Festungsbau für den Verkehr

Dagegen sind die heutigen Auflagen für Bauherren vergleichsweise harmlos: Platz für Minen in allen Pfeilern war einzuplanen, ebenso Verteidigungstürme an beiden Zugängen. Und: Der Bauherr musste ein stattliches Sümmchen zahlen für zwei Kanonenboote, die über sein Bauwerk wachen sollten. Worum’s ging? Um den Bau der Eisenbahnbrücke über den Rhein zwischen Hochfeld und Rheinhausen .

1871 gab’s dafür eine königlich-preußische Konzession, und trotz der strengen Auflagen spiegelte sich allein darin eine damals neue Lockerheit des preußischen Militärs. Denn Rheinbrücken waren bis dahin für die strategischen Köpfe unter der Pickelhaube gerade Einfallstore für den Feind, womit in jenen Jahren vor allem die Franzosen gemeint waren, mithin die größtmögliche Gefährdung der Wacht am Rhein.

Umständliches Übersetzen

Folge war, dass Frachten zwischen den Rheinufern mit Trajekten, also Eisenbahnfähren, umständlich übergesetzt werden mussten (siehe Serienfolge 48: Hebeturm in Homberg). Ob der Sieg über Frankreich bei Sedan im Jahr zuvor die Militärs weniger ängstlich gemacht hat oder die Einsicht in die Notwendigkeit besserer Verkehrswege im Ruhrgebiet, der wirtschaftlichen Herzkammer des jungen Reiches? Vielleicht war’s von beidem etwas, jedenfalls rollten nach zweijähriger Bauzeit am 24. Dezember 1873 die ersten Züge über die zweigleisige Stromquerung im Zuge der Osterath-Essener Strecke der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft. Und zur Beruhigung der Militärs hatte die Stahlkonstruktion mit drei Strompfeilern auf beiden Landseiten Drehbrücken – falls der Feind doch noch mal kommt.

Große Neubaupläne

Das Gegenteil war der Fall, 1914 rückten die Deutschen in Belgien und Frankreich ein, Rheinbrücken waren unverzichtbar für den Nachschub an die Front, deren Unterhaltung aber wurde vernachlässigt. Auch brauchte der rege Schiffsverkehr mehr Platz, so dass nach dem Ersten Weltkrieg eine zweite Brücke geplant wurde, mit weiten Öffnungen über dem Strom und um zwei Gleise breiter als bisher. Gebaut wurde allerdings wieder nur zweigleisig. 1927 war die Brücke fertig – aber nicht für lange.

Im März 1945 sprengten deutsche Pioniere die Brücke. 82 Jahre nach Bau der ersten Rheinquerung standen tatsächlich fremde Truppen, nämlich amerikanische, am linken Rheinufer. Ihren Vormarsch konnte die Sprengung allenfalls verzögern.

Vier Tage nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands waren Hochfeld und Rheinhausen wieder verbunden, sechs Tage brauchten US-Pioniere für den Brückenschlag, so die Erläuterungen zur Route der Industriekultur.

Eine richtige Brücke wurde pünktlich zum Start des Wirtschaftswunders wieder in Betrieb genommen, 1949 erst mit einem, 1950 dann mit dem zweiten Gleis. In den 60er Jahren gewöhnte sich die Bundesbahn auch auf dieser Strecke das Rauchen ab, der Zugverkehr wurde elektrifiziert. Und wer heute mit den Regionalzügen zwischen Hochfeld und Rheinhausen den Strom überquert, kann am linken Ufer noch den zinnenbewehrten Turmbau sehen, der anders als die Brücke die bewegten Zeiten bis heute überdauert hat.