Lamya Kaddor beschreibt, wie Schüler zu IS-Kämpfern werden

Lehrerin Lamya Kaddor gibt Islamunterricht in der Sekundarschule Am Stadtbad in Dinslaken.
Lehrerin Lamya Kaddor gibt Islamunterricht in der Sekundarschule Am Stadtbad in Dinslaken.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Zum Beispiel Mustafa K.: Das Buch „Zum Töten bereit“ der Dinslakener Islam-Lehrerin Lamya Kaddor zeichnet den Weg junger Männer in den IS-Terror nach.

Dinslaken/Duisburg.. Was von ihm blieb, ist ein Foto im Internet. Es zeigt Mustafa K. als IS-Kämpfer. Posierend, mit einem abgeschlagenen Kopf in der Hand. Lamya Kaddor, Islamexpertin und Lehrerin, kannte ihn, als er noch in Dinslaken-Lohberg zur Schule ging. Ein übergewichtiger Junge, der oft verprügelt wurde, immer wieder scheiterte und viel trank.

Mehr als 1000 Schüler muslimischen Glaubens unterrichtete Lamya Kaddor. Darunter manchen, der in den Dschihad zog. Nun schrieb sie ein Buch über diese jungen Deutschen: „Zum Töten bereit“ (Piper Verlag, ca. 15 Euro).

Salafismus als „warmes Nest“

Es ist der Versuch, Einblicke zu geben in eine Welt, die den Mehrheitsdeutschen wohl sehr fremd ist. Pädagogin Kaddor betreibt Ursachenforschung und sie warnt vor dem Salafismus, der zu einer Art Jugendkultur geworden ist, dem sich immer mehr junge Muslime anschließen. Sie vergleicht dessen Anziehungskraft mit jener der RAF in den 70er-Jahren, beschreibt ihn „als warmes Nest“ für frustrierte und orientierungslose Menschen.

Der Salafismus unterscheide sich von anderen Formen der Radikalisierung gar nicht so sehr: „Für Menschen mit ausländischem Familienhintergrund aber liegt der Salafismus in Deutschland schlicht am nächsten.“

Schüler wollen Respekt, Orientierung und Zusammenhalt

Kaddor stützt sich in ihrem Buch vor allem auf eigenes Wissen und Erkenntnisse des Verfassungsschutzes. Am stärksten ist es jedoch, wenn die Autorin über ihre Erfahrungen mit muslimischen Kindern berichtet, von deren Orientierungslosigkeit.

Islam Seit 2003 unterrichtet sie in Dinslaken-Lohberg Islamkunde auf Deutsch. In jenem von Arbeitslosigkeit geprägten Stadtteil, aus dem rund zwei Dutzend junge Männer in den Krieg nach Syrien, in den Irak zogen. Auch einige von Kaddors Schülern. Kaddor: „Sie hatten sich (den Salafisten) angeschlossen, weil sie bei ihnen das zu bekommen glaubten, was sie zuvor vergeblich suchten: Respekt, Orientierung und Zusammenhalt. Das Ganze traf mich wie ein Schlag“.

Gewalt bereits im Grundschulalter

Die Beschreibung dieser Kinder ist drastisch, beschönigt nichts. Da geht es um fehlende Vaterfiguren, um Eltern, die ihre Erzieherrolle gerade bei Jungen früh aufgeben, um Gewalt und Aggression bereits im Grundschulalter. Um kleine Machos und sich in ihre Rolle fügende oder – selten – aufbegehrende Mädchen.

Es geht um einen kollektiven Minderwertigkeitskomplex, immer nur als „die Ausländer“ oder „die Muslime“ gesehen zu werden. Um die Rolle in dieser Gesellschaft, um Perspektivlosigkeit und geringe Chancen auf sozialen Aufstieg.

„Wir müssen etwas unternehmen!“

Kaddors Buch ist mit leichter Hand geschrieben, gut lesbar. Manchmal wünschte man sich mehr Belege, worauf sie ihre Erkenntnisse stützt. Die Duisburgerin zeigt Bildungsdefizite bei deutschen Muslimen auf, sie kritisiert deren unzureichende religiösen Kenntnisse. Auch die seien für die leichte Verführbarkeit durch Salafisten verantwortlich.

Vor allem aber endet das Buch mit einem starken Appell an die Muslime: „Wir müssen etwas unternehmen! Wir dürfen nicht länger zusehen, wie Menschen, die sich auf unsere Religion berufen, andere töten und den Hass auf unsere Religion weiter steigern!“