Loveparade-Gutachten soll schlampig übersetzt worden sein

Über vier Jahre sind seit der Loveparade-Katastrophe vergangen. Doch die juristische Aufarbeitung stockt - auch wegen Übersetzungsfehlern?
Über vier Jahre sind seit der Loveparade-Katastrophe vergangen. Doch die juristische Aufarbeitung stockt - auch wegen Übersetzungsfehlern?
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Im Gerichtsverfahren nach der Loveparade-Katastrophe ist es ein zentrales Dokument: das Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still. Doch was taugt das Gutachten, auf das sich die Anklage stützt? Nach Ansicht des Duisburger Richters Joachim Schwartz ist es stellenweise falsch übersetzt.

Duisburg.. Probleme ohne Ende im Duisburger Verfahren um die Loveparade-Katastrophe: Das Landgericht Duisburg hat den Prozessbeteiligten mitgeteilt, dass es neue Zweifel an der Qualität eines Gutachtens hege, auf das die Staatsanwaltschaft ihre Anklage stützt. Sie hatte die Expertise bei dem britischen Sachverständigen Keith Still in Auftrag gegeben. In einem Brief weist Richter Joachim Schwartz nun auf Fehler hin, die bei der Übersetzung des Gutachtens aus dem Englischen ins Deutsche entstanden seien.

Richter Schwartz hat demnach "insgesamt Zweifel an der Zuverlässigkeit der Übersetzung". Er beklagt "teilweise fragwürdige, teilweise auch sinnverändernde Übersetzungen des Originalinhalts in der deutschsprachigen Fassung". An einer Stelle, so der Richter, sei sogar ein ganzer Satz des englischen Originals in der Übersetzung unterschlagen worden.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg äußerte sich am Donnerstag noch nicht zu dem Schreiben. Sie hält zunächst Rücksprache mit dem Übersetzerbüro. Erst wenn dieses sich zu den Vorwürfen geäußert habe, werde auch die Staatsanwaltschaft eine Stellungnahme abgeben, sagte Behördensprecherin Anna Christiana Weiler.

Ab wann ist mit Lautsprechern nichts mehr auszurichten?

  • Ein Beispiel: Still beschreibt in seinem Gutachten, an welchem Punkt das Lautsprechersystem an seine Grenzen geriet. Im englischen Original heißt es über die Lautsprecher: "Their deployment and use is to inform the crowds but once the entry system failed and the crowds flowed in behind the police lines the situation was already beyond the point of no return."
  • Die Stelle in der deutschen Übersetzung: "Deren Verwendung und Einsatz dient der Information der Menschenmenge, aber sobald das Eingangssystem versagte, und die Menschenmenge bis zu den Polizeikordonen geströmt war, hatte die Situation einen Punkt überschritten, wo keine Rückkehr mehr möglich war."
  • Aus "hinter die Polizeikordone", wie es die englische Formulierung eigentlich nahelegt, wurde im Deutschen also "bis zu den Polizeikordonen". Als Kordone werden in dem Gutachten die Absperrungen der Polizei bezeichnet. Das Schreiben des Gerichts liegt unserer Redaktion in Auszügen vor.

Alles musste zweimal übersetzt werden

Keith Still ist Professor für die Erforschung von Menschenmengen ("crowd science") in Manchester. An der Bestellung dieses Sachverständigen hat es schon vielfach Kritik gegeben: Anwälte störten sich daran, dass Still kein Deutsch spricht - daher hätten für ihn alle Dokumente zunächst ins Englische übersetzt werden müssen, und nun sein Gutachten aus dem Englischen zurück ins Deutsche. Bei so etwas gebe es immer Verluste.

Außerdem wird Still vorgeworfen, dass er das Gutachten nicht zu hundert Prozent selbst angefertigt hat, sondern zwei deutsche Mitarbeiterinnen beschäftigt haben soll. Eine der Frauen soll zeitgleich in einer Projektgruppe des Innenministeriums mitgearbeitet haben, die sich ebenfalls mit dem Loveparade-Unglück befasst. Die Frau bestreitet dies allerdings.

Über die Anklage ist immer noch nicht entschieden

Das Duisburger Landgericht prüft derzeit, ob es die Anklage zulässt. Mit einer Entscheidung wird erst im nächsten Jahr gerechnet. Zum wachsenden Kummer der Hinterbliebenen wurde sie immer wieder verschoben - mit Hinweis auf lückenhafte Arbeit der Staatsanwaltschaft.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat insgesamt zehn Personen wegen der Loveparade-Katastrophe angeklagt. Bei der Massenpanik am 24. Juli 2010 waren in Duisburg 21 Menschen ums Leben gekommen und über 500 verletzt worden.