Geschichte wird lebendig

Innenstadt..  „Wären Sie lieber zwei Jahre vor oder nach dem Krieg“, will Samet wissen. Der Zehntklässler besucht die Hauptschule Hitzestraße. Heute steht eine besondere Geschichtsstunde an. Dieter Kaspers ist Duisburger und Autor eines autobiografischen Romans. In dem Buch schreibt er von zwei geschenkten Leben. Der 78-Jährige kam zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs auf die Welt – und überlebte die Nacht am 14./15. Oktober 1944, als Bomben auf Duisburg niederprasselten. Den Jugendlichen erzählt er von der Flucht, wie er und seine Familie sich wieder von Thüringen nach Duisburg durchschlugen und warum sein erster Schultag ziemlich schrecklich war.

Eingeschult wurde Kaspers, der in Duissern aufwuchs, in Thüringen. „Meine Mutter hatte Heft und Stifte sowie eine Schiefertafel und Griffel besorgt.“ Allerdings gab es keine Tornister und richtige Anziehsachen hatte der junge Dieter auch nicht. Die Hose war zu kurz, die Treter eigentlich Damenschuhe mit halbhohem Absatz. „Ich war isoliert und als evakuiertes Kind hatte ich einen schweren Stand“, erinnert sich Dieter Kaspers. Zum Glück konnte die Mutter doch noch einen Ranzen auftreiben. Bloß wurde die Schule ein paar Tage später wieder geschlossen. Die Amerikaner marschierten ein. „Hitler habe ich nie gesehen, aber er war natürlich überall präsent“, beantwortet er die Frage eines Schülers.

Der Familie gelingt es, wieder nach Duisburg zu kommen. Sie laufen, eine Woche lange, von Thüringen ins Ruhrgebiet. Zwischendurch kürzen sie ein Stück mit der Bahn ab. Zuvor wurden in den Waggons Kohlen transportiert – die Passagiere waren rabenschwarz im Gesicht. „Das letzte Stück von Mülheim nach Duisburg war fast ein Spaziergang. Als wir vor dem Tierpark standen, küsste meine Oma den Boden.“ Die Straßen seien aufgeräumt gewesen, der Schutt lag an der Seite. Ihre Wohnung war zerstört. Tante Berta nahm die Familie in Hochfeld auf. „Mein Nachtlager war unter dem Spülstein. Ich hatte schon lange nicht mehr so gut geschlafen“, erzählt Kaspers.

Später wurde er nochmal in die Volksschule eingeschult. „Da wir schon älter waren, mussten wir den Stoff von vier Jahren in zwei Jahren lernen“, beschreibt der Autor. „Cool“, findet Annika. Als sie aber hört, dass Kaspers beinahe nicht die Mittelschule besuchen konnte, weil das Geld nicht reichte, sagt sie: „Das ist doch unfair, da haben Arme ja nie eine Chance.“ Kaspers war der Erste in der Familie, der eine höhere Bildung genoss. Tante Berta übernahm die Kosten.