Letzter Staatsbesuch der Queen: 195 Minuten in Duisburg

Das Protokoll missachtend stieg Queen Elizabeth II. an der Lehrwerkstatt der Mannesmann-Hüttenwerke in Huckingen einfach aus ihrem Wagen aus. Der junge Mann an ihrer Seite ist der damalige Lehrling Jürgen Loosen, der aufgrund seiner guten Englischkenntnisse übersetzen durfte.
Das Protokoll missachtend stieg Queen Elizabeth II. an der Lehrwerkstatt der Mannesmann-Hüttenwerke in Huckingen einfach aus ihrem Wagen aus. Der junge Mann an ihrer Seite ist der damalige Lehrling Jürgen Loosen, der aufgrund seiner guten Englischkenntnisse übersetzen durfte.
Foto: Zeitzeugenbörse Duisburg
Was wir bereits wissen
Vor 50 Jahren war Queen Elizabeth II. zum ersten Mal in Deutschland. Dabei kam sie zusammen mit Prinz Philip auch für ein paar Stunden nach Duisburg.

Duisburg.. Ihre Majestät gibt sich mal wieder die Ehre: Ab heute bis zum 26. Juni weilt Queen Elizabeth II. mit ihrem Ehemann Prinz Philip zu ihrem fünften offiziellen Staatsbesuch in Deutschland. Fast genau vor einem halben Jahrhundert kam die damals 39-jährige britische Monarchin, ebenfalls in Begleitung ihres Mannes, zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem Besuch nach Deutschland. 249 Stunden lang, nicht ganz exakt elf Tage, hielt sich Elizabeth II. im Mai 1965 auf ihrer Marathontour durch acht Bundesländer und 18 Städte hier auf. 195 Minuten lang war der royale Glanz auch Duisburg vergönnt.

„Düsseldorf und Duisburg danken diesen niederrheinischen Abstecher in erster Linie der britischen Woche, die beide Städte vor einem Jahr gestalteten“, stichelte „Der Spiegel“ damals. Im amtlichen Verkündungsblatt „Stadt und Hafen“ (Ausgabe Juni 1965) betonte Oberbürgermeister August Seeling, dass es „kein Zufall“ war, „daß Duisburg durch den Besuch Ihrer Majestät Königin Elizabeth II. und Prinz Philipp geehrt wurde.“ Zwar führte er auch besagten deutsch-britischen Partnerschaftskongress an, den der „Spiegel“ erwähnte, verwies aber gleichzeitig auf die seit 1950 bestehende Städtepartnerschaft zwischen Duisburg und Portsmouth.

Egal, wie es war, die Queen war da, und sie hat sich nicht nur mit ihrem Gatten ins „Goldene Buch, sondern auch in die Annalen der Stadt eingeschrieben. Und Duisburg hatte tatsächlich etwas Besonderes zu bieten. Zwar watschelte in Düsseldorf eine Entenmutter samt Küken der Queen auf dem Weg zum Schloss Benrath beinahe vor die Füße, entschloss sich dann aber doch, dem hohen Gast den Vortritt zu lassen. In Duisburger dagegen erwarteten die Königin 1500 Männer, Mannesmänner, und das reale, rußige Leben. Der Duisburger General-Anzeiger titelte am nächsten Tag auch mit leicht schiefem Pathos: „Heller Jubel aus ,verrußten’ Arbeiterkehlen“.

Entenküken und verrußte Kehlen

„Von Düsseldorf abwärts vertraut sie sich erneut dem Rhein an: Mit dem Motorschiff ,Stadt Duisburg’ dampft sie in den Qualm des Reviers, wo sie am 25. Mai 50 Minuten lang das Hüttenwerk Huckingen der Firma Mannesmann studiert“, kündigte „Der Spiegel“ an und wusste weiter zu berichten, das britische Protokoll sehe vor, dass Elizabeth sich bei der Besichtigung „nicht den werksüblichen Plastik-Schutzhelm über die Locken stülpen“ werde.

Hat sie aber doch! Die Queen, die zum hellblauen Mantel und gleichfarbigem Kostüm auch natürlich den passenden Hut gewählt hatte, erhielt auf dem Werksgelände ein Kopftuch für die Frisur und einen silbernen Helm statt des üblichen weißen Exemplars. Elizabeth setzte brav den vorschriftsmäßigen Schutz auf, woraufhin ein englischer Journalist amüsiert meinte: „Das kriegt auch nur ihr Deutschen fertig, unserer Königin einen Helm aufzusetzen.“

Die Queen in der Mannesmann-Stahlküche

Doch nicht nur in Sachen Kopfbedeckung brach die britische Monarchin mit dem Protokoll. Sehr zur Freude der Arbeiter im Hüttenwerk stieg sie an der Lehrwerkstatt einfach aus dem Wagen aus. Eigentlich hatte sie dort nur huldvoll durch das Wagenfenster einen Blick auf die von den Lehrlingen für sie gefertigte Sonnenuhr werfen sollen. Stattdessen griff sie zur Türklinke, was einen der Umstehenden zu dem spontanen Ausruf veranlasste: „Mensch, macht ihr doch die Tür auf.“ Und Prinz Philip, bis heute dafür bekannt, dass er gerne mal aus der vom Protokoll vorgeschriebenen Reihe tanzt, machte munter mit. So rückte er seine Königin immer wieder ins rechte Licht der zahlreichen Kameras und übernahm auch mal gerne selbst den Job als Dolmetscher.

Die NRZ vom 27. Mai 1965 vermerkte denn auch nicht ohne eine gewisse Freude: „Ob sich die Königin (im Gegensatz zu ihrem Gemahl) in der Mannesmann-Stahlküche so recht wohl gefühlt hat, steht auf einem anderen Blatt. Vor den glühenden Schlünden der Siemens-Martin-Öfen schien sie fast ein wenig verschüchtert.“ Eine Dame aus ihrer Begleitung habe denn auch später einen Ausspruch der Queen zitiert: „Steelmills are not for women.“ (Stahlwerke sind nichts für Frauen.)

Abfahrt vom Gleis 12 A

Immerhin scheint die britische Königin in Duisburg die direkte Begegnung mit den Menschen genossen zu haben. Ansonsten war sie bei ihrer Fahrt auf der „Stadt Duisburg“ in Begleitung von Oberbürgermeister August Seeling und diversen Honoratioren der Stadt ebenso vom gemeinen, ihr euphorisch zujubelnden Volk abgeschottet wie auf ihrer Fahrt im offenen Mercedes vom Steiger Schwanentor zur Mercatorhalle, wo NRW-Ministerpräsident Franz Meyer ihr zu Ehren den Empfang des Landes NRW ausrichtete.

Um 20.04 Uhr am 25. Mai verließ der Zug, mit dem die Königin in Richtung Westfalen aufbrach den Hauptbahnhof. Das Gleis 13, von dem er abfuhr, war eigens zu diesem Anlass in Gleis 12 A umbenannt worden war.

Der Queen-Besuch vor 50 Jahren

Während des Staatsbesuches 1965 warteten auf die Queen laut einem Bericht im „Spiegel“: eine Bundesregierung, acht Länderregierungen, acht Parlamentspräsidenten, 15 Stadtoberhäupter und 14 kalte Buffets. Irgendjemand hat zudem damals ausgerechnet, dass die Königin in den knapp elf Tagen 17.000 Hände hat schütteln müssen.

Der Helm, den Elizabeth II. im Duisburger Hüttenwerk getragen hat, ist heute im Besitz der DASA Arbeitswelt Ausstellung in Dortmund. Inzwischen golden lackiert. Aus aktuellem Anlass ist er bis 26. Juni im Eingangsbereich des DASA-Hauses zu sehen.