„Es ist die letzte Station“

Gisela Pietzonka ist eine Krankenschwester mit einer speziellen Palliative Care-Ausbildung. Seit sechs Jahren pflegt sie Schwerstkranke zu Hause oder in stationären Pflegeeinrichtungen. Für den palliativen Pflegedienst medidoc Gmbh fährt sie mit dem Dienstfahrzeug zu Patienten in Duisburg. Sie hat viele Menschen sterben sehen. „Manchmal leben die Menschen nur noch ein paar Tage, manchmal ein halbes Jahr, wenn ich sie das erste Mal gesehen habe. Es ist eben die letzte Station – aber sie können zu Hause bleiben“, sagt sie. Heute fährt sie zu vier Patienten im Duisburger Westen. Nachdem sie schon zwei in Rumeln versorgt hat, geht es jetzt nach Rheinhausen-Mitte.

Der Vater einer türkischen Großfamilie befindet sich in einer palliativen Situation. Schwester Gisela wahrt die Gebräuche der türkischen Kultur, streift sich vor dem Betreten der Wohnung Plastikschuhe über. Die ganze Familie hat sich versammelt. Die Söhne, die selbstständig sind, haben sich extra frei genommen. Heute wollen sie ihren Vater zur Bluttransfusion auf die Onkologiestation eines Essener Krankenhauses bringen. „Das hilft ihm doch, Schwester Gisela?“, fragt einer der Söhne hoffnungsvoll. „Es wird ihm gut tun“, bleibt Schwester Gisela sachlich. „Wichtig ist, dass wir das machen, was sich ihr Vater in seiner Lage wünscht“, erklärt sie der Familie, die jetzt im Wohnzimmer sitzt, wo zentral das Krankenbett steht. Der türkische Mann ist vielleicht Ende 50. Er leidet unter Luftnotattacken, die auf einen Tumor zurückzuführen sind. In den Lungen sammelt sich viel Flüssigkeit, die mit der Lungendrainage zwei mal pro Tag ausgeführt wird. Oft klagt er über Schmerzen. In der NaCl-Flüssigkeit, die über eine Portanlage läuft, wird Morphin je nach Höhe der Schmerzen dosiert.

„Ja, dann muss aber einer von Ihnen langsam den Transportschein abholen. Die Arztpraxis macht gleich zu!“, delegiert die Schwester beim Verbandswechsel. „Bin schon unterwegs“, ruft der älteste Sohn und verschwindet. Die Schwiegertochter fragt: „Was können wir machen, mein Schwiegervater hat einen so trockenen Mund?“. „Sie können ihm vielleicht eine Mundpflege mit Kamillentee machen, das wäre ein Versuch wert. Oder es mal mit Butter oder Nutella probieren. Das wichtigste ist die ständige Befeuchtung der Mundhöhle“, reagiert Schwester Gisela schnell. Nachher sagt sie: „In solchen Situationen ist es wichtig, sehr mitfühlend auf die Angehörigen einzugehen. Ihnen Aufgaben zu geben, so dass sie selbst ihre Wichtigkeit im Pflegeprozess erkennen.“ Es ist ein vertrauensvolles Verhältnis. Die Familie duzt Schwester Gisela in der Anrede, bleibt aber förmlich beim Sie. Dann macht sie noch die Dokumentation über den Laptop. Daraufhin sind alle Informationen sofort für alle Pflegekräfte und Ärzte, die in der Versorgung involviert sind, verfügbar und der Krankentransport wird geregelt. Nach fast einer Stunde verabschiedet sich die Krankenschwester höflich von dem türkischen Mann und seiner Familie, erntet dabei noch ein kurzes Lächeln und weiter geht es. „Wir nehmen uns die Zeit für den Patienten, die wir brauchen“, erklärt sie.

Beim nächsten Patienten, wieder in Rumeln, ist eine Bauchfellentzündung im Rahmen einer Tumorerkrankung festgestellt worden. In seiner Bauchhöhle sammelt sich Flüssigkeit, die Schwester Gisela über eine spezielle Drainage täglich ablässt. In der Nacht hat er über Schmerzen geklagt. Der diensthabende SAPV-Arzt hat ihn besucht und kurzfristig ein Schmerzmedikament angesetzt. „Wie würden sie denn ihre Schmerzen heute morgen einschätzen?“, fragt sie den etwa 60-Jährigen. „Drei bis vier“, antwortet der schwach wirkende Mann. „Heute nacht waren es noch sechs bis acht auf der Schmerzskala“, stellt sie fest. „Dann hat das Medikament erst mal gewirkt. Trotzdem werden wir Sie weiter im Auge behalten.“

Die Beobachtung des Patienten ist wohl das Wichtigste, was eine SAPV-Schwester leisten muss. „Wir müssen immer schauen, in welchem Zustand er sich befindet – und der kann sehr schnell kippen“, weiß Gisela Pietzonka. Kurz nach eins fährt sie zu einer Patientin nach Schwafheim – die hat Scheidenkrebs. Um 14 Uhr ist Übergabe auf der anderen Rheinseite und Gisela Pietzonka kann mit Kollegen über das Erlebte reden...