Immer mehr junge Leute sind süchtig nach Sportwetten

In Duisburg gibt es rund 30 Wettbüros für Sportwetten.
In Duisburg gibt es rund 30 Wettbüros für Sportwetten.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Bei immer mehr jungen Männern hat sich die Leidenschaft für den Fußball zu einer Spielsucht ausgewachsen. In Mannschaftsstärke verbringen sie Wochenenden in Wettbüros, die wie Bars mit Bildschirm wirken - und verzocken ihr Azubi-Gehalt. Zum Aktionstag gegen Spielsucht erzählt einer aus der Szene.

Duisburg.. Am Ende waren es nicht mehr die großen Bundesliga-Spiele, sondern auch U23-Begegnungen Vietnam gegen Kirgisistan oder Afghanistan gegen Usbekistan. Am Ende war es nicht mehr nur Fußball, sondern auch Volleyball, Basketball, Tischtennis. Patrick ging es nicht mehr um den Sport, sondern um den Zock. Der 25-Jährige ist sportwettensüchtig.

Das klassische Glücksspiel an Automaten interessiert ihn nicht, aber „einen Schein machen“, das reizt ihn. Ob bei Oddset, tipico, in der Bar oder auf dem Handy, 200, 300 Euro sind binnen Sekunden gesetzt – und genauso schnell verloren. Die Sportwetten-Läden wirken von außen dezent und so seriös wie eine Bank, sehen innen aus wie Bars, mit schicken Ledermöbeln, und auf zig Bildschirmen rundherum läuft Fußball – ein Paradies für Fans, zumal Sky oft kostenlos läuft.

Das Alter werde nie kontrolliert

Patrick ist sportlich, er trainiert eine Fußball-A-Mannschaft – „über die Hälfte von ihnen geht regelmäßig in die Wettbüros“. Das Alter werde nie kontrolliert, sagt Patrick. „Das sind junge Burschen, die ihr ganzes Azubi-Gehalt verspielen.“ Zwei von ihnen hat er gleich mitgebracht zur Selbsthilfegruppe der Fachstelle für Glückspielsucht in Rheinhausen, wo seit 25 Jahren Spielsucht therapiert wird.

Sein Therapeut Ulf Weidig zählte allein im letzten Jahr 200 Kontakte zu Spielsüchtigen, es werden immer mehr und sie werden immer jünger. „Wenn große Wettbüros sogar ihre Lieblingsmannschaft sponsern, die Spieler mit den Logos auflaufen, dann kann daran doch nichts schlechtes sein“, erklärt Weidig. Außerdem ist das Angebot riesig, allein in Rheinhausen rund um die Fachstelle halten sich ein gutes Dutzend Spielhallen, Wettbüros und Casinos.

Patrick hatte schon jahrelang gespielt, aber als das Spiel immer mehr sein Leben bestimmte, er ständig auf die Uhr guckte, schon auf der Arbeit online spielte, er Verabredungen absagte, um spielen zu können, er Verluste mit neuen Wetten auszugleichen versuchte, wurde aus dem „Hobby“ ein Problem. Er hat seinen Job verloren, 13 000 Euro Schulden, einen immensen Vertrauensverlust bei Freunden und Familie. Patrick hat eine Menge gut zu machen. Der 25-Jährige ist jetzt zwei Monate spielfrei, geht jede Woche zur Selbsthilfegruppe, wartet auf eine ambulante Rehabilitation – auf drei Semester Spielfrei, wie sein Therapeut Ulf Weidig das anderthalbjährige Programm nennt.

Aktuell ist Patrick auf Jobsuche, hilft bei seinen Eltern aus, geht viel joggen, trifft sich wieder mit seinen alten „echten“ Freunden. Und nimmt sich vor, jede Woche bis zum nächsten Dienstag spielfrei zu bleiben. Das klingt nicht so unerreichbar schwer wie für den Rest des Lebens.

Ab 2015 werden Sportwetten besteuert

In Duisburg gibt es nach Schätzungen der Stadt 30 Wettbüros. Um Sportwetten anbieten zu dürfen, braucht es künftig jedoch Konzessionen, landesweit sollen es maximal 920 „Wettvermittlungsstellen“ werden, wie viele davon in Duisburg sein dürfen, ist noch nicht klar. Wie viele auch immer, sie müssen ab Januar 2015 Steuern zahlen, abhängig von der Größe des Ladenlokals. Der Kämmerer rechnet mit 72.000 Euro Steueraufkommen. Damit wird die Stadt natürlich nicht reich, die Steuer soll zur Eindämmung der Spiel - und Wettsucht beitragen, heißt es in der Beschlussvorlage, die am Montag durch den Rat geht.

Insgesamt kassierte die Kommune im letzten Jahr knapp 900.000 Euro Gewerbesteuer für den Bereich „Spielhallen und Betrieb von Spielautomaten“.

Die Zahl der Spielsüchtigen in Duisburg ist nicht detailliert erfasst. Erhebungen gehen von jeweils 1100 bis 2400 Spielern in Duisburg aus – sowohl im problematischen als auch im pathologischen, also krankhaften Bereich, zusammen über 4000 Betroffene.

Die Dunkelziffer ist erheblich, weil auch vom heimischen Computer aus gespielt wird und die Sucht zunächst auch körperlich keine Spuren hinterlässt, wie Ulf Weidig von der Fachstelle Glückspielsucht erklärt. Er sei immer wieder überrascht, mit wie wenig Geld Menschen auskommen könnten. Oft werde es erst gefährlich, wenn auch die Miete verzockt ist. Bei einigen Klienten habe schon die Caritas mit einem Darlehen einspringen müssen, um eine Wohnungslosigkeit zu vermeiden.