Keenora, der verrückte Wolf

Foto: WAZ-Fotopool

Schon auf dem Weg in die Fußgängerzone winken ihm die Jungs von der Skateranlage zu, erwachsene Männer klatschen ihn lässig ab. Alle haben ein Strahlen im Gesicht und freuen sich über eine nicht ganz alltägliche Erscheinung auf Duisburgs Straßen: Keenora, der verrückte Wolf.

Im lila-blauen Ganzkörperkostüm steckt Nicolas – beruflich als IT-Spezialist unterwegs, geht der 28-Jährige in seiner Freizeit einem ebenso zeitintensiven wie ausgefallenen Hobby nach. Als Furry (englisch: pelzartig, mit Pelz besetzt oder mit Pelz bekleidet) gehört er einer weltweiten Gruppe von Menschen an, die an so genannten anthropomorphen Tieren interessiert sind und diese Fantasiefiguren mit tierisch-menschlichen Eigenschaften regelmäßig selbst zum Leben erwecken.

Nicolas zählt sich zur Disney-Generation, sei Mitte der 90er Jahre beim Surfen im Internet ganz zufällig auf das Furry-Phänomen gestoßen, habe sich in einigen Foren angemeldet und sei so langsam in die Szene eingetaucht. „Also habe ich mir Keenora ausgedacht“, sagt Nicolas. „Wir wollen die Leute einfach nur unterhalten, aus dem grauen Alltag herausreißen und zum Lachen bringen.“

Und das gelingt ihm als verrückter Wolf an diesem Nachmittag in Duisburg auf eindrucksvolle Weise. Andrea Markowiak (18) etwa kriegt sich gar nicht mehr ein, zückt erst mal ihr Handy und schießt ein Foto nach dem anderen. „Ich finde so eine Figur einfach spaßig und interessant“, sagt sie.

„Bär, Bär“, ruft die kleine Fiete, gerade mal anderthalb Jahre alt, nicht ganz korrekt, als sie sich kurz darauf dem Wolf auf dem Arm ihres Vaters Christian Preußer nähert. Vorsichtig streichelt sie das Fell und strahlt.

Es sind solche Reaktionen, die Nicolas in seiner Rolle als Keenora bestärken. „Mir macht es Spaß, den Charakter auszuleben und Dinge zu tun, die man sonst wohl eher nicht in einer Fußgängerzone machen würde.“ Zum Beispiel, sich langsam von hinten an ahnungslose Menschen heranpirschen, wie gerade jetzt wieder. Auf den ersten Schreck folgt ein herzhaftes Lachen.

Schlechte Erfahrungen, sagt Nicolas, habe er kaum gemacht. Auch seine Familie finde sein Hobby völlig okay. Allerdings sei er normalerweise nicht alleine, sondern in Gruppen mit anderen Furrys unterwegs. Ein paar Aufpasser nehmen sie sicherheitshalber dann noch immer mit.

Nicolas ist auch mal im Landschaftspark Nord und ansonsten national und international als Keenora unterwegs – zum Beispiel auf Konzerten, Festen oder Stränden („Die Pazifikküste bei San Francisco ist sehr zu empfehlen!“), in Tierparks oder Kinderabteilungen von Krankenhäusern. Eins ist ihm wichtig: „Ich mache keine Werbung, sondern das Ganze nur, um anderen Menschen eine Freude zu bereiten.“

Es sind vor allem die Kleinen, die von dem verrückten Wolf gar nicht gut genug bekommen. Immer wieder laufen sie Keenora in der Fußgängerzone hinterher, wollen ihn umarmen, sich mit ihm fotografieren lassen oder mit ihm reden. „Ich spreche allerdings nur, wenn es die Situation zwingend erfordert. Das ist sowas wie ein Ehrenkodex. Genauso gebe ich mich zwischendurch auch nicht als Nicolas zu erkennen.“

Das würde wohl auch nur die Magie eines Augenblicks wie diesen zerstören. „Lieber Wolf“, ruft ein Mädchen in der Fußgängerzone. „Wir haben noch etwas zu essen für dich! Nicht? Dann viel Spaß noch bei deiner Reise!“ Sagt’s, winkt noch einmal und strahlt.