Fußballverband will Krawallvereine zu Psycho-Kursen schicken

Gewaltübergriffe im Amateurfußball sind keine Seltenheit. Der Fußballverband Niederrhein will zur kommenden Saison härtere Strafen in allen 14 Kreisen einführen.
Gewaltübergriffe im Amateurfußball sind keine Seltenheit. Der Fußballverband Niederrhein will zur kommenden Saison härtere Strafen in allen 14 Kreisen einführen.
Foto: Winfried Labus
Was wir bereits wissen
Der Fußballverband Niederrhein arbeitet an einem neuen Regelwerk, um Gewalt einzudämmen. Prügelnde Mannschaften müssen dann zum Psychologen.

Duisburg.. Um die Gewalt auf den Fußballplätzen der Region einzudämmen, arbeitet der Fußballverband Niederrhein (FVN) derzeit an einem Regelwerk, das härtere Strafen für Krawallvereine vorsieht. Es soll zur kommenden Saison im Sommer in Kraft treten. „Vereine können von der Spruchkammer zu Kursen mit einem Psychologen verpflichtet werden“, sagt Frank Adams, Vorsitzender des FVN-Kreises 9, zu dem Dinslaken, Duisburg und Mülheim gehören.

Gewalt im Fußball Das neue Konzept ziele vor allem auf Wiederholungstäter: „Wenn Vereine dreimal auffällig geworden sind, werden sie zunächst vom Kreisvorstand zum Gespräch vorgeladen.“ Erst danach ginge es zum Psychologen – abhängig von der Brutalität des Einzelfalls. Solch ein Zwangskurs dauere vier Tage und koste den Verein 120 Euro, sagt Adams in Gespräch mit unserer Redaktion. Verbandspräsident Peter Frymuth habe dem Konzept bereits zugestimmt.

Regelwerk für alle Niederrheinkreise

An dem neuen Konzept wurde nicht nur der Verbandsvorstand beteiligt, sondern auch die Konfliktberater der Kreise – früher Fußballlotsen genannt – sowie die Schiedsrichter. „Wir arbeiten an einem Handbuch, nach dem alle 14 Kreise arbeiten können“, sagt Adams. Seit einem halben Jahr hätten die Konfliktbeauftragten bereits intensiv die Probleme besprochen und nach Lösungen gesucht.

Doch bis das Papier von allen Beteiligten unterzeichnet ist, werde es wohl noch einige Wochen dauern, sagt Wolfgang Jades vom FVN-Präsidium: „Die einzelnen Gremien müssen darüber noch abstimmen, es dauert möglicherweise bis zum Sommer.“ Jades selbst will noch keine konkreten Details des Regelwerks nennen. Fest steht aber: „Es betrifft Junioren- wie Seniorenmannschaften, Männer und Frauen.“

Gewalt im Fußball Dieser neue Maßnahmenkatalog soll allerdings über psychologische Kurse hinaus gehen, betont Frank Adams. Die Spruchkammern sollen befähigt werden, Vereine härter als bislang für Gewaltausbrüche zu bestrafen. „Die Tendenz geht dann dahin, dass die Spruchkammer sagt: Ihr seid der erste Absteiger.“ Außerdem könnten gewalttätige Mannschaften komplett gesperrt werden.

Zu diesen Maßnahmen ist es gekommen, weil es in den vergangenen Monaten immer wieder brutale Ausschreitungen im Amateurfußball gab: Pöbeleien, Schlägereien und Attacken auf Schiedsrichter.

Verbandspsychologe Körzel: "Es muss auch weh tun!"

Es sollte ein Fußballfest werden, doch dann kam es zum Eklat. Gewalt überschattete das Kreisliga-Derby in Dinslaken zwischen dem VfB Lohberg und Rot-Weiß Selimiyespor Lohberg. Ein Spieler schlug den gegnerischen Trainer zu Boden, es kam zu heftigen Tumulten, auch unter den 400 Zuschauern, von denen zwei verletzt wurden. Die Polizei rückte an, der Fußballverband Niederrhein (FVN) verdonnerte Rot-Weiß Selimiyespor zu einer Strafe von 500 Euro, der Klub legte Einspruch ein.

Fußball Was sich in Lohberg Anfang April ereignet hat, ist längst keine Seltenheit auf den Fußballplätzen der Region mehr. Mit dem neuen Regelwerk, das zur kommenden Saison in Kraft treten soll und härtere Strafen in allen 14 Kreisen vorsieht, will der FVN der Gewalt entgegenwirken.

Harte Strafen gegen Krawallklubs

Eine Expertin der Deutschen Sporthochschule Köln zeigt sich von dem Konzept überrascht. Sie will nicht wahrhaben, dass Psychologen vom Verband als Strafe gegen gewalttätige Fußballmannschaften eingesetzt werden sollen.

Doch genau das plant der Verband. Sein Mann für solche Fälle ist Thomas Körzel. Der Essener Diplom-Psychologe betreibt ein Büro für Karrierecoaching, beim FVN bildet er Trainer aus und leitet Schiedsrichterkurse. Im Gespräch mit unserer Redaktion erläutert er Kernpunkte der geplanten Maßnahme für Teams, die mehrmals durch Brutalität aufgefallen sind.

Fußball „Es geht zu Beginn darum, die Frage zu klären, was Gewalt überhaupt ist“, sagt der 48-Jährige. Diese umfasse auch Pöbeleien. In einem weiteren Schritt zeige er den Teilnehmern Videoaufnahmen von Gewaltszenen, dann sollen sie sich durch Übungen „in die Opferrolle hineinversetzen“.

Regelwerk gegen Gewalt

Eine zentrale Maßnahme bestehe darin, für jedes Team ein Regelwerk zu erstellen, das bestimmt, wie sich die Spieler auf dem Platz benehmen sollen. „Sozusagen die zehn goldenen Regeln“, wie Körzel sie nennt. „Sie legen fest, wie man sich gegenüber gegnerischen Spielern, Trainern, Schiedsrichtern oder auch den Zuschauern verhalten soll.“ Diesen Kodex müssten alle Teilnehmer unterzeichnen und sich zukünftig auch daran halten.

Schiedsrichter Zu den Erfolgsaussichten eines solchen Kurses sagt Körzel: „Wir erreichen vor allem die Mitläufer.“ Gerade diese Spieler müssten anderen aber erklären, dass sie Gewalt nicht dulden, sondern „Fußballspielen und nicht in irgendwelche Verfahren verwickelt werden wollen“. Entscheidend sei der Trainer. „Er ist der wichtigste Multiplikator, denn er muss die Sanktionen und Strafen bestimmen.“

Nach dem Kurs müssen die Mannschaften wieder zum Psychologen, für ein „Feedback-Gespräch“. Dabei tauschen sie sich mit ihm über Erfahrungen und mögliche Fortschritte aus.

Thomas Körzel befürwortet den Plan des Verbands, gewalttätige Teams zu psychologischen Kursen zu verpflichten, die den Verein Geld kosten. „Es muss auch weh tun.“ Sollte trotzdem keine Besserung eintreten, kann die Spruchkammer noch härter durchgreifen. Auch ein Zwangsabstieg oder eine Sperre der Mannschaft sind möglich.