Loveparade-Retter trifft die Frau, die er aus der Menge zog

Wiedersehen am Unglücksort: Jascha Reintges (2.v.l.)
Wiedersehen am Unglücksort: Jascha Reintges (2.v.l.)
Was wir bereits wissen
Jascha Reintges hat bei der Loveparade eine Frau aus dem tödlichen Gedränge gezogen. Zwei Jahre lang beschäftigte ihn, was aus der Frau geworden ist. 11.000 Facebook-Nutzer halfen ihm bei der Suche. Doch am Ende erfüllte sich die Hoffnung an dem Ort, an dem die Tragödie ihren Anfang genommen hatte.

Duisburg.. Jascha Reintges brauchte erst einmal drei Tage, um das Erlebte alles selbst zu verarbeiten. Zwei Jahre lang hatte er sich gefragt, was aus der Frau geworden ist, die er bei der Loveparade aus dem tödlichen Gedränge zog, sie die rettende Treppe hinauf trug. Sie sei tot, sagte man ihm oben.

Er ging wieder herunter, um noch anderen zu helfen. Seit zwei Jahren verfolgen ihn diese Bilder. Tagsüber, vor allem aber nachts. Er kriegt sie einfach nicht mehr aus dem Kopf, sagt er. Er brauche Gewissheit, was aus der Frau geworden ist. Und suchte sie mit einem Bild der schrecklichen Szenerie über Facebook. Über 11.100 Nutzer hatten das Bild innerhalb einer Woche weiter verbreitet. Doch am Ende erfüllte sich die Hoffnung für Jascha Reintges an dem Ort, an dem die ganze Tragödie ihren Anfang genommen hatte.

Erste Rückkehr zum Unglücksort

Jetzt, am Ende der Woche des zweiten Jahrestags, sitzt der 22-Jährige an einem Tisch im Reichsadler in Rheinhausen. Sein Gemütszustand ist ein ganz anderer als noch am Montag. „Ich habe sie getroffen“, sagt er. „Im Tunnel, am Jahrestag, habe ich sie erkannt und angesprochen“. Er erzählt ihr seine Geschichte, sie dankt ihm, sie umarmen sich. Später trinken sie gemeinsam Kaffee und unterhalten sich ausführlicher. „Es war für mich der schönste Tag seit der Loveparade vor zwei Jahren“, sagt Jascha.

Katastrophe von Duisburg Sie, das ist die Frau, die sechs Stunden auf der Intensivstation lag, um ihr Leben kämpfte. Sie war am Dienstag das erste Mal seit der Katastrophe wieder am Unglücksort, sie zitterte. Der Frau aus Sachsen-Anhalt fällt es nach wie vor schwer, das Erlebte zu verarbeiten, sie will nicht öffentlich in Erscheinung treten, ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Die Beiden haben Telefonnummern und Emails ausgetauscht, wollen in Kontakt bleiben, sich vielleicht auf einem Treffen wiedersehen, das die Notfallseelsorge regelmäßig für die Betroffenen organisiert.

Auch den Duisburger, der an diesem schwarzen Tag im Juli 2010 neben Jascha auf der Treppe stand und half, die Frau über das Geländer zu ziehen, hat der 22-Jährige am Jahrestag wiedergetroffen. Sie haben ein Foto gemacht, die beiden Duisburger, die Frau aus Sachsen-Anhalt und ihr Ehemann.

Jascha hat an diesem Tag Frieden geschlossen

„Ich habe an diesem Tag meinen Frieden geschlossen mit diesem Ort“, sagt Jascha. Er hat wieder Pläne, was er mit seinem noch so jungen Leben, das sich vor zwei Jahren dramatisch änderte, jetzt anfangen will. Vor fünf Wochen kam er aus einer Klinik zurück nach Duisburg. Udo Möwius, Besitzer des Reichsadlers, lässt Jascha in einem seiner Fremdenzimmer wohnen: „Er hat hier ganz gut Fuß gefasst, hat ein familiäres Umfeld gefunden, das ihn gestärkt hat“.

Jascha Reintges ist dankbar für die Hilfe. „Ohne diese Menschen wäre ich nie so weit gekommen“, sagt er. Seit dem Jahrestag und dem Treffen mit der Frau, deren Schicksal und die Ungewissheit ihn so lange beschäftigt hatte, habe er das erste Mal wieder gut geschlafen, sagt Jascha. „Die Trauer, sie ist nach wie vor da. Aber sie ist an diesem Tag zu etwas Positivem geworden“.