Keine Vernunft auf hoher See
25.05.2010 | 17:40 Uhr 2010-05-25T17:40:00+0200
Duisburg.Der große Philosoph tyrannisiert als Irrer vom Dienst seine Mitreisenden auf einem Ozeandampfer. Das Wiener Burgtheater lud beim Akzente-Theatertreffen mit Thomas Hartmanns „Immanuel Kant“ zu einem schrägen Abend ein.
Der berühmte Kant hat Königsberg verlassen, um sich in Amerika ehren und seine Augen operieren zu lassen. Die Schiffssirene tutet und durch kleine Bullaugen fällt hell das Licht in das vergnügliche Sanatorium auf schwankenden Planken, auf denen der wahnsinnige Philosoph (Michael Maertens) mit seiner Frau (Karin Pfammatter), einem Diener und seinem Papagei Friedrich ins gelobte Land reisen will. „Kant entdeckt Amerika und Amerika entdeckt Kant“ ruft immer wieder lautstark der nervende Philosoph, verkörpert von einem präzise sprechenden Michael Maertens.
Kommt im ersten Akt der von allen Mitreisenden beinahe ängstlich ertragene Monolog des philosophischen Superstars äußerst angestrengt daher, so reißt im zweiten Akt die überragende Sunnyi Melles als schrille „Millionärrin“ die verhangene Wolkendecke des Atlantiks auf. Wie die mit einem Napoleonhut geschmückte Blondine rauchend und schwatzend zum Whisky-Glas greift und im knappen Kostüm auf der Reling tanzend den durchgeknallten Kant und dann auch noch den von Hans-Michael Rehberg gespielten Kardinal anbaggert, dies ist von komödiantischer Wucht.
Dass das Stück von Thomas Bernhard eher eine Klamotte mit leichtem Seegang als ganz großes Theater mit Tiefgang ist, wird dann im dritten Akt endgültig deutlich, als sich Sunnyi Melles als männerscharfe „Millionärrin“ beim feinen Lampionfest betrinkt und als Liebhaberin des Wiener Walzers weder Respekt vor dem Admiral noch vor dem Philosophen hat. Während dieser mit irrem Blick das „Integral als Hölle“ beschwört, ruft die schöne „Millionärrin“ zur Damenwahl auf. „Kant tanzt“ ruft dann sogar der Papagei Friedrich und der Salon des Königsberger Philosophen ist endgültig zum Narrenfest geworden. „Auf hoher See kann man über Vernunft nicht sprechen“, sagt der Philosoph, bevor er von Irrenärzten abgeholt wird.
Hartmann und sein überragendes Ensemble machen diese fiktive Seereise zu einem fein ausgestatteten Labor der menschlichen Eitelkeiten und Abhängigkeiten.

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