauern.“ Gemeinsam tragen sie einen Trauerkranz.

Als endlich alle im Park angelangt sind, spricht wieder einer der jungen Veranstalter. „Wir wollen niemanden verurteilen und keinen beschuldigen“, sagt er. „Viele von uns sind traumatisiert.“ Es gibt eine Minute der Stille. Sie wird nur durch fernes Sirenengeräusch gestört. Die Stimmung ist sehr angespannt. „Die Ballons, bitte“, sagt der junge Mann vorne. Und es ist ein Loslassen, beinahe ein Aufatmen. Weiße und schwarze Punkte steigen in den Himmel auf, es sind auch ein paar rote Herzen dazwischen. Gemeinsam beten sie jetzt das Vaterunser. Plötzlich fühlt es sich an wie eine private Beerdigung, so vertraut wie ein Treffen von Freunden, die einander in den Arm nehmen. Zwei spielen Gitarre, viele weinen, sie lassen ihrer Trauer freien Lauf. Es ist völlig in Ordnung.

Durchsagen am Tunnel sollen Gedränge verhindern

Kerzen im Unglücks-Tunnel. (Foto: Lars Froehlich / WAZ FotoPool)

Die meisten wollen jetzt zum Karl-Lehr-Tunnel, Blumen, Kerzen und Geschenke niederlegen. Sehr viel Polizei ist dort, hat die Kreuzung abgesperrt, überwacht in großen Trupps und sogar zu Pferd die Lage. Es gibt beruhigende Durchsagen. Nur etwa hundert Personen dürfen zeitgleich hinein und sie werden gebeten, nicht zu lange an der Unglücksstelle zu verweilen. Damit es nicht zu voll wird. „Alles das, was letzten Samstag nicht gemacht wurde“, sagt eine Frau.

Trauermarsch für Opfer

Im Tunnel wieder das Lichtermeer, die vielen Zettel und Plakate, anklagend, fragend. Warum? Es ist beklemmend. Viele weinen, Männer ebenso wie Frauen. Einige sind zum ersten Mal wieder hier. So wie Jacqueline Heisterberg. Es hat sie „starke Überwindung“ gekostet, hier wieder hinzukommen, sagt die 15-Jährige. Man sieht es ihr an. Die Schminke verschmiert, immer wieder blitzen Tränen auf. „Wir wollten einfach nur nach hause und dann sehen wir die ganzen Leichen und wie ein Mädchen reanimiert wird.“ Zusammen mit ihrer Freundin Angelique Wölke war die Duisburgerin aus purem Zufall in dieses Horrorszenario geraten. „Man hat die Bilder wieder im Kopf“, sagt die 19-Jährige. Verstört sehen sie sich im Tunnel um. Sie werden all diese Gefühle nicht so schnell wieder loswerden, das scheinen sie zu ahnen. Doch sie arbeiten dran. Und das scheint am besten hier zu gehen, an diesem schrecklichen Ort. Zusammen mit den vielen anderen, die hier laut und leise trauern. Man muss diesen Menschen keine weiteren Fragen mehr stellen. Es steht ihnen alles ins Gesicht geschrieben.

Rusen Tayfur

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Kommentare
01.08.2010
17:22
Luftballons für die Loveparade-Opfer
von w.neues | #26

#13 fridolin

Das ist ganz schön daneben!
Na klar stürzt sich die Medienwelt auf diese Tragödie, vornweg die 4 großen Buchstaben.

Nur eine Minderheit der Besucher wollen sich profilieren, wollen namentlich in die Presse.
Die große Mehrheit der Besucher des Gedenktunnels sind tief betroffen, wollen an dieser Stelle das Erlebte, das Miterlebte, verarbeiten.
Ich habe dort viele Menschen getroffen, die sich dort einfach nur mitteilen wollen, sich das Erlebte von der Seele reden, nicht allein damit sein wollen.
Opfer mit frishcem Verband und z. T. mit Gehilfen, die weinend zusammen gebrochen sind, von ihren Eltern und Freunden aufgefangen wurden. Da hat keine Presse, kein Außenstehender gewagt, sich da einzumischen.

Der Trauermarsch, nach Schätzung der Polizei und meiner eigenen ehrlichen Schätzung mit 5.000 Menschen, war wohl nicht nur mich der Punkt, ab Montag wieder eine gewisse Normalität im Alltag anzustreben.

01.08.2010
14:10
Luftballons für die Loveparade-Opfer
von fridolin | #25

Die ganze Sache erinnert mich an Katastrophentourismus.Oder den Kampf gegen Rechts.Da steht der Deutsche auch mal ganz gern mit nem Kerzchen in der Hand im Blitzlichtgewitter.
Und zu Hause läuft natürlich der DVD-Rekorder...
Tjaaa,ich bin dabei gewesen....

01.08.2010
12:50
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von dr.hoffnung | #24

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01.08.2010
12:50
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von dr.hoffnung | #23

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01.08.2010
12:50
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von dr.hoffnung | #22

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01.08.2010
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von dr.hoffnung | #21

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01.08.2010
12:50
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von dr.hoffnung | #20

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01.08.2010
12:50
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von dr.hoffnung | #19

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01.08.2010
12:50
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von dr.hoffnung | #18

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01.08.2010
12:49
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von dr.hoffnung | #17

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