Das aktuelle Wetter Duisburg 5°C
100 Jahre Theater

Im Takt des Zeitgeistes

12.11.2012 | 19:18 Uhr
„Zeit – Die erschöpfte Schnecke wirft ihr Haus weg und flippt richtig aus“: So der komplette Titel des Stücks von Ingrid Lausund.Foto: Bo Lahola

Duisburg. Zum Abschluss des Festprogramms zum 100-Jährigen des Theaters gab es die Premiere des neuen Stücks „Zeit“ von Ingrid Lausund.

Die Autorin und Regisseurin ist eine Sprachartistin, die ihr Material dem Alltag ablauscht. Fast alles, was auf der Bühne gesagt wird, hat man schon gehört oder gelesen: im Berufsleben, im Baumarkt, in Formularen, Psycho-Ratgebern, bei Partys oder in der Bahn. Sie destilliert aus diesem Wörterwust einen Text, der auf verblüffende Weise den Zeitgeist einfängt.

Zeitgewinn durch „Powerschlaf“

Die Bühne ist V-förmig begrenzt wie ein „Tortenstück“ zwischen zwei Zahlen auf einem Zifferblatt. Mechanisch wie die Uhrzeiger laufen laufen die fünf Schauspieler sorgfältig getaktet über diesen Bühnenausschnitt. Eine viertel Stunde ganz ruhig und in sich gekehrt, wird schon der Wechsel eines Tuchs zur optischen Sensation. Ausstatterin Beatrix von Pilgrim ist da eine kongeniale Partnerin von Ingrid Lausund.

100 Jahre Theater Duisburg

Nach und nach kommen Worte ins Spiel. Auf der äußeren Bahn kreist der smarte Business-Typ zwischen Flugzeiten, Meetings und Beziehungsstress. Im zweiten Kreis ringt die alleinstehende Berufstätige damit, die Erledigung anstehender Aufgaben in Wochentage und Arbeitsstunden; sie hofft auf Zeitgewinn durch „Powerschlaf“.

Carpe diem!

Im Mittelkreis die Figur, die dem Stück den skurrilen Untertitel gegeben hat: „Die erschöpfte Schnecke wirft ihr Haus weg und flippt richtig aus.“ Es ist die berufstätige Mutter, Ehefrau und Sich-um-alles-Kümmerin; sie spart Zeit beim Sex.

Neben ihr kreist die Selbstsucherin, die sich stets neu erfindet; bei ihr wird die Lebensplanung zum Lebensinhalt. Auf dem kleinsten Kreis der Träumer, der „Carpe diem!“ ruft, aber stets im Konjunktiv bleibt.

Kurz vor der Klapse

Den schönsten Ausflipper legt die „Schnecke“ hin, wenn sie aufgerieben zwischen allen Anforderungen (auch der: Ich muss lernen, nein zu sagen) schreit, sie sei nur noch nicht in der Klapse gelandet, weil sie dafür keine Zeit habe.

Alle sind erschöpft, alle müssen immer weiter, auch Betrinken ist keine Lösung, auch Krankheit muss berechnet und abgearbeitet werden. Das ist überspitzt und analytisch, das ist alles ernst, aber auch von eigenwilliger Komik.

Ingrid Lausund verlangt den Schauspielern Verena Ehrmann, Christian Kerepeszki, Max Landgrebe, Hildegardt Schroedter und Imke Trommler viel ab. Auch der Zuschauer muss sich schon konzentrieren. Ingrid Lausund schafft es, intelligent zu unterhalten.

100 Jahre Theater Duisburg

 

Anne Horstmeier


Kommentare
Aus dem Ressort
Rund 100 Roma aus Duisburg sind ins Sauerland umgezogen
Zuwanderung
Etwa 100 ehemalige Bewohner der Häuser In den Peschen in Duisburg-Rheinhausen wohnen jetzt zwischen Ennepetal und Hagen. Eingezogen sind die Roma in ehemalige Firmenwohnungen eines medtallverarbeitenden Betriebs, der aber nicht mehr existiert.
Volksbank Rhein-Ruhr kauft Alltours-Zentrale im Innenhafen
Wirtschaft
Die Genossenschaftsbank begräbt ihre Neubau-Pläne in der City und übernimmt überraschend den Sitz desReiseveranstalters am Innenhafen. Der Deal bringt damit neue Bewegung in die Innenstadt-Entwicklung: Neben dem geplanten Textil-Kaufhaus könnte ein weitere Einzelhandels-Immobilie entstehen.
Duisburger sichern sich ein Stück Fassade
Kaufhof
Fast 60 Jahre lang zierten die grauen Rechtecke das Gebäude an der Düsseldorfer Straße. Große Teile waren längst marode. Doch einige Duisburger wollten sich ein Stück Geschichte mit nach Hause nehmen.
Großes Kino für eine große MSV-Mannschaft
Fußball
Der Dokumentarfilm „Meidericher Vizemeister“ erntet bei seiner ersten öffentlichen Vorführung im Duisburger Kino Filmforum am Dellplatz frenetischen Applaus. Einige Besucher kamen in MSV-Trikots. Die Stärke des Films ist die Authentizität seiner erzählenden Protagonisten.
Duisburger Polizei nimmt von Nazidemo-Verbot Abstand
Demoverbot
Dortmund verbietet, Essen schränkt ein, aber Duisburg nimmt diesmal Abstand von juristischen Mitteln gegen den Aufmarsch von NPD und ProNRW am Tag der Arbeit: „Die Situation in den Städten und damit die Entscheidungen sind nicht miteinander vergleichbar“, sagt ein Polizeisprecher.
Fotos und Videos
Vollsperrung auf A40
Bildgalerie
Autobahnen