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Experten verteidigen Duisburger Babyklappe gegen Kritiker

06.03.2012 | 11:43 Uhr
Experten verteidigen Duisburger Babyklappe gegen Kritiker
Stationsleiterin Regina Lange und Dr. Peter Seiffert zeigen die Babyklappe des Helios Klinikums.Foto: Udo Milbret

Duisburg.   Streitthema anonyme Geburt: Im Helios Klinikum Duisburg wurde im Jahr 2001 eine Babyklappe eingerichtet - seitdem wurden neun Babys dort abgegeben. Dr. Peter Seiffert und Stationsleiterin Regina Lange befürworten die Babyklappe als rettende Einrichtung und stellen sich im NRZ-Gespräch den Kritikern.

Politiker aller Fraktion laufen Sturm gegen die Babyklappe . Einer der Gründe: Laut einer aktuellen Studie ist der Verbleib von etwa 200 anonym geborenen Kindern ungeklärt. Auch, dass die Babyklappe Kindstötungen verhindert, konnte mit Hilfe der Studie nicht nachgewiesen werden. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder will in diesem Jahr eine neue Regelung auf den Weg bringen, die die Babyklappen und sogenannte anonyme oder vertrauliche Geburten aus der rechtlichen Grauzone holen soll.

Im Helios Klinikum Duisburg wurde im Jahr 2001 eine Babyklappe eingerichtet - seitdem wurden neun Babys dort abgegeben. NRZ-Volontärin Jule Körber sprach über den Sinn der Babyklappe mit Dr. Peter Seiffert, Chefarzt der Kinderklinik, und der Kinderkrankenpflegerin Regina Lange, die die Station 41 leitet, auf der die abgegebenen Babys betreut werden.

Info
So funktioniert eine „Babyklappe“
So funktioniert eine „Babyklappe“

Die Babyklappe ist ein Hilfsangebot an Mütter, die in einer schweren Krise erwägen, Ihr Kind auszusetzen oder zu töten. Sie bietet einen Ausweg aus einer für die Mutter verzweifelten Lage.

Die Anonymität der Mutter ist im Helios St. Johannes Klinikum in Hamborn jederzeit gewährleistet. Mit Hilfe eines Ausweises, der in der Babyklappe bereit liegt, könnte sie später wieder Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen. Das Krankenhaus übernimmt zwei Minuten nach Schließen der Babyklappe die Aufsicht über das Kind. Es kann daher niemand der Mutter vorwerfen, dass sie Ihr Kind ausgesetzt hat.

Und so funktioniert es: Die Babyklappe ist auf dem Grundstück des Helios Klinikums, An der Abtei 7-11 Duisburg-Hamborn, ausgeschildert und von der Straße aus nicht einsehbar. Das Krankenhaus ist mit dem Auto erreichbar, hat aber auch eine eigene Bushaltestelle der Linien 908 und 910.

Neben der grünen Klappe ist ein Knopf, dieser öffnet die Tür. In der Babyklappe liegt ein Umschlag mit Informationen für die Mutter und einem Code, der sie später als Mutter des Kindes identifiziert. Außerdem gibt es dort die Möglichkeit, einen Vornamen für das Kind zu notieren. Das Kind wird in ein auf 37 Grad vorgewärmtes Babybett gelegt - die günstigste Temperatur für Neugeborene. Nach 30 Sekunden kann die Babyklappe nicht mehr geöffnet werden. Kein Anderer kann dann mehr von außen das Baby herausnehmen.

Nach zwei Minuten werden Signale in der Neugeborenenintensivstation und an der Krankenhauspforte ausgelöst. Die Videokamera, die über dem Bettchen installiert ist, schaltet sich auch erst nach zwei Minuten ein. Dann kommt sofort eine Kinderkrankenschwester und holt das Baby zu einer ersten Untersuchung ab.

Frau Lange, wissen Sie etwas über den Verbleib der Kinder, die bislang in Ihrer Babyklappe abgegeben wurden?

Regina Lange: In drei Fällen kamen die Mütter innerhalb kurzer Zeit und haben sich zu dem Kind bekannt. Den Müttern konnten wir auch Hilfe vermitteln, um ihre unmittelbare Lebenssituation zu verbessern. Die anderen sechs Kinder sind bei Adoptiveltern. Wir sind natürlich froh, wenn die Mütter die Möglichkeit nutzen, es sich anders zu überlegen und sich doch noch dem Kind anzunehmen.

Wie ist das organisiert?

Lange: In dem gewärmten Bettchen, was hinter der Babyklappe steht, ist ein Briefumschlag mit einem Code. Über diesen Code kann sich die Frau als die Mutter des Kindes zu erkennen geben. In dem beiliegenden Brief stehen alle Informationen, was nun passiert - in zehn verschiedenen Sprachen.

Und was passiert mit dem Baby?

Lange: Die Mütter haben bis zu 12 Wochen Zeit, sich bei uns zu melden - danach wird es zur Adoption freigegeben. Die Kontaktaufnahme ist jedoch auch danach noch möglich. Unsere Erfahrungen zeigen jedoch, dass sich die Mütter, wenn sie sich denn melden, das innerhalb weniger Tage tun.

Da Sie ja drei Mütter kennen, die ihr Kind abgegeben haben - wissen Sie etwas über die Gründe?

Dr. Peter Seiffert: Eine Mutter war noch minderjährig und hatte Probleme mit ihren Eltern - wir konnten das gemeinsam regeln. Eine zweite wollte das Kind aus finanziellen Gründen abgeben - sie hatte schon mehrere Kinder. Auch da konnten wir helfen. Und die dritte Mutter hatte nicht mitbekommen, dass sie schwanger war - die war verständlicherweise von der Geburt des Kindes überfordert.

Das kann man sich ja gar nicht vorstellen ...

Seiffert: Das gibt es viel häufiger, als man denkt, dass Frauen nicht mitbekommen, dass sie schwanger sind. Ich habe hier schon einige solcher Fälle erlebt, sonst würde ich das selbst auch nicht glauben. Oft waren die sogar in Partnerschaften und selbst der Mann hat die Schwangerschaft nicht bemerkt.

Die Kritiker der Babyklappe sagen unter anderem, dass es den Eltern so zu leicht gemacht werden würde, sich ihrer Verantwortung zu entziehen und dass auch schon behinderte Kinder oder welche, die schon mehrere Monate alt waren, so abgegeben wurden ...

Lange: Ich denke, dass sich keine Mutter solch eine Entscheidung leicht macht, vor allem nicht nach neun Monaten Schwangerschaft. Und die Babys, die bei uns abgegeben wurden, waren ausnahmslos Neugeborene - und kerngesund.

Seiffert: Für uns steht im Vordergrund, das Leben zu retten. Dafür ziehen wir alle Register. Und es gibt eben Situation, da sehen das Frauen als einzigen Ausweg an. Wir wären glücklich darüber, wenn wir uns aus der gesetzlichen Grauzone, in der sich die Babyklappen befinden, hinausbewegen könnten.

Lange: Wir verurteilen diese Mütter auch nicht, eher im Gegenteil - es ist jedes Mal ein gutes Gefühl, wenn wir so einem Kind helfen können. Es war ein großer bürokratischer Aufwand, die Babyklappe einzurichten - nicht jede Institution darf das. Wir arbeiten sehr eng mit dem Jugendamt zusammen.

Und was setzen Sie Kritikern entgegen, die auf mehr Beratung setzen und sagen, das Kind habe ein Recht auf das Wissen über seine Herkunft?

Seiffert: Als erstes muss das Kind überleben, erst danach stellen sich diese Fragen. Seitens der Mutter sind verschiedene Situationen vorstellbar, in denen Beratung nicht helfen kann. Zum Beispiel, wenn der Mutter die eigene Schwangerschaft nicht bekannt oder bewusst ist. Dann wird Sie durch eine Schwangerenberatung niemals erreichbar sein. Grundsätzlich gilt: Das Leben hat immer Vorrang. Die Zahl der Kindstötungen ist erschreckend. Wir sollten alles tun, um den Kindern die Chance zu geben, zu leben. Den Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass die Mutter ihre Daten hinterlegt und diese erst dem Kind ausgehändigt werden, wenn es in einem Alter ist, in dem es selbst darüber entscheiden kann, begrüße ich.

Aber: Wichtig ist zunächst einmal, die Mutter und das Kind nicht in Gefahr zu bringen und Mutter und Kind weitestgehend gerecht zu werden. Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen in Not in keiner Situation von Ärzten abgewiesen werden. Dieses gilt natürlich auch für Frauen, die sich bei einer unmittelbar bevorstehenden Geburt in die Klinik begeben und ihre Identität nicht preisgeben wollen. In einem solchen Fall würden wir die Frau selbstverständlich auch dann entbinden, wenn sie anonym bleiben will.

Jule Körber

Kommentare
06.03.2012
13:46
Die Babyklappe als Lebensretter
von Huber1 | #1

Aber darf das Jugendamt schon vor der Geburt entscheiden, daß das Baby in eine anonyme Adoptionsvermittlungsstelle kommt, ohne Wissen der Eltern und...
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2012-03-06 11:43
Duisburg, Babyklappe, Adoption, Kindstötungen, Helios Klinikum, Dr. Peter Seiffert,Schwangerschaft
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