Kinofilm über Kurt Cobain läuft am Wochenende im Ruhrgebiet

Eine provokante Szene aus dem Kinofilm „Cobain: Montage of Heck“: Hier posiert Kurt Cobain für ein Fotoshooting mit einer Pistole, im April 1994 erschoss er sich tatsächlich selbst.
Eine provokante Szene aus dem Kinofilm „Cobain: Montage of Heck“: Hier posiert Kurt Cobain für ein Fotoshooting mit einer Pistole, im April 1994 erschoss er sich tatsächlich selbst.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Der neue Film „Cobain: Montage of Heck“ über den verstorbenen Nirvana-Sänger Kurt Cobain hat den Duisburger WAZ-Redakteur Thomas Richter tief bewegt.

Duisburg.. Ich bin Jahrgang 1967. Genau wie Kurt Cobain. Meine emotionale Verbindung zu ihm resultierte aber nie aus unserer Gleichaltrigkeit. Nein, vielmehr liebte ich seine Songs. Und tue es noch heute. Ich kaufte seine Alben. Vor allem aber mochte ich die Haltung, für die er stand. Cobain, das war für mich Rebellion. Das war höllisch schmutziger Rock’n’Roll mit himmelblauen Augen. Das war der personifizierte Mittelfinger, der sich erst dem Establishment entgegenstreckte und sich kurz danach Abermillionen von Dollarnoten aufspießen ließ. Cobain, das war Nirvana.

Regisseur Brett Morgen hat eine der größten Ikonen in der Geschichte der Pop-Kultur exakt 20 Jahre nach deren Freitod zu neuem, altem Leben auferstehen lassen – in der großartigen Dokumentation „Cobain: Montage of Heck“. Am Donnerstagabend lief diese erstmals auch im Duisburger UCI-Kino auf Großleinwand. Und sie ließ ihre Zuschauer staunend, aufgewühlt und einem wehmütigen Lächeln auf den Lippen zurück.

Bisher bestand Cobains Bild in der Öffentlichkeit aus einer superstar-typischen Mischung aus Mythen, Gerüchten, Behauptungen und Mutmaßungen, aber erschreckend wenigen Fakten. Brett Morgen hingegen schafft es, dem Menschen Kurt Cobain ganz nah zu kommen. So nah, wie es in dieser Intensität und auch Intimität bisher niemand vollbracht hat.

Privatarchive von Cobains Freunden und Verwandten

Sein Glück war es, all jene Wegbegleiter Cobains vor die Kamera zu bekommen, die den engsten Vertrautenkreis des viel zu früh Verstorbenen bildeten. Sie alle gewährtem ihm Zugang zu ihren Privatarchiven – bestehend aus Fotos, Zeichnungen, Filmmitschnitten und Tondokumenten. Und sie standen ihm in Interviews Rede und Antwort. Offen, reflektierend, bedauernd, teils schmerzhaft und schonungslos ehrlich. Cobains Vater, Mutter, Schwester und allererste Freundin ließen sich dabei erstmals Fragen nach „ihrem“ Kurt vor einer laufenden Kamera stellen.

Cobains ältester Freund und Nirvana-Bassist Krist Novoselic, inzwischen ergraut und fast kahlköpfig, blickt ebenfalls zurück. Und das, obwohl auch die Cobain-Witwe Courtney Love Teil dieses Werks ist. Wenn diese beiden in den vergangenen Jahren mal kommunizierten, dann höchstens über ihre Anwälte.

Dass trotz all dieser schwelenden Konflikte hier (fast) alle Protagonisten aus Cobains Leben versammelt werden konnten, hatte der Regisseur ausgerechnet jener Person zu verdanken, die Cobain nach eigenem Bekunden so sehr liebte wie keinen anderen Menschen auf diesem Planeten: seiner Tochter Frances Bean Cobain. Sie fungierte nicht nur als Produzentin des Films. Sie war auch der emotionale Kitt, der dieses zunächst als aussichtslos geltende Projekt, das von seiner Idee bis zur Fertigstellung über acht Jahre brauchen sollte, zuverlässig zusammenhielt. Frances sei überall der Tür- und Herzensöffner gewesen, erzählt der Regisseur in einem Interview, das im Kino direkt nach dem Film gezeigt wird (daher bei Beginn des Abspanns nicht wie sonst gleich aus dem Kinosaal rennen!).

Interviews, Konzertmitschnitte, Animationen und Zitate

Brett Morgen erklärt im Interview auch die ungewöhnliche Machart seines Werks – diese krude Collage, diese wilde Mixtur aus Interviews, Konzertausschnitten, extra angefertigten Animationsfilm-Sequenzen und Zitaten aus Cobains teils wirren Briefen. Letztere stammen aus dem Nachlass des Nirvana-Sängers, den der Regisseur akribisch durchforstete. 15 Pappkartons. Jeder prall gefüllt. Jeder eine Schatzkiste für den Dokumentarfilmer. Zu den Höhepunkten zählen zweifellos jene bislang ungesehenen Sequenzen, die zeigen, wie die größten Kunstwerke der Band entstanden – etwa das den Durchbruch verschaffende Video von „Smells Like Teen Spirit“, das Fotoshooting zum Albumcover von „Nevermind“ oder aber die abseitigen Aufnahmen währendder Dreharbeiten des legendären MTV-Unplugged-Konzert von Nirvana in New York.

[kein Linktext vorhanden] Und in Morgens Film ist natürlich auch ganz viel Musik. Die Songs von Nirvana, die dem Film seinen Pulsschlag verleihen, haben auch über zwei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nichts, aber auch gar nichts von ihrer Magie verloren. Ein Nirvana-Stück, das war stets ein Schrei nach Aufmerksamkeit seines verlorenen Verfassers. Und ein Nirvana-Stück fühlte sich stets wie ein Tritt in die Magengrube seiner Zuhörerschaft an – aber ein Tritt der mitreißendsten Sorte.

Nach knapp über zwei Stunden ist der Film vorbei. Und was soll ich sagen: Nie zuvor habe ich mich einem Menschen näher gefühlt, dem ich in meinem ganzen Leben nicht begegnet bin. Größeres, ja Großartigeres kann ein Dokumentarfilm nicht leisten.

Und so will ich diesem mir plötzlich so vertrauten Fremden aufrichtig, mit blutendem Herzen und rebellisch laut hinterher rufen: Kurt, ich vermisse dich...