„Heimat ist der Mensch, bei dem ich bleibe“

„Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“. So lautet der Titel des 2016 erscheinenden Romans von Selim Özdogan, der allzu kuscheligen Heimatgefühlen damit eine klare Absage erteilt. Gemeinsam mit Judith Kuckart war Selim Özdogan jetzt auf Einladung der Kunststiftung NRW, des Literaturbüros Ruhr und der Stadtbibliothek in einer gemeinsamen Lesung im Kuhlenwall-Karree zu Gast, um aus der Prosa-Anthologie „Eigentlich Heimat. Nordrhein-Westfalen literarisch“ vorzulesen. Eine literarische Ortsbeschreibung der Region, an der sich 29 regionale Autoren beteiligten.

Zu den Wohnorten der beiden Schriftsteller gehörte aber auch Istanbul, das im Rahmen eines Stipendiums 2014 Wahlheimat von Selim Özdogan war, der dort auf die Tänzerin, Choreografin, Regisseurin und Literaturpreis-Trägerin Judith Kuckart traf. Kuckart, 1959 in Schwelm geboren und heute in Zürich und Berlin lebend, las aus ihrem sehr persönlichen „Erinnerungsalphabet Wuppertal“ vor. Wozu auch die Buchstaben P wie Pina Bausch und E wie Else Lasker-Schüler gehören. Aber auch Z wie „Zahnspange“. Kuckart: „Heimat ist der Ort, wo ich herkomme und wo ich hin will. Heimat hat jetzt aber auch mit dem Älterwerden zu tun. Heimat ist dann der Mensch, bei dem ich bleibe.“

Özdogan las aus seinem neuen Buch vor, in dem er die Geschichte des Jungen Krishnan Mustafa erzählt, der der Beziehung einer gerne in Indien reisenden deutschen Hippie-Frau und eines Türken entstammt. Die Mutter lässt sich schließlich in Freiburg nieder und schickt ihren Sohn in eine Waldorf-Schule. Das Drama kann beginnen. Özdogan: „Ich habe Schwierigkeiten, den Begriff Heimat mit einem Ort zu besetzen. Es sind mehr die Menschen, ihre Musik und das Essen, das ich mit Heimatgefühlen verbinde.“

Stipendium in Istanbul

Der mit feinem Humor und Scharfblick für die Verschiedenheit der Kulturen gesegnete Schriftsteller, der aus Köln stammt, versuchte dann noch zu erklären, wie „Satire“ in der Türkei und im Kontrast dazu in Deutschland funktioniert. Und dann las er aus der Heimat-Anthologie noch eine kurze Geschichte aus Duisburg vor. Özdogan: „Ich mag diese Stadt sehr.“ Viel Beifall für die Autoren und für Moderatorin Verena Geiger vom Literaturbüro Ruhr.