Kleiner Schnitt sorgt für ein längeres Leben

Obstbäume schneiden, kochen, waschen, putzen, Auto fahren. All das bewältigte die 90-jährige Erna Erler problemlos. Bis vor zwei Monaten. „An Weihnachten fing es an. Da knickte mir plötzlich im Stehen mein linkes Bein weg, und als ich das Butterbrot in die Hand nehmen wollte, fiel es mir runter“, schildert die Oberhausenerin nüchtern die eigentlich besorgniserregenden Vorfälle. Doch sie selbst ist damals nicht beunruhigt, vermutet nichts Böses. Als ihr Bein aber ein paar Tage später wieder einknickt und sie auf ihrer Kehrseite landet, bestehen ihr Ehemann und ihre Tochter auf einer Kontrolle im Krankenhaus. „Sie wollte partout nicht untersucht werden, doch mir war es zu unsicher.“ Tochter Lilo Wöll drängt die Mutter zum Arztbesuch.

Zum Glück hat sie sich durchgesetzt: In der Abteilung für Gefäßchirurgie am evangelischen Klinikum Niederrhein stellten die Ärzte fest, dass die Beschwerden der 90-Jährigen Vorboten eines Schlaganfalls waren. Die Mediziner handelten umgehend. Bei einer Ultraschalluntersuchung stellte der Neurologe Dr. Janpeter Nickel fest, dass die Halsschlagader der Patientin nur noch zehn bis 20 Prozent der gewöhnlichen Blutmenge zum Gehirn durchließ. „Diese Einengung von fast 90 Prozent entwickelt sich über Jahre. Der Schlaganfall ist eine Verschleißerkrankung, denn Kalk oder Fettbestandteile lagern sich in der Arterie ab und verhindern die Durchblutung und Sauerstoffversorgung des Gehirns“, erklärt Nickel.

Wichtig sei, sich ab einem gewissen Alter präventiv untersuchen zu lassen. „Das Risiko hängt von verschiedenen Kriterien ab. Bei einigen Menschen ist eine Untersuchung schon ab 40 sinnvoll, bei anderen ab 65.“ Vier Faktoren würden die Entstehung eines Schlaganfalls erhöhen: Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte und Diabetes Typ 1 und 2. „Und die Duisburger rauchen mehr als die Schornsteine im ganzen Ruhrgebiet“, so Prof. Dr. Wilhelm Sandmann, der seit 40 Jahren als Gefäßchirurg tätig ist. „Das Problem ist, dass die Menschen aber die Frühsymptome, wie meist nur sekundenlange Sehstörungen oder Lähmungserscheinungen nicht als Vorboten eines Schlaganfalls wahrnehmen“, erläutert der 72-Jährige. Genau das sei die Gefahr, denn ein Viertel dieser Patienten, würden innerhalb von fünf Jahren einen Schlaganfall erleiden.

Frau Erler hat zwar nie geraucht, doch mit Bluthochdruck und einem erhöhten Cholesterinwert hatte sie seit längerer Zeit zu kämpfen. Sandmann: „Der Mensch wird so alt wie seine Gefäße und die Schlägle von Frau Erler - wie man die Vorboten im Schwabenland nennt - waren die Vorzeichen eines richtigen Schlaganfalls.“ Die einzige Chance, den zu verhindern, war schließlich eine Operation der Halsschlagader. Doch dafür musste Erna Erler fit sein. Bei der Untersuchung ihres gesundheitlichen Zustands stellten die Ärzte fest, dass sie das Herz eines jungen Mädchens hat und ihre körperliche Verfassung weit von ihrem biologischen Alter entfernt ist. Also stand einer OP nichts im Wege. „Die Ärzte sagten mir, dass es 100 Mal gut geht und ein Mal nicht, doch dieses Risiko existiere auch bei jüngeren Patienten.“

Erler vertraute in Professor Sandmann. „Er wurde uns als Spezialist empfohlen“, erklärt Tochter Lilo. Und Sandmann eilt national und international der Ruf voraus, ein Experte auf dem Gebiet der Gefäßchirurgie zu sein. Die Technik, die er anwendet, entwickelte der Mediziner vor dreißig Jahren: Ein fünf Zentimeter kleiner Schnitt wird an der Halsschlagader angesetzt und die Arterie abgetrennt. Früher machten die Ärzte 15 Zentimeter lange Schnitte. Doch jetzt wisse man, dass auch schon eine kleine Öffnung reicht, um die Ablagerungen zu entfernen. Anfangs wurde Sandmanns Theorie belächelt. „Bei einer internationalen Konferenz in den USA nahmen mich die älteren Mediziner damals nicht ernst. Doch seit zehn Jahren ist die Methode Standard,“ sagt Sandmann, der selbst etwa 300 Patienten mit diesem Verfahren operiert hat.

Heute, vier Wochen nach der Operation, ist Frau Erlers Narbe kaum noch sichtbar, da sie genau in einer Falte ihres Halses liegt. Doch die Feinmotorik in der linken Hand muss Erna Erler noch zurückgewinnen. Deshalb geht sie nun vier Wochen lang fleißig in eine Reha. „Kraft in den Händen habe ich, doch mir fällt es noch schwer die Knöpfe meiner Jacke selber zu schließen. Aber wir trainieren das mit Knete und Igelbällen“, sagt Erna Erler und demonstriert stolz ihre Fortschritte mit einer Fingerübung.