In den Tiefen des „Tigerfells“

Foto: FUNKE Foto Services

Das Interesse ist groß an „China 8“, der großen Ausstellung mit zeitgenössischer chinesischer Kunst im Ruhrgebiet. Mehr als 100 Besucher nutzten gestern die Chance, den international renommierten Künstler Xu Bing im Gespräch mit Dr. Söke Dinkla im Lehmbruck-Museum kennenzulernen – gleich neben seinem Werk „1st Class“, einem „Tigerfell“ (aus anderer Perspektive Zebrafell) aus 600 000 Zigaretten, das Tabakgeruch verströmt.

1955 geboren, verließ Xu Bing 1990 Peking nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens Richtung USA. 18 Jahre lebte er in New York, bevor er zurück kehrte nach Peking, wo er seit 2008 als Vize-Präsident der Kunstakademie lehrt.

Tabakgeruch war es, der ihn 2012 auf die Idee zu „1st Class“ gebracht hat, berichtet der Künstler von den Auftragsarbeit für die Duke-Universität in Durham, North Carolina. Lebt die Stadt doch von der Tabakproduktion der Industriellenfamilie Duke (American Tobacco Company). Die wiederum gründete auch die private Universität, die einen Schwerpunkt bei der Erforschung von Krebs hat. Xu Bing fand heraus, dass die Dukes auch in China Zigarettenfabriken betreiben. Der „Tigerteppich“ wurde in Shanghai hergestellt, er stehe für das Verlangen nach Reichtum und Luxus. Die chinesische Zigarrenmarke „1st Class“ bedeute Wohlstand, obwohl sie billig sei. So gehe es in der Arbeit auch um Wirtschaftsgeschichte. Und schließlich handele es davon, wie der Mensch mit Tabak und mit sich selbst umgehe. Xu Bings Vater starb an Lungenkrebs. „Ich habe die biografischen Bezüge zunächst nicht einbezogen, aber es war wie die Büchse der Pandora, die ich geöffnet hatte“, sagt der Künstler. Neben Dokumenten aus der Firmengeschichte gehören zur Arbeit auch Unterlagen aus der Krankenakte seines Vaters. „Das gibt dem Projekt mehr Tiefe.“

Bekannt geworden ist Xu Bing schon vor seinem Aufenthalt in den USA mit kalligraphischen Arbeiten. So hat er für „A Book in the Sky“ (1988-1991) 4000 Schriftzeichen erfunden, in Holz geschnitten und gedruckt, die nicht zu entschlüsseln sind. Mit seinen „kalligraphischen Mischwesen“ wolle er zeigen, welche zentrale Bedeutung Sprache und Schrift für die Kultur hat. Für sein „Book from the Ground“ hingegen hat er nur Piktogramme gesammelt – lesbar für fast jeden in der modernen Welt.