Lesen, lauschen, plaudern

Foto: Lars Heidrich

Duissern..  „Ich wollte unsere Runde Literaturcafé nennen, oder Kaffeeklatsch mit Niveau“, sagt Rose-Marie Jatzkowski. „Aber Pfarrer Korn von der evangelischen Gemeinde hat mich zum Titel ‚Gemeinsam statt einsam‘ überredet.“ Sie hatte erst Vorbehalte dagegen, weil sie dachte: „Wer gibt schon gerne zu, dass er einsam ist?“ Ob einsam, oder nicht, ihre Idee kam bei den Duissernern an. Es ist inzwischen ein Jahr her, dass sie ihre Liebe zur Literatur unter die Leute brachte.

Seitdem trifft sie sich zwei Mal im Monat Sonntagnachmittags mit Interessierten im Gruppenraum der Lutherkirche zu Gedichten, Anekdoten, Plätzchen, Märchen, Kaffee und Geplauder. Das klingt nicht nur gemütlich, es ist auch so.

Lebkuchen ist auch ein Gedicht

Die Auftauphase haben die Teilnehmerinnen inzwischen hinter sich. Man kennt sich, wer nicht erscheint, wird vermisst. Jatzkowski versteht sich nicht als Alleinunterhalterin. Alle können und sollen etwas vortragen, wenn sie Lust haben. Eine Teilnehmerin hat ein Gedicht über ein nasses Lebkuchenherz mitgebracht und passend dazu auch gleich Lebkuchen gebacken. „Der ist auch ein Gedicht“, finden die anderen beim Probieren. „Kann ich euch noch mit einer rabenschwarzen Weihnachtsgeschichte kommen, die wollte ich nicht in der Adventszeit machen?“ fragt Jatzkowski. Zwölf Damen und ein Herr nicken gespannt. Und hören das Gedicht, in dem Loriot lustvoll schildert, wie die Försterin ihren Gatten mit einem sauberen Blattschuss erlegt. Dann weidet sie ihn aus, verpackt ihn portionsweise in Geschenkpapier und verteilt ihn an die Armen. Sofort entspinnt sich in der Runde eine nicht ganz ernst gemeinte Diskussion. War das Mord mit Vorsatz, weil die Försterin das Geschenkpapier schon vorrätig hatte? Oder kann man hier Notwehr geltend machen, weil in Text steht: „Der Gatte war ihr bei der Pflege des Heims schon länger sehr im Wege?“

Jatzkowski liest aus den Erinnerungen von Dieter Hildebrand aus dem Jahr, als versehentlich die Neujahrsansprache von Kanzler Kohl aus dem Vorjahr gesendet worden war. „Das könnte bei der Merkel nicht passieren, da würde man doch misstrauisch, wenn die wieder die gleiche Jacke anhätte“, da ist sich die Runde einig. Das Silvesterfernsehprogramm ist ganz unterschiedlich angekommen. „Ich hab zuhause alleine ein bisschen mitgetanzt“, sagt eine der Frauen. „Kein einziger anständiger Film, auf allen Sendern bloß Klamauk“, beklagt sich eine andere. Ein Liedtext von Hannes Wader, eine Diskussion über den frühen Freigang von Uli Hoeneß und den Tod von Joe Cocker. „Jetzt sind wir gar nicht mehr zu der schönen Geschichte von Siegfried Lenz gekommen, weil wir so viel geklönt haben“, sagt Jatzkowski lachend. Macht nix, in zwei Wochen sieht man sich wieder.