Hörbeschreibung ersetzt die Augen

Vor der Vorstellung hatten die Theaterbesucher die Möglichkeit, die Bühne und die Kulissen zu ertasten.
Vor der Vorstellung hatten die Theaterbesucher die Möglichkeit, die Bühne und die Kulissen zu ertasten.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Blinde und sehbehinderte Theatergäste erleben Yazmina Rezas Stück „Kunst“ dank Audiodeskription. Die Stimme vermittelt ihnen den Sinneseindruck.

Duisburg.. Für die 110 sehenden Zuschauer von Yasmina Rezas Stück „Kunst“ ist die Stimme von Anke Nicolai nur ein entferntes Zwitschern aus den Kopfhörern der sehbehinderten und blinden Theaterbesucher. Für die 30 Menschen, die dem Geschehen auf der Hinterbühne des Stadttheaters nicht mit den Augen folgen können, ist sie Vermittlung und Orientierung.

Einen räumlichen Eindruck des reduzierten Bühnenbildes haben sie sich schon vor der Vorstellung gemacht. Sie haben das Ledersofa ertastet, den schmalen Balkonsteg hinter dem angedeuteten Terrassenfenster beschritten und die Karaffen auf der Bar befühlt. Nun lauschen sie, wie Anke Nicolai von der Berliner Firma Audioskript aus ihrer Sprecherkabine die Kostüme und die Züge der drei Schauspieler beschreibt. Serge, „lässig im weißen Hemd über der Leinenhose“ hat ein teures, weißes Bild gekauft. Für Marc „stämmig mit Haarkranz und buschigen Augenbrauen“ ist das Werk trotz oder gerade wegen seiner Farblosigkeit ein rotes Tuch. Ivan, der dritte im Bund „muskulös, mit tief liegenden Augen und geschwungenen Lippen, im geringelten Polohemd“, versucht zu vermitteln, aber gedankt wird ihm das nicht.

Uwe Frisch-Niewöhner, Helmuth Hensen und Martin Müllerhöltgen spielen in der Koproduktion mit dem Komma-Theater in der Inszenierung von Michael Steindl die drei Freunde, die Rotwein trinken, Oliven essen, streiten und für die Kunst ihre Freundschaft aufs Spiel setzen. Dabei prüfen sie durch kleine Änderungen im Ablauf die Geistesgegenwart der Sprecherin.

Tonübertragung fiel öfter aus

„Serge dreht sich zum Publikum, der Spot richtet sich auf ihn“, sagt Anke Nicolai – und verbessert sich leicht irritiert: „So jetzt dreht er sich erst, und das Licht geht aus.“ Gegen Ende gerät das Trio in ein Handgemenge. Das macht Nicolais Aufgabe besonders schwierig. Denn sie darf nicht „reinquatschen“, sondern muss die raren Sprechpausen optimal nutzen. „Wenn es nicht so läuft wie in der Probe, muss ich improvisieren und blitzschnell entscheiden, was ich weglasse“, sagt sie nach dem Schlussapplaus. Sie ist erleichtert, dass bei dieser ersten Vorstellung in Duisburg mit Audiodeskription alles geklappt hat.

Heinz Schwarz, der erst vor einigen Jahren erblindete, konnte die Kommentare gut nutzen, um in seinem Kopf Bilder entstehen zu lassen. „Leider ist die Tonübertragung zwischendurch öfter ausgefallen, aber an sich ist das schon eine sehr gute Idee“, findet er. Auch für die Begleitpersonen ist die Hörbeschreibung von Vorteil. Sie können das Stück entspannt genießen, während ihre blinden Partner einen unabhängigen Sinneseindruck bekommen. Solche Vorstellungen sollen nach Möglichkeit öfter angeboten werden, so OB Link, der sich die Vorstellung auch mit „Knopf im Ohr“ angehört hatte.