Flüchtlingsrat mahnt Konzept für die Asylbetreuung an

Mit einer mehrmonatigen Unterschriftenaktion möchte der Duisburger Flüchtlingsrat auf die Bedingungen, in denen geflüchtete Menschen in Duisburg leben, aufmerksam machen. Der Rat der Stadt ist dazu aufgefordert, verbindliche Mindest-Standards für die Unterbringung einzuführen. Ein Interview mit Sprecher Frank Noroschat.

Herr Noroschat, wie ist die derzeitige Situation in Duisburg bei der Unterbringung von Flüchtlingen?

Frank Noroschat: Sehr unterschiedlich. Bei den Einrichtungen in Festbauweise ist die an der Kaiserswerther Straße in Huckingen ein Beispiel für ein absolut marodes Haus. Es ist heruntergekommen. Dann haben wir Turnhallen, die völlig inakzeptabel sind. Dort leben Menschen ohne Abtrennungen, ohne Schutz der Intimsphäre. Dort sind auch Familien mit Babys untergebracht. Das zeigt, dass wir in Duisburg kein wirkliches Konzept dafür haben, Personengruppen wie Alleinerziehende, Familien mit Kindern oder Menschen mit Behinderung gesondert oder in Wohnungen unterzubringen. Wer in Wohnungen kommt, ist hier allein dem Zufallsprinzip überlassen.

Der Flüchtlingsrat setzt sich für eine dezentrale Unterbringung in Wohnungen ein. Wie könnte das funktionieren?

Wir haben einen Leerstand von ungefähr 12 000 Wohnungen, Stand Dezember 2014. Bisher sind knapp 820 Geflüchtete in Wohnungen untergebracht, was nicht 820 Wohnungen bedeuten. Die gehören zum Teil der Gebag, Annington oder anderen Gesellschaften, Privaten weniger. Bisher ist das Verfahren so, dass man im gegenseitigen Einverständnis mit dem Vermieter oder der Gesellschaft die Wohnungen beschlagnahmt. Das dient als gegenseitige Absicherung. Aber wir haben immer noch mehr als genug Wohnungen, wo es auch dem Vermieter entgegenkäme, wenn mit der Stadt abgesicherte Mietverträge entstehen. Was hier fehlt, ist ein Konzept. Da gibt es zum Beispiel das Leverkusener Modell: Durch ein Clearing-Verfahren wird bei jedem Einzelnen geschaut, wo seine Probleme, seine Stärken sind, welcher Betreuungsaufwand gegeben und welche therapeutische Begleitung nötig ist. Danach wird gesteuert, wer in Wohnungen kommt.

Welche Kosten entstehen dabei für die Stadt?

Für sie hätte es finanzielle Vorteile. Bei einer durchgehenden Anwendung des Leverkuserner Modells spart sie jährlich etwa 1,5 Millionen Euro. Und die Stadt hat die Möglichkeit, Pufferungssysteme einzurichten. Das heißt: Die Häuser im Festbau fährt man als Zwischenlösung weiter, bis der Betreuungsaufwand der Menschen mit ihren individuellen Fluchtgeschichten geringer wird und sie in Wohnungen untergebracht werden können. Wenn der Stadt mit wenig Vorlauf Flüchtlinge zugewiesen werden, kann man sie auch zunächst dort unterbringen.

Wo liegt die Schwierigkeit, das Modell in Duisburg umzusetzen?

Neben der Einführung eines Clearing-Verfahrens muss die Stadt dafür sorgen, dass in jedem Stadtteil Anlaufzentren für Geflüchtete eingerichtet werden. Die Betreuungs- und Sozialarbeit muss dezentralisiert wird. Da wird die Stadt nicht umhin kommen, verstärkt Ehrenamtliche einzubinden. Und auch das passiert hier bisher eher ohne Konzept.