Im Heilungsraum in Duisburg sollen Wunder geschehen

Der Heilungsraum in Duisburg. Hinter dieser Tür beten Mitglieder des gleichnamigen Vereins für die Gesundheit (tod)kranker Menschen.
Der Heilungsraum in Duisburg. Hinter dieser Tür beten Mitglieder des gleichnamigen Vereins für die Gesundheit (tod)kranker Menschen.
Foto: WAZFotoPool
Was wir bereits wissen
Kranke Menschen pilgern zum „Healing Room“ nach Duisburg. Nicht wenige setzen in die heilsame Kraft des Gebets ihre letzte Hoffnung. Doch eine Wechselwirkung zwischen Religion und Heilung ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Nicht nur deshalb sind die Heilungsräume umstritten.

Duisburg.. Es klingt unglaublich, was im Duisburger „Heilungsraum“ passieren soll: Das rechte Bein von Andrea R. war angeblich drei Zentimeter kürzer als das linke. Die Folge: ein Beckenschiefstand, Haltungsprobleme, Rückenschmerzen. Die Frau wusste weder ein noch aus. In ihrer Not ging sie zum Heilungsraum in Duisburg.

Die Mitarbeiter des Vereins beteten mit ihr um Heilung. Und ihr verkürztes Bein wuchs. Einen Zentimeter, zwei Zentimeter, drei Zentimeter. So berichtet es zumindest Joachim Gunia, einer der Leiter der Einrichtung. Er meint es ernst. „Man konnte zusehen, wie das Bein gewachsen ist“, sagt der 52-jährige Sozialpädagoge. „Solche spontanen Heilungen habe ich wiederholt erlebt, obwohl die Gesundung meist mehr Zeit in Anspruch nimmt.“ Gibt es Wunder also wirklich, Herr Gunia? „Ja, Wunder gibt es.“

Seit 2003 verbreiten sich in Deutschland sogenannte „Healing Rooms“ (Heilungsräume). Diese christliche Bewegung ohne kirchliche Anbindung, bei der für Kranke um Heilung gebetet wird, stammt aus den USA. Etwa 20 Heilungsräume gibt es in Deutschland. Vor sieben Jahren öffnete auch einer in Duisburg. Zwölf Leute, allesamt „gestandene Christen“, so Gunia, wollen dort kranke Menschen „gesundbeten“. Etwa 50 bis 60 Ratsuchende stehen pro Jahr vor ihrer Tür in Neudorf und lesen das Schild mit der Inschrift „GOTT will, dass es Ihnen GUT geht! Und WIR möchten das AUCH!“

Verzweifelte Eltern, die für ihre kranken Kinder beten

Die Menschen kommen aus dem gesamten Ruhrgebiet. Die meisten leiden selbst an einer Krankheit. Es gibt aber auch verzweifelte Eltern, die für die Gesundheit ihrer kranken Kinder beten lassen. Und in welchen Fällen ist Heilung möglich? „Die Menschen geben sich in Gottes Hand. Und Gott ist es, der entscheidet, ob Heilung eintritt“, sagt Gunia. Eine Erfolgsquote kann er nicht nennen. „Aber prinzipiell ist bei jeder Krankheit eine Linderung oder die komplette Heilung möglich.“

„Nicht überraschend“, findet der Theologe Kai Funkschmidt von der in Berlin, dass viele Besucher von Healing Rooms Heilungen erfahren. Er argumentiert, dass viele Krankheiten nach gewisser Zeit von alleine oder nach schulmedizinischer Behandlung verschwänden und verweist darauf, dass es sogar bei manchen Krebsarten relativ hohe unerklärte Spontanheilungsraten gibt. „Es gibt aber keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Religiosität, Gebet und Heilungen.“

„Vorsicht ist immer geboten“

Und wenn der Heilungserfolg bei einem verzweifelten Menschen ausbleibt, könne das zu einem Problem werden, weil sich der Betroffene unter Druck setze. „Wer nicht gesund wird, fürchtet, sein Glaube sei nicht stark genug“, sagt Christoph Grotepass von der Sekten-Info NRW. Anfragen im Zusammenhang mit Heilungsräumen halten sich bei seiner Beratungsstelle in Grenzen, obwohl die Angebote oftmals in einem christlich-fundamentalistischen Zusammenhang stehen.

Sind die Einrichtungen denn bedenklich? „Es hängt davon ab, wer da mitmacht und wie die das aufziehen“, sagt Grotepass. „Der Glaube an einen freundlichen Gott kann hilfreich sein, weil er Kraft gibt“, sagt der Theologe. Der Glaube an eine strafende Gottheit hingegen könne kontraproduktiv sein. „Vorsicht ist immer geboten. Nur dass da keiner ist, der einen abzocken will, heißt nicht, dass die Einrichtung das Prädikat ,wertvoll’ verdient.“ Besonders wichtig sei, dass das Gebet nicht als Alternative zu einer Behandlung durch einen Arzt angepriesen wird.

Sind die "Healing Rooms" gefährlich?

Auf der Homepage des Duisburger Heilungsraums steht, dass ein Ratsuchender niemals dazu bewegt werde, eine medizinische Behandlung abzubrechen. „Wenn wir das tun würden, wäre das Scharlatanerie“, sagt Heilungsraum-Leiter Gunia, „wir sind schließlich keine Wunderheiler und nehmen nicht für uns in Anspruch, übernatürliche Kräfte zu haben.“ Die habe nur Gott allein.

Ebenfalls wird auf der Homepage betont, dass das Heilungsgebet für den Erkrankten kostenlos sei. Auch Gunia sagt immer wieder, dass alle Mitarbeiter ehrenamtlich im Heilungsraum tätig seien. Kosten für Miete, Telefon und Strom sollen durch freiwillige Spenden gedeckt werden. Geld ließe sich mit dem Engagement nicht verdienen.

Warum tun die Menschen es dann? Sammeln sie „Bonuspunkte“ für eine sichere Einkehr ins Himmelreich? „Nein, jeder der hier mitarbeitet, hat erfahren, dass Gott ihm persönlich etwas Gutes getan hat und möchte davon etwas weitergeben.“

„Um Gottes Willen - Christliche Parallelwelten“

Wie das aussehen kann, hat die Kölner Journalistin Christina Zühlke (32) hautnah erlebt. Ein Jahr lang recherchierte sie für die WDR-Reportage „Um Gottes Willen – Christliche Parallelwelten“ in der gesamten Bundesrepublik. Auch den Duisburger Heilungsraum hat sie mit der Kamera besucht. Sie füllte einen Personenbogen aus; unterschrieb, dass sie eine eventuell laufende ärztliche Behandlung nicht abbrechen werde, stellte sich den Fragen der Mitarbeiter und ließ für sich beten. Ihr Urteil: „Ich finde es logisch, dass es Heilungsräume gibt. Besonders, wenn ich sehe, unter welchem Zeitdruck Ärzte heute arbeiten müssen.“ Anders als die Schulmediziner in der Arztpraxis nähmen sich die bibeltreuen Christen im Heilungsraum Zeit für die Ängste der Ratsuchenden, hörten zu und stellten gute Fragen.

Ist das Angebot gefährlich?

Das klingt nicht, als wäre das Angebot gefährlich, oder? „Das ist es auch nicht“, sagt Zühlke. „Zumindest, wenn die Menschen, die dort Hilfe suchen, psychisch so stabil sind, dass sie sich selbst und die Situation realistisch einschätzen können – denn Gott kann vielleicht helfen, er muss es aber nicht.“

Der Wissenschaftler Kai Funkschmidt vom EZW betrachtet die „Healing Rooms“ in seinem Aufsatz „Wir beten zu bestimmten Öffnungszeiten“ als Einrichtungen der Krankenseelsorge im weiteren Sinne. Es sei ernst zu nehmen und auch als Anregung für die kirchliche Seelsorge zu sehen, dass viele Kranke das Angebot der Heilungsräume als hilfreich erleben, weil sie intensive persönliche Zuwendung erfahren und ihre Sehnsucht nach Heilung ernst genommen werde. Und auch, wenn kein Wunder geschieht und die Heilung ausbleibt, würden einige Todkranke die Behandlung wertschätzen und könnten „versöhnter sterben.“